Eine Million Corona-Tote Wir sind die Überlebenden

Ein Essay von Nils Minkmar
Damit nicht noch mehr Menschen an Corona sterben, müssen wir aus der Pandemie lernen: Sie wütet am schlimmsten, wo Wissenschaft und Politik nicht miteinander arbeiten, wo getrickst und getäuscht wird.
Begräbnis eines Corona-Opfers in Moskau, 15. Mai 2020

Begräbnis eines Corona-Opfers in Moskau, 15. Mai 2020

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KIRILL KUDRYAVTSEV / AFP

Zu Beginn des Jahres druckste die in Genf residierende Weltgesundheitsorganisation noch herum. Ob das neuartige Virus, das da in China für Schlagzeilen sorgt, dort immer neue und drakonische Maßnahmen auslöst, schon den Status einer Pandemie erreicht hat? Genf verneinte es lange, beobachtete und beobachtete.

Viel Zeit ging verloren, heute sind wir klüger und unglücklicher. Eine Million Menschen sind offiziell an dem Virus gestorben, errechnet die Johns Hopkins University. Eine Million Menschen, von denen die meisten noch zu Jahresbeginn keinen Schimmer von der aufziehenden Gefahr gehabt haben dürften.

Diese enorme Zahl macht uns Gesunde oder Genesene zu Überlebenden, zu Zeitzeugen und Leidensgenossen. Es sind nicht nur die körperlichen Symptome und die medizinischen Probleme. Auf allen, die - wenn auch nur von ferne - Nachrichten verfolgen, lasten Sorgen, die von der gesundheitlichen Gefahr des Virus ausgehen, und dann viele andere Bereiche mit möglichem Unglück kontaminieren: Habe ich bald noch einen Job? Wen werde ich noch treffen können?  Wann kann ich wieder reisen und feiern?

Der banale Alltag erscheint heute als Utopie

Was so leise und diffus begann, teilt nun unser Geschichtsbewusstsein in ein davor und ein danach. Es ist eine Plage, die alle Länder betrifft, alle Gesellschaftsformen, Wirtschaftsordnungen und Religionen. Das, was bis vor wenigen Monaten noch schlicht die banale Gegenwart war, erscheint uns heute als Utopie und zunehmend seltsam, riskant und unbedacht. Man möchte in jedem Film Einspruch erheben, wenn die Schauspieler sich maskenlos durch eine volle Party schieben. Es gibt kaum noch ein anderes Thema.

Eine Million Coronatote: Fünf Opfer und ihre Geschichten

Menschen kommen mit Gefahren zurecht, die sie sinnlich wahrnehmen können, vor denen sie fliehen oder die sie bekämpfen müssen, aber ein sich global verbreitendes, unsichtbares und unberechenbares Virus entwickelt sich zu einer nie dagewesenen seelischen Belastung. Sie äußert sich in einer Zunahme psychischer Krankheiten und häuslicher Gewalt, erwischt die Schwächsten und Schutzlosen. Das nun oft beschworene Leben mit der Pandemie muss auch einen Plan beinhalten, wie die Seele zu schützen und die häusliche Gewalt einzudämmen ist.

Corona ist ein Test für Gemeinschaften. Die zentrale Ressource, um die Ausbreitung zu verlangsamen, solange weder Impfstoff noch wirksame Medikamente zur Verfügung stehen, ist Vertrauen. Zusammenarbeit, Verantwortungsgefühl und Zuverlässigkeit in der Gesellschaft machen dem Virus das Leben schwer. Und vice versa: Es wütet ungehemmt, wo ein Staat in verfeindete Milieus zerfällt, wo Wissenschaft und Politik nicht miteinander arbeiten, wo Parteien sich feindselig austricksen und wo die Bürgerinnen und Bürger ihren politischen Vertretern und den Medien zutiefst misstrauen.

Daran erinnerte der spanische Schriftsteller David Jiménez in einem Artikel für die "New York Times" . Der Grund für den besonders schweren Verlauf der Epidemie in Spanien liege in der Dysfunktionalität des politischen Systems seiner Heimat. Die Parteien hätten sich nicht geöffnet oder erneuert, agierten wie eine machtbesessene Parallelgesellschaft.

