Margarete Stokowski

Leben mit der Pandemie Was wir von Depressiven lernen können

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Was noch alles geht, wenn man glaubt, dass nichts mehr geht: Um die Corona-Mattheit zu überwinden, hilft es, sich anzusehen, wie depressive Menschen ihre Krankheit austricksen.
Auch der Blick in die Morgensonne kann helfen, mit Depressionen umzugehen

Auch der Blick in die Morgensonne kann helfen, mit Depressionen umzugehen

Foto: Justin Paget / Getty Images

Es gibt gute und schlechte Nachrichten. Erst die schlechten. Ziemlich viele Leute erleben gerade eine ziemlich harte Zeit. Manche werden Weihnachten zum ersten Mal allein verbringen müssen, manche sind in Sorge um erkrankte Angehörige oder haben kein Geld mehr, manche sind einfach nur leer und zermürbt von diesem elenden Pestjahr.

Jetzt das Gute. Wer jetzt zum Jahresende nur noch wenig Energie und Hoffnung hat, kann von denen lernen, die diesen Zustand ganz gut kennen – von chronisch depressiven Menschen. Das klingt vielleicht erst mal nicht so einleuchtend. Geht es denen gerade nicht besonders schlecht?  Von Leuten lernen, die morgens erst nicht aus dem Bett kommen und dann keine Kraft zum Duschen haben? Genau so.

Denn viele Menschen, die jahre- oder jahrzehntelange Erfahrung im Umgang mit Depressionen haben – ich gehöre dazu –, verfügen über ein ziemlich großes Repertoire an Fähigkeiten, die man einsetzen kann, wenn man das Gefühl hat, dass eigentlich gar nichts mehr geht.

Das soll Depressionen nicht verharmlosen. Depressionen sind eine Krankheit, die professionell behandelt werden sollte. Eine Krankheit, die tödlich verlaufen kann und oft nicht ernst genommen wird. Und sie sind eine Krankheit, für die Betroffene sich oft schämen, sodass sie lernen, in ihrem Alltag irgendwie noch – ich hasse dieses Wort – zu »funktionieren«, ohne dass andere merken, was los ist. Aber egal, ob man eher offen oder versteckend mit der eigenen Krankheit umgeht: Viele Menschen, die chronische Depressionen haben, entwickeln mit der Zeit kleine Tricks und Traditionen, die ihnen durch diese Zeiten helfen.

Der Quatsch mit der Schokolade

Das sind, um es gleich zu sagen, auf jeden Fall nicht die Tipps, die man oft von Leuten hört, die keine Ahnung haben: mal ein bisschen Schokolade essen (machen gerade eh die meisten), in Urlaub fahren (geht nicht), das Handy ausschalten (um noch einsamer zu sein?), sich zusammenreißen (tun wir alle), joggen gehen (es ist kalt). Es gibt nicht wenige Leute, die glauben, dass Depressionen damit weggehen würden – selbst das mit der Schokolade ist nicht ausgedacht. Im »Deutschland-Barometer Depression 2019«  fanden 18 Prozent der Befragten, »Schokolade oder etwas Süßes essen« helfe gegen Depressionen, ein knappes Drittel fand, »Charakterschwäche« sei eine Ursache für Depressionen. Kurzgefasst: Zum Thema Depressionen ist viel Quatsch im Umlauf.

Nun ist es nicht so, dass es zurzeit in den Medien wenig Tipps dazu gibt, wie man sich im Lockdown – ob »light« oder »hart« – um das eigene Wohlbefinden kümmern kann: Achtsamkeit, Resilienz, Selfcare. Da liest man allerdings häufig Dinge, die man alle irgendwie schon mal gehört hat: Jeden Tag ein bisschen spazieren, ein neues Hobby anfangen, Yoga mit YouTube, was basteln, Brot backen. Kann man alles machen. Wenn man aber kurz vorm Verzweifeln ist und kaum noch Kraft hat, hilft ein Brotrezept wenig. Und vom Spazierengehen kann man auch mal die Schnauze voll haben, so langsam.

Hier also ein paar kurze Tipps aus der Welt der Depressiven:

Schritt 1. Erkennen, dass es ein Problem gibt: dass man eigentlich nicht mehr kann und nur noch so tut, als ob. Das geht ganz klassisch mit einem Nervenzusammenbruch – oder noch bevor es dazu kommt. Sich selbst vorzumachen, dass man noch ganz gut klarkommt, kann sehr viel Energie kosten. Falls Sie wirklich noch super klarkommen, können Sie hier aufhören zu lesen. Falls nicht, lesen Sie weiter.

