Sibylle Berg

Vierte Coronawelle Ich kann kaum noch

Sibylle Berg
Eine Kolumne von Sibylle Berg
Draußen wird es dunkel, und die Zahlen steigen. Kaum jemand wagt es zu sagen, aber die Kraft lässt nach. Unsere Kolumnistin kennt einige Möglichkeiten, die Welle ohne mentale Schäden zu überstehen.
Lasst mich einfach hier zurück, ich bin raus aus der Nummer

Lasst mich einfach hier zurück, ich bin raus aus der Nummer

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Malte Mueller / Getty Images/fStop

Und nun fallen die Blätter, die Tage sind dunkel, die Nächte sowieso. Der kurze Sommer vergessen, mit den »Es wird schon alles gut«-Momenten. Es geht von vorn los. Zahlen, die keiner versteht, neue Erregung, Passagierscheine, das Leben aufgelöst. Die Gewohnheiten, Kontakte, die kleinen Pläne und, ja ja, check your Privileg.

Es scheint – glaubte man den Berichten, den Statements, den Texten – vielen nichts auszumachen, dass sie Lebenszeit verlieren, dass sie als Kleinbürger ihre Ohnmacht noch deutlicher spüren. Es scheint sie mit Dankbarkeit zu erfüllen, wenn man den meisten Kommentaren und Beiträgen, den Bekannten und Unbekannten, glauben mag. Die sich alle in Krisenzeiten korrekt verhalten: solidarisch, dankbar, geduldig. Kaum jemand leidet. Öffentlich. Und sagt: Ich kann kaum noch, und ich schäme mich dafür, weil wir doch gelernt haben, dass Schwäche bestraft wird. Die bringt keinen Mehrwert.

Und darum sagt oder schreibt doch kaum jemand, außer den Pflegenden, die das Recht dazu haben: Ich halte mich nur mühsam aufrecht; ich versuche zu funktionieren, aber eigentlich habe ich an nichts mehr eine Freude. Wenn ich noch einen Corona-Beitrag sehe oder lese oder irgendeine Meinung höre, fange ich an, mir die Knöchel aufzubeißen. Ich kann nicht mehr, und ich weiß, das ist albern, weil wir ja alle solidarisch wie ein Volkskörper der Krise trotzen sollen, und gemeinsam durch die Prüfung gehen, um uns der nächsten Prüfung zu stellen.

Ich halte den Mund, halte mich raus

Weil wir von Kindheit an darauf trainiert wurden, zu funktionieren und unsere Lebensläufe lückenlos zu gestalten, und nun: Will man doch eigentlich mit dem Gesicht voran in den nicht vorhandenen Schnee fallen und liegen bleiben und sagen: Lasst mich einfach hier zurück, ich bin raus aus der Nummer.

Ich habe keine Meinung, woher auch. Ich blicke nicht mehr durch. Ich halte den Mund, halte mich raus, weil da draußen ein Krieg der Ratlosen stattfindet, der von ratlosen PolitikerInnen und Medienschaffenden angefeuert wurde. Weil AutorInnen, oder sagen wir: Intellektuelle, gerade ihre Aufgabe vergessen haben: besonnen einzuordnen, eine Metaebene zu entwickeln, sachlich und ruhig zu sein, befriedend. Stattdessen rufen sie zum Krieg gegen einen Teil der Bevölkerung auf, der die Gesundheit des Volkes gefährdet.

Es macht mich fertig, dass ein Teil der Menschen als dumm bezeichnet wird. Zu kaum einer anderen Zeit wäre es legitim gewesen, ein dünnes Konstrukt von Dummheit hin zum Bösen zu spannen, in einer solchen Menschenverachtung wie es die Autorin hier  ohne Widerspruch tut.

Es ist kaum zu ertragen, dass es keine Zwischentöne mehr gibt. Dass wir aus Angst, etwas Falsches zu sagen, in der allgemeinen Hysterie besser noch weniger miteinander reden als früher. Und dass wir uns nicht trösten, sondern verachten. Macht mich fertig.

Vielleicht hätte es geholfen, statt markiger Sprüche und euphorischer Durchhaltetexte, mehr Müdigkeit zu sehen. Ich sehe strahlende Millionäre auf Jachten, auf Instagram happy Influencer, die um die Welt jetten, ich sehe Gipfeltreffen und Hotelangebote. Aber das deckt sich doch nicht mit meinem Leben, das aus Masken und Vorsicht, aus weggebrochenem Einkommen und Bekannten besteht, die ihre Jobs verloren haben oder sich gerade umorientieren. Es deckt sich doch nicht mit allem, was ich fühle, denn das, was ich fühle, ist grenzenlose Müdigkeit. Aber kaum einer sagt das.

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Denn so wie unsere Zeit nicht auf Verlierer eingerichtet ist, ist sie auch nicht auf Unsicherheiten eingestellt. Alles wird gut, immer besser. Reichtum für alle und Wachstum bis zum Bachab.

Anleitung zum Überleben ohne mentale Schäden

Und in den Wohnungen sitzen die Leute, und die Dunkelheit steht für Monate bevor. Da gibt es kaum Sondersendungen oder Zeitungsbeilagen darüber, wie man das überstehen kann. Außer dazu, wie man verdammtes Brot backen kann, gibt es wenig Anleitung zum Überleben ohne mentale Schäden auf engem Raum. Allein oder mit Leuten, die man sonst selten sieht.

Darum mache ich das jetzt. Falls sich Ihr Leben in den vergangenen 20 Monaten nicht zum Guten verändert hat. Falls Sie nicht abends in einen Tiefschlaf fallen, weil Sie mehr arbeiten müssen als früher, falls Sie also im dauernden Homeoffice sitzen, oder ohne Arbeit sind, falls Sie zunehmend nervöser und gereizter werden, gibt es einige Möglichkeiten, die Sie probieren können.

Ablenkung. Weg aus den sozialen Medien, die das Gehirn fragmentieren. Zurück zu Büchern. Ich lese gerade David Baddiel 

und nochmals die beste Bebilderung des Pandemiezustands von Ottessa Moshfegh.

Wenn Sie noch Kraft haben, lernen Sie etwas. Eine Fremdsprache, coden, eine Kampfsportart im Onlinetutorial. Fallen Sie nicht ins Netflix-Koma. Seien Sie nett zu sich, zu anderen, reden Sie nicht über die Pandemie. Versuchen Sie, nicht wütend zu sein. Denn das macht noch schlechtere Laune.

Und noch einmal: Bleiben Sie freundlich. Zu allen. Denn es geht den meisten gerade gleich beschissen.

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