Ob man seiner Analyse folgt oder nicht - Corona offenbart, wodurch eine Nation, wodurch letztlich die ganze Welt verletzbar geworden ist, nämlich durch einen Mangel an Kooperation und Vertrauen. Institutionen zur gemeinsamen Informationsübermittlung, zum Austausch über wirksame Prävention, zum Aufspüren von Superspreadern und potentiellen Clustern – es gibt sie nicht oder wenn, dann unterfinanziert, unterversorgt und politisch marginalisiert.

Corona nutzt die Schwächen des Gemeinwesens

Macht organisiert sich entlang nationaler Grenzen, die sind dem Virus aber egal. Die Leute werden sich schon fragen, warum in manchen Ländern die Eindämmung so viel besser gelang. Werden sie es hinnehmen, dass so viele sterben müssen, weil ihre jeweils zuständigen Politiker faktisch zu Herrschern über Leben und Tod werden?

Dabei galt doch Politik bis vor kurzem in vielen Ländern als wenig attraktive Variante des Showbusiness, die Berlusconisierung beschränkte sich längst nicht nur auf Italien, weltweit sah man das schreckliche Comeback wenig vertrauenswürdiger Männer in den Nachrichten. Das war kein Drama, weil nationale Politik immer unwichtiger schien, die ökonomisch globalisierte, liberale Gesellschaft glich aus, was die Parteien an Exzentrikern aufboten. Dachte man.

Corona hat das geändert. Es nutzt Schwächen des Gemeinwesens. Dabei ist nichts an der Entwicklung dieser Monate neu oder überraschend. Diese Gefahr ist längst erkannt und präzise beschrieben. Kurz vor seinem Tod im Frühjahr 1989 schrieb der britische Schriftsteller Bruce Chatwin Briefe an seine Freunde. Darin warnte er: "Wir leben in einer Zeit neuer Viren, einer Zeit der Büchse der Pandora."

Chatwin wollte in entlegenen Gebieten des Sahel nach ursprünglichen Formen von Viren und immunen Personen suchen, um Impfstoffe zu entwickeln. Aber es kam nicht mehr dazu. Er war selbst in Behandlung wegen einer Pilzinfektion, die er sich in China zugezogen hatte. Sein Immunsystem funktionierte nicht mehr, denn Chatwin hatte sich mit dem HiVirus infiziert und starb am 18. Januar 1989 in Nizza.

Dann führte er aus, dass der "Klimawandel" Afrika verändert und dass Viren, die Jahrtausende lang in geordneten Bahnen lebten, sich anschicken könnten, "die Welt zu kolonisieren". Die Gefahr ist nun real, denn nach CoVid 19 warten weitere Erreger in noch unentdeckten Wirtstieren auf menschlichen Besuch. Wollen wir weitere Pandemien vermeiden, müssen wir stärken, was sie schwächt.

Solidarität ist unsere beste Chance

Die bis vor Kurzem dominierende Wirtschaftsordnung begünstigte die rasche Ausbreitung des Virus, schwächte die öffentliche Gesundheitsfürsorge und förderte im digitalen Kapitalismus und den sozialen Netzwerken eine aus der nichtkooperativen Spieltheorie entwickelte Paranoia. Dass es mies bezahlte Pflegekräfte und Supermarktkassiererinnen sein würden, die die Welt retten, dass Gesundheitsämter die Spitze des Fortschritts bilden müssen und sozialer Zusammenhalt, also die müde, alte Solidarität unsere beste Chance ist, überhaupt weiter machen zu können und nicht unterzugehen in Krankheit und Kummer – im Januar hätte man davon nicht mal eine bekiffte evangelische Jugendgruppe überzeugen können.

Eine Million Opfer dieser Krankheit, das ist ein besonders Datum. Es hat keinen Sinn mehr, über Corona als ein Thema nationaler Ordnungspolitik zu diskutieren, über Fußballspiele und Karnevalsveranstaltungen, all das verkennt die begrifflichen Anstrengungen, die sofort unternommen werden müssen, damit der Spuk sich wenigstens in Grenzen hält.

Nicht der Impfstoff allein, nicht lindernde Medikamente – wenn wir nicht möchten, dass eine weitere Million der Pandemie zum Opfer fällt, müssen wir Zusammenarbeit und Vertrauen stärken, zwischen Nachbarn wie zwischen Nationen. Wenn wir dieser und kommenden, ähnlichen Seuchen begegnen wollen, dann steht am Ende der Veränderungen so etwas wie eine Weltinnenpolitik, eine Globalisierung der Fürsorge, der Kooperation und der Humanität.

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