Schritt 2. Maßstäbe ändern: alles ein paar Stufen runterregeln. In einer krisenhaften Zeit gelten andere Maßstäbe als sonst. Das sagt einem eventuell keiner, aber es ist so. Mit Depressionen ist es so: Ein Tag, an dem man es schafft aufzustehen, zu duschen, mehrmals am Tag zu essen und zu trinken und dann auch noch etwas zu arbeiten, ist ein Tag, an dem man extrem viel geschafft hat. Diesen Spirit kann man auch übernehmen, wenn man keine Depression hat, sondern eine Pandemie: Alle, die halbwegs intakt durch diese Zeit kommen, haben ziemlich was überlebt – manche unter härteren Bedingungen als andere, klar. Viele regeln automatisch, ohne groß nachzudenken, ihre Maßstäbe runter, indem sie lange nicht ihre Haare schneiden lassen oder weniger auf ihre Diätideale achten. Es ist aber erleichternder, Maßstäbe bewusst gehen zu lassen, also zum Beispiel: Fehlt mir was, wenn ich zu Weihnachten nicht die perfekt geputzte und geschmückte Wohnung habe wie sonst oder wenn ich öfter Essen bestelle, anstatt selbst zu kochen? Wahrscheinlich nicht. 

Schritt 3. Gute Dinge vornehmen. In harten Zeiten passieren gute Dinge nicht unbedingt von allein. Bei Depressionen ist es so, dass man sich selbst die allerkleinsten Basics oft richtig vornehmen muss, etwa Wasser trinken oder den Müll rausbringen. Wenn man es obendrauf noch schafft, etwas zu tun, was einem auf irgendeine Art guttut, ist es schon sehr gut. Das kann so ein Ziel sein: Eine gute Sache am Tag erleben. Es ist fast egal, was es ist, solange es selbst ausgewählt und keine Pflicht ist.

Beispiele: Zehn Minuten am Fenster stehen, weil gerade die Sonne scheint. Oder aufgeht (selbst wenn man dabei heult, dann immerhin mit Sonne). Alles ist gleichwertig, solange es niemandem schadet. Sport ist genauso gut wie Sudoku, Briefeschreiben so gut wie Telefonieren, irgendwas aufräumen so gut wie Schlafen, Kakao mit Marshmallows trinken, Lesen, Computerspiele, lange Duschen, an eine sinnvolle Organisation spenden, irgendwas reparieren, ein Bild aufhängen. Wichtig: Es ist kein Wettbewerb. Man muss nichts Produktives tun. Sie können auch ein Bild abhängen oder eine hässliche Vase zerschlagen.

Schritt 4. Keine Vorwürfe an sich selbst. Das ist der allerwichtigste Punkt. Man kann sehr viel Kraft investieren, um sich selbst für Dinge fertigzumachen, die man im Moment eben nicht anders hinkriegt. Wenn man sich unter Punkt 3 für Onlineshopping entschieden hat und dann hinterher denkt: Was soll ich jetzt mit diesem neuen Waffeleisen, ich werde es doch sowieso niemals... Stopp. Es ist gekauft. Sie können es immer noch verschenken. Wenn die Energie begrenzt ist, sollte man sie nicht dafür aufwenden, es sich selbst noch härter zu machen.

Schritt 5. Teilen, wenn es geht. Manchmal hilft Austausch, auch wenn man vorher denkt, dass andere einem nicht helfen können. Sie müssen gar nicht direkt helfen. Auch ein »Ist es bei dir auch so scheiße?«-Gespräch kann gut sein. Wichtig: Wenden Sie sich dabei nicht an die »Reiß dich mal zusammen, anderen geht es noch schlechter«-Fraktion, denn die haben Sie vermutlich hinreichend in sich selbst drin.

Schritt 6. Wenn es besser wird, nicht gleich wieder alles hochfahren. Mit Depressionen ist es so: Nur weil man einmal wieder über etwas gelacht hat, ist man noch nicht unbedingt raus aus der Sache. Ein Tag, der gut gelaufen ist, bedeutet nicht, dass ab sofort alles wieder nach den alten Standards laufen muss. Die Maßstäbe bleiben so weit runtergeregelt, bis Sie das Gefühl haben, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben und sozusagen nicht nur da, sondern auch die paar Meter drumherum. Das wird passieren, ziemlich sicher. Im Moment reihen sich die unangenehmen Nachrichten eng aneinander. Lockdown bis Januar, vielleicht länger, Impfen dauert noch und wird nicht schnell gehen, alles bleibt anstrengend. Wenn man schon mal eine längere Depression hatte, kennt man das Gefühl, dass sich nichts zum Besseren verändert. Wenn man schon öfter eine solche Depression hatte, hat man einen einzigen Vorteil: Man weiß, dass man da höchstwahrscheinlich auch wieder rauskommt, und dann wird es wieder richtig gut sein.

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