Sibylle Berg

Pandemie-Nachwehen Den Irrsinn vor Augen

Sibylle Berg
Eine Kolumne von Sibylle Berg
Zwei, drei Monate Corona-Innehalten, schon ist alles wieder so hyperkapitalistisch beschleunigt wie immer: Weiter geht's im Wachstumsprozess, nächster Stopp Extinction. Aber wollen wir das wirklich?
Shopping und Wuhling nach den Lockerungen der Corona-Beschränkungen in der Innenstadt von Frankfurt am Main: Das war es jetzt also mit dem Neustart.

Shopping und Wuhling nach den Lockerungen der Corona-Beschränkungen in der Innenstadt von Frankfurt am Main: Das war es jetzt also mit dem Neustart.

Foto: Ralph Peters/ imago images

Bevor eine eventuelle zweite Welle der Pandemie uns wieder die Lust am Leben versaut, kann ich kurz mal resümieren (tolles Wort): Ist ja alles super gelaufen. Dieses Innehalten, Nachdenken hat sich wirklich gelohnt. Für irgendwen, der nicht 80 Prozent der Bevölkerung ist.

Zwei, drei Monate haben ausgereicht, um den Hyperkapitalismus schwer ins Schlingern zu bringen. Die Märkte haben es geregelt, und eine Vielzahl unrentabler, hochgetuneter Überflussunternehmen zum Kollabieren gebracht. Mal unter uns: Wie solide aufgestellt sind Firmen, denen nach zwei Monaten die Luft ausgeht, weil etwa die Mieten überrissen sind? Die Privatisierungsbefürworter nehmen nun wieder dankbar das Geld der Mehrheit. Darauf eine Dividende. 

Und weiter geht's im Wachstumsprozess.

Als wäre nichts gewesen.

Die Staus sind zurück, die Börsen machen wieder Börsenzeug, die Märkte funktionieren, der Wahnsinn geht weiter. Und wir, wir retten, was das Zeug hält: Firmen, Fluglinien, sogar Kreuzfahrtschiffe sind in der Diskussion. Nehmt unser Geld, bitte! Macht weiter mit dem Scheiß. Lasst uns aussterben. Ein paar Großunternehmen haben profitiert, die Obdachlosigkeit steigt, die von der Bevölkerung geretteten Firmen entlassen Teile der Bevölkerung, die dann wieder von der Bevölkerung Geld zum Überleben erhalten . Macht Sinn, oder?

Das war es jetzt also mit dem Neustart.

Alles wie immer, den Irrsinn vor Augen.

Dabei waren wir doch alle so schön geduldig. Immer wieder fiel der Begriff Marathon. Eine Sportart übrigens, deren Betreibende mir komplett wesensfremd sind. Wozu so lange rennen, wenn man das auch in acht Sekunden erledigen kann? Geduld. In fast allen Gesprächen mit Menschen, die ein paar Sekunden Ruhm im Laufe der Unendlichkeit erreicht haben, heißt es bei der Frage nach ihren Charaktereigenschaften: Ich bin ungeduldig. 

Ungeduld ist positiv besetzt. Es klingt nach dynamischen Machertum, nach Checkertum auf der Höhe der Zeit und nach Motor des Kapitalismus. Es ging absurd schnell, die Hälfte aller Spezies auszurotten, das Klima zu verändern, die Flüsse und Meere zu verdrecken. Exponentielles Wachstum. Geschwindigkeit, Leistung.

Ein Hoch den Märkten!

Den Mist wieder zu flicken aber, dauert länger als wir auf der Erde sein werden .

Warum also treten viele gegen Rassismus ein oder versuchen, den Klimawandel aufzuhalten, während gleichzeitig der Regenwald abgeholzt wird und Staaten aus dem Klimaschutzabkommen aussteigen, wenn Autos mit Verbrennungsmotor weiter produziert und neue Autobahnen für sie die Landschaft verbauen? Nun, weil es keine Alternative gibt.

Den Kampf für - sagen wir es platt - eine bessere Welt beginnen die meisten Menschen in ihrer Jugend. Wenn ein Ende des Lebens unvorstellbar scheint und die Wut auf den Zustand der Welt oft noch am Größten ist. Junge Menschen denken all die Beschränkungen nicht mit, die das Leben und die Zeit den älteren Leuten Begrenzungen aufzuerlegen scheinen.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Ohne sie sähe es trostlos aus. Wir würden in einer Welt leben, in der Frauen nicht wählen dürfen, die Apartheid in Südafrika noch bestünde, in der es okay wäre, Sklaven zu halten. Die Welt wäre dominiert von reichen, weißen männlichen Personen und ärmeren männlichen Personen, die sich mit den reichen identifizieren und auf jede minimale fortschrittliche Änderung reagieren wie Kinder, die sich in Supermärkten schreiend auf den Boden werfen. Wir wollen nicht lernen, nichts soll sich ändern. Wir möchten dumm bleiben.

Wenn junge Menschen also trotz dieser schrill schreienden Männer gegen das Aussterben der Spezies Mensch kämpfen, um etwas zu erreichen, das sie nicht mehr erleben werden, kann man das Geduld nennen.

Oder Ausweglosigkeit.

Denn was wäre die Alternative? Die Welt den Stärkeren, Lauteren, Reicheren überlassen? Sich in sein Schicksal fügen, sich sagen: Mir geht es doch noch gut? Kann man machen. Doch ob man damit glücklich wird - mitzumachen, ruhig zu bleiben -, ist eine andere Frage. Der Stillstand der Welt ist erst einmal vorbei, bald schon wieder vergessen. Und nun geht alles von vorne los.

Machen wir uns an die Arbeit.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.