Margarete Stokowski

Corona an Schulen Die vierte Welle plattspenden

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Ein Corona-Comeback droht, doch die Politik hat keine Ideen für Schulen. Gut situierte Menschen sollten die Zukunft jetzt selbst in die Hand nehmen. Ein Aufruf.
Luftfiltergerät in einem Klassenzimmer in Nordrhein-Westfalen

Luftfiltergerät in einem Klassenzimmer in Nordrhein-Westfalen

Foto: Hauke-Christian Dittrich / picture alliance / dpa

Liebe reiche Menschen (alle anderen dürfen gern mitlesen),

wir wissen ja vermutlich alle, dass Spenden allein die Welt nicht zu einem gerechteren Ort machen werden, aber vielleicht kurzfristig zu einem gesünderen, daher folgender Vorschlag: die nächste Welle der Pandemie mit gespendeten Luftfiltern plattmachen, so gut es geht. Vor allem in Schulen, aber nicht nur.

Im Moment kann man drei Phänomene beobachten, die jeweils einzeln problematisch sind, zusammen aber auch eine Teillösung ihrer selbst werden könnten.

  • Erstens: Die Delta-Variante breitet sich aus, und alle wissen es .

  • Zweitens: Die Schulen in Deutschland sind nicht gut genug  für die vierte Welle vorbereitet, was im Großen und Ganzen daran liegt, dass Kinder und Jugendliche für die deutsche Coronapolitik faktisch keine besondere Priorität hatten, um es milde zu formulieren, weder für die Bundesregierung noch für die einzelnen Landesregierungen. Für Menschen unter zwölf Jahren ergibt sich eine Mischung aus Pech und schlechten Absichten von oben, Pech wegen fehlender Impfmöglichkeiten und schlechte Absichten im Sinne schlecht gemachter Politik.

  • Drittens: Den sogenannten Superreichen geht es finanziell ganz gut, in Deutschland sogar besonders gut, die Zahl der Millionäre in Deutschland ist in der Pandemie gestiegen. Den Schulen hingegen geht es finanziell nicht gut genug, sonst hätten wir die Luftfilterdebatte nicht.

An jedem einzelnen dieser Phänomene könnte man verzweifeln. Warum sind Menschen so wenig lernfähig, warum sind junge Menschen der Politik so egal, warum hat die Pandemie Arme ärmer und Reiche reicher gemacht? Alles nicht schön, aber wir wollten ja Lösungen finden. Hier eine: Wenn die Politik es nicht schafft, Schulen mit Luftfiltern auszustatten, müssen Menschen mit Geld es tun. Warum nicht? Das Geld ist da, es gibt Filter, die für Schulen geeignet sind, man muss sie nur kaufen und hinbringen. Geld kann nicht alle Probleme lösen, manche aber ziemlich gut. Warum schließen sich nicht ein paar Menschen mit Geld zusammen und gehen die Sache an?

Es gab bereits schon einige solcher Versuche, aber im zu kleinen Maßstab. So wollte etwa in Lüdenscheid ein Arzt bereits im Winter Geld für Luftfilter spenden, nach Berichten eines Lokalmediums 10.000 Euro, plus Geld aus einem Rotary Club. Die Stadt lehnte mit verschiedenen Begründungen ab, unter anderem könne man nicht einzelne Schüler*innen bevorzugen. Der Bürgermeister erklärte, dass Stoßlüften ja auch gut sei, und kündigte an, 40 Luftfilter für die Schulen der Stadt zu besorgen. Es gibt allerdings mehr als 40 Schulklassen in Lüdenscheid.

In einer Schule in Helmstadt-Bargen, Baden-Württemberg, lief es ähnlich: Eltern wollten Luftfilter für die Schulen ihrer Kinder anschaffen – abgelehnt. Sie wollten verhindern, dass ihre Kinder im nächsten Winter wie im vorigen in viel zu kalten Klassenräumen bei offenen Fenstern sitzen, aber auch hier war laut Berichten der »Rhein-Neckar-Zeitung« die Begründung, dass Lüften ja auch gut und der Winter noch lange hin sei und einzelne Klassenzimmer nicht bevorzugt werden sollten.

An anderen Schulen scheint das Spendensammeln unproblematischer. In Frankfurt hat der Förderverein einer Schule Geld für 110 Filtergeräte plus fünf Staubsauger gesammelt. Teilweise spenden Firmen, die Luftfilter bauen, die Geräte selbst. Oder die Eltern spenden: Die »Berliner Morgenpost« berichtete im Januar, dass die zu wenigen Luftfilter für Spandauer Schulen durch Spenden von Eltern aufgestockt werden könnten. Für die Grundschule am Windmühlenberg in Gatow wurde ein Crowdfunding gestartet, um 11.300 Euro für sechs fehlende Luftfilter zu sammeln. In dem Aufruf heißt es: »Hier zeigt Spandau – anders als andere Bezirke –, dass behördliche Prozesse flexibel, schnell und gut funktionieren können! (...) Zum Beispiel gibt Marie 5 Euro von ihrem Taschengeld, überredet ihren großen Bruder Max, auch 5 Euro zu geben, die Eltern sind beeindruckt und geben 50 Euro dazu.«

Aber warum soll Marie fünf Euro von ihrem Taschengeld geben, wenn vielleicht eine andere Marie 5000 Euro spenden könnte? Sogar mit steuerlich absetzbarer Spendenbescheinigung, denn das Internet hat eine Menge von Crowdfunding-Möglichkeiten geschaffen, bei denen man Geld für bestimmte Zwecke ohne viel Aufwand in seriösem Umfeld spenden kann.

Warum sind Menschen so wenig lernfähig, warum sind junge Menschen der Politik so egal, warum hat die Pandemie Arme ärmer und Reiche reicher gemacht?

Natürlich wäre es Aufgabe der Politik, die Schulen gut auszustatten, aber wir wissen, wie es läuft: nicht gut genug. Dabei wären Luftfilter für Schulen auch für die Zeit nach der Pandemie eine sinnvolle Investition, Stichwort: andere Krankheiten. Man müsste trotzdem auch mal lüften, aber die Schüler*innen müssten nicht noch mal einen Winter lang frieren. Und: Weniger Kinder würden sich mit dem Coronavirus anstecken oder müssten in Wechselunterricht.

Im Moment läuft die Anschaffung der Geräte schlecht. Das »Handelsblatt« schreibt: »Viele Kultusminister wissen nicht einmal, wie viele Schulen bereits Luftfilter verbaut haben. Sie verweisen auf die für die Schulbauten zuständigen Kommunen, die den Ball wiederum zurückspielen. Die Kultusminister hätten weder eine Bestandsaufnahme geliefert noch klar Erwartungen formuliert, heißt es beim Städte- und Gemeindebund. Natürlich dürfe man jetzt nicht wieder Zeit vertrödeln – brauche aber zusätzliches Geld vom Bund.« Der Bund hat Geld zur Verfügung gestellt, 500 Millionen Euro für Luftfilter, allerdings mit bürokratischen Hürden für die Beantragung, außerdem werden maximal 80 Prozent der Kosten vom Bund getragen, und wir wissen, dass viele Schulen nicht genug Geld haben.

Wie gut wäre es, jetzt zu zeigen, dass es auch anders geht? Deutschland hat 8,33 Millionen Schüler*innen. Ein für Klassenräume geeigneter Filter kostet maximal rund 3000 Euro. Die Grünen in NRW haben für ihr Bundesland die geschätzten Kosten für Luftfilter mit 100 Euro pro Schüler*in angegeben. Wenn man der Einfachheit halber mit dieser Zahl rechnet, käme man also auf benötigte 833 Millionen Euro, minus 500 vom Bund, also 333 Millionen. Minus das, was schon ausgegeben wurde. Plus etwas Geld für die Wartung. Ich weiß, dass das keine sehr genaue Rechnung ist, aber: Es geht nicht um unendlich viel Geld. In Deutschland gibt es 1,535 Millionen Millionär*innen. Angenommen, jede*r davon würde im Schnitt 500 Euro spenden, dann wäre das Geld locker drin, plus Geld für Luftfilter für Kitas, Obdachlosen- und Geflüchtetenunterkünfte, denn die werden in der Luftfilterdiskussion meist nicht miterwähnt, wären aber ebenso bedürftig.

Ich hatte oben »liebe reiche Menschen« geschrieben, ohne zu sagen, was ich mit »reich« meine, das war Absicht, denn entgegen meiner Gewohnheit würde ich hier die Definition »reich ist, wer sich reich genug fühlt« gelten lassen. Das Geld von reichen Menschen steckt oft in Immobilien, aber üblicherweise ist noch der eine oder andere Euro ausgebbar. Viele spenden ohnehin schon gern.

Es wäre so einfach. Bürokratische Einwände würde ich in diesem Fall nicht gelten lassen, denn reiche Menschen haben Kontakte und Netzwerke und Druckmöglichkeiten auf die Politik. Ob Sie einen Verein gründen oder eine Crowdfunding-Seite im Internet nutzen oder beides, können Sie entscheiden. Vereinsgründung dauert mehrere Wochen, also lieber bestehende Strukturen direkt nutzen. Aufruf schreiben, reiche Bekannte informieren, Presse und Politik informieren, Geld sammeln, Luftfilterfirmen anschreiben, Schulen anschreiben – zack. Lassen Sie es das neueste Ding unter Reichen werden.

Ich habe nicht viele politische Prinzipien, eigentlich nur eins: unnötiges Leid vermeiden. Mit Spenden für Luftfilter könnte man eine vermutlich beispiellose solidarische Aktion schaffen. Und nein, ich habe keine Aktien von Luftfilterfirmen. Ich will einfach nur das Coronavirus töten, so gut es geht, und hoffe, viele machen mit.

Liebe Grüße
Ihre Frau Stokowski

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