Margarete Stokowski

Coronapolitik Hört. Auf. Die. Wissenschaft.

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Die politischen Entscheidungen über die Coronamaßnahmen scheinen sich immer mehr von den Erkenntnissen der Wissenschaft zu entkoppeln. Das ist frustrierend falsch.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verleiht Wissenschaftlerin Mai Thi Nguyen-Kim das Bundesverdienstkreuz, 1. Oktober 2020

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verleiht Wissenschaftlerin Mai Thi Nguyen-Kim das Bundesverdienstkreuz, 1. Oktober 2020

Foto: Michael Sohn / picture alliance/dpa/POOL AP

Als im Herbst der Virologe Christian Drosten und die Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim das Bundesverdienstkreuz bekamen, sagte Bundespräsident Steinmeier in seiner Rede zur Verleihung , dass »Wissenschaft und Politik sich Schritt für Schritt vorantasten müssen« und »große Lernprozesse zu bewältigen haben«. Alles richtig, nur hat man leider im Moment das Gefühl, dass die Wissenschaft ziemlich stabil Schritt für Schritt vorangeht und die Politik irgendwo im Hintergrund Rückwärtsrollen übt. Es gibt sehr viele ernst zu nehmende Wissenschaftler*innen, die sich mit der Coronapandemie beschäftigen und die permanent erklären, welche Maßnahmen jetzt sinnvoll wären: ein harter Lockdown, mehr Schutzmaßnahmen in Betrieben und öffentlichen Verkehrsmitteln, bessere Konzepte und Ausstattung für Schulen und Kindergärten. Was wir stattdessen bekommen: noch mehr Diskussionen und Regeln, wie private Kontakte noch weiter einzuschränken wären.

Wissenschaft ist natürlich nicht primär dazu da, die Politik zu beraten. Aber Politik ist dazu da, gemäß der aktuellen Kenntnis der Situation Menschen vor unnötigem Leid zu bewahren – und die aktuelle Kenntnis der Situation gibt es nicht ohne die Wissenschaft. Was bringt es, Wissenschaftler*innen Auszeichnungen zu verleihen, wenn man gleichzeitig ignoriert, was sie sagen?

Nicht falsch verstehen: Ich würde Christian Drosten, Mai Thi Nguyen-Kim, Sandra Ciesek, Viola Priesemann, Melanie Brinkmann und all den anderen Wissenschaftler*innen, die seit über einem Jahr versuchen, uns die Pandemie zu erklären, alle Preise der Welt geben. Aber die größte Auszeichnung für Wissenschaftler*innen besteht immer noch darin, ihre Arbeit anzuerkennen, und die aktuelle Regierung tut im Großen und Ganzen das Gegenteil.

Es bringt auch nicht viel, wenn wir alle jetzt erklären können, was ein Vektorimpfstoff ist oder das Pims-Syndrom, wenn man gleichzeitig das Gefühl hat, dass einige verantwortliche Politiker nicht mal verstanden haben, was exponentielles Wachstum ist. Wobei Verständnis allein nicht unbedingt hilft. Vor einigen Monaten gab es in den sozialen Medien viel Begeisterung für einen Videoausschnitt, in dem Angela Merkel vorrechnete, wie die Fallzahlen bei exponentiellem Wachstum steigen: von »300 auf 600, 600 auf 1.200, 1.200 auf 2.400«. Es sei so toll, eine Physikerin als Kanzlerin zu haben, die das so schön erklären könne. Was exponentielles Wachstum ist, lernt man allerdings in Mathe ungefähr in der 10. Klasse, man muss dafür nichts studiert haben.

Vor allem aber nützt es nichts, eine Physikerin als Kanzlerin zu haben, wenn die Politik der Bundesregierung bei immer mehr Wissenschaftler*innen zu komplettem Entsetzen führt. Die Virologin Melanie Brinkmann sagte vor einem Monat angesichts von Lockerungen bei hohen Inzidenzwerten: »Was uns gerade präsentiert wird, ist eine intellektuelle Beleidigung an alle und keine Perspektive.«  Virologin Sandra Ciesek twitterte vor zwei Tagen: »Wenn wir als Ärzte klar gegen Evidenz handeln, hat das massive Folgen. Wenn dies Politiker tun, ist das egal?« 

Und Christian Drosten sprach in seiner letzten Podcastfolge  über Wissenschaftsleugnung im öffentlichen Diskurs und auf politischer Ebene. »Wir alle wundern uns im Moment darüber, wie die Politik jetzt agiert oder nicht agiert«, sagte er, »wie bestimmte Dinge präsentiert werden als neue Lösungen, die schon sicherlich aus einem gesunden Menschenverstand heraus kaum als Lösungen zu erkennen sind.« Noch etwas deutlicher wurde die Redaktion der WDR-Sendung »Quarks«. »Ganz ehrlich, wir haben die Schnauze voll. Und zwar so richtig«, heißt es von dort in einem Video . »Es ist aus unserer Sicht kaum zu ertragen, wie die Politik in Deutschland die Warnungen und Erkenntnisse aus der Wissenschaft ignoriert.«

Deutschland stellt sich gern als hochattraktiver Wissenschaftsstandort dar. »Viele politische Entscheidungen werden heute auf Grundlage von wissenschaftlichen Erkenntnissen getroffen«, heißt es auf der Website des Bundesministeriums für Bildung und Forschung . Ja, klar. Zu viele aber eben leider nicht. Der zitierte Satz stammt aus der Veröffentlichung eines Grundsatzpapiers zur Wissenschaftskommunikation, das das Ministerium kurz vor der Pandemie herausbrachte. »Wir beobachten einerseits ein starkes Interesse vieler Bürgerinnen und Bürger an aktiver Beteiligung an Wissenschaft, andererseits gibt es aber auch zunehmend Abschottungstendenzen gegenüber wissenschaftlichen Erkenntnissen«, heißt es in dem Papier . Dito, geht mir ähnlich, aber halt nicht nur unter Bürger*innen, sondern auch in der Politik. Etwa wