Samira El Ouassil

Corona-Pandemie Liebe Schutzmaskenverweigerer!

Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Sie fühlen sich "gefangen" unter Ihrer Maske? Lustig, das sagen Nudisten auch über Kleidung und tragen trotzdem Hosen beim Einkaufen. Mal ehrlich, es ist grob unhöflich, andere Menschen umbringen zu wollen.
Banksy-Gemälde in Bristol, Großbritannien

Banksy-Gemälde in Bristol, Großbritannien

Foto: Ben Birchall/ picture alliance/ dpa

Liebe Schutzmaskenverweigerin, lieber Schutzmaskenverweigerer,

ich begegne Ihnen im Bus, im Supermarkt, in der Apotheke, im Fitnessstudio, aber vor allem und immer häufiger im Zug. Da ist es am zermürbendsten, denn keiner von uns beiden hat die Möglichkeit, vor dem jeweils anderen zu fliehen. Die Deutsche Bahn kann offenbar schwer etwas dagegen machen, sie verweist auf die staatlichen Vorgaben und ist laut eigener Aussage nicht befugt, diese durchzusetzen .

Also sind wir - insofern Sie keine gesundheitlichen Probleme am Tragen einer Maske hindern - auf die Gnade Ihrer Einsicht angewiesen, großzügigerweise einen Mundnasenschutz zu tragen.

Ich weiß, es ist sicher unzumutbar, die Hälfte Ihres wunderbaren Antlitzes hinter einem vulgären Stück Stoff verstecken zu müssen, aber mir fällt keine diplomatischere Formulierung ein als: Es ist grob unhöflich, andere Menschen umbringen zu wollen.

Seien Sie kein aerosoler Rüpel

Es ist praktisch allen respektlos gegenüber: Alten Menschen. Eltern. Alleinerziehenden. Kindern. VerkäuferInnen. Krankenhauspersonal. Jedem atmenden Menschen gegenüber ist es respektlos. Warum also wollen Sie ein aerosoler Rüpel bleiben?

Der griechische Philosoph und Naturforscher Theophrast begründete die Methode der Rüpelbetrachtungen in seinem Werk Charaktere, in welchem er anhand von Typologien versuchte, ein Kabinett des Menschlichen abzubilden. Damals beschrieb er 30 männliche "Charaktere", zum Beispiel "den Schwafler", "den Knickrigen" oder "den Verlogenen". Liest man diese Typologien heute, wird die Unveränderlichkeit menschlicher Fehlbarkeit schmerzhaft lustig deutlich.

Liebe Schutzmaskenverweigerin, lieber Schutzmaskenverweigerer, ich höre Sie sagen: "Ich fühle mich so gefangen mit der Maske." Lustig, das sagen Nudisten auch über Kleidung und trotzdem tragen sie eine Hose zum Einkaufen. Vielleicht fühlt sich der Exhibitionist im Park bloß gefangen von seinem Trenchcoat? Die Regel sollte sein: Wenn es für Sie kein Problem wäre, dass jede denkbare Person nackt während einer mehrstündigen Zugfahrt neben Ihnen sitzt, dann sei Ihnen das Nichttragen einer Maske in der Zeit absolut gegönnt.

"Ich kriege keine Luft", ergänzen Sie. Tja, jemand, der an Covid-19 erkrankt, bekommt im schlechtesten Fall noch weniger Luft. Sie müssen Ihre Maske auch nicht um sich schlingen, als würden Sie versuchen, sich vor Unmut über die reglementierte Welt selbst zu strangulieren, es reicht, schlicht Mund und Nase bedecken. Ja, auch die Nase.

Seien Sie kein toxischer Anti-Maskierer

Liebe Schutzmaskenverweigerin, lieber Schutzmaskenverweigerer, ich will Sie nicht mit allen Maskenverweigerern in einen Wäschekorb stecken. Es gibt ja auch noch die toxischen Anti-Maskierer wie diesen veganen Koch, der vor zwei Wochen einen Journalisten des Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus beleidigen wollte, indem er ihm nicht nur vorwarf, einen Mundschutz zu tragen, sondern diesen als "Damenbinde in seiner Fresse" bezeichnete .

Riechen Sie die Misogynie in seinem Atem? Kooperation, gegenseitiges Schützen scheint in seiner Welt unmännlich - stattdessen survival of the shittiest. Ironischerweise widerspricht seine Verweigerung, andere schützen zu wollen, genau dem archetypischsten Charakterzug, den er vermutlich als "maskulin" bewerten würde: schwache Menschen zu beschützen. Nach seiner Logik müsste es eigentlich unmännlich sein, ohne Maske rumzulaufen.

Aber das Ego dieser Maskenverweigerer scheint offensichtlich so empfindlich und abhängig von dem Gefühl rücksichtsloser Unangepasstheit, dass es hinter einem Stück Stoff sofort zerbräche.

Laut einer Untersuchung des University College London, die letzten Mittwoch veröffentlicht wurde, könnte eine Covid-19-Infektion mit milden Symptomen nicht nur respiratorische Spätfolgen haben, sondern auch neurologische Hirnschäden hinterlassen. Eine in dieser Studie beschriebene Frau  entwickelte nach ihrer Genesung Halluzinationen und Wahnvorstellungen und sah plötzlich überall Affen.

Wenn ich so manchen Schutzmaskenverweigerer sehe, der in seiner eigenen kleinen pandemiefreien Welt vor sich hinhangelt, könnte man annehmen, dass dieser schon an Corona erkrankt war und jetzt selbst mit den neurologischen Konsequenzen kämpft.

Liebe Maskenpflichtverweigerin, lieber Maskenpflichtverweigerer,wie ist das also bei Ihnen? Benutzen Sie etwa auch keine Kondome? Sind die auch ein Eingriff in Ihre Freiheitsrechte?

"Die Regierung hat aber die ganze Zeit widersprüchliche Aussagen getätigt", erwidern Sie. Da haben Sie in diesem Punkt recht. Dass Sie der Maske misstrauisch gegenüber aufgestellt sind, weil die Regierung ihre Notwendigkeit zu spät rausgekehrt hat, kann ich verstehen. Im Februar war die Aussage zur Maske noch eine komplett runterspielende, jetzt ist sie Pflicht, das war tatsächlich: Regierungsversagen. 

Retten Sie Menschenleben, auch aus Versehen

Einem Gesundheitsministerium zu vertrauen, welches nur deshalb keine Masken empfahl, weil es versäumt hatte, sich um deren Besorgung zu kümmern, fällt auch mir schwer. Zumal dieser Fehler Leben gekostet haben dürfte . Dass Sie aufgrund dieser Kommunikation die Empfehlung der Maske jetzt ablehnen, erscheint also konsequent. Könnte dieses Maskengebot womöglich wieder nur eine Fehlinformation der Regierung sein? Aber angenommen, es ist so, angenommen, die Maske bringt genau gar nichts, Robert Koch-Institut, Gesundheitsministerium, Weltgesundheitsorganisation und alle anderen Länder mit Maskenpflicht irren sich - was wäre das Schlimmste, was beim Tragen passieren könnte? Man würde beim Einkaufen Ihre schöne Nase nicht sehen.

Nur mal angenommen, das Tragen ist wirksam, Sie würden durch eine lächerlich einfache Geste ein Menschenleben retten, ein einziges, so ganz aus Versehen, wäre das nicht einen Versuch wert?

Maskierter Gruß,

Ihre Sitznachbarin im Zug, in der U-Bahn, im Bus, Ihre Miteinkäuferin im Supermarkt und in der Apotheke, kurz: Ihr Mitmensch.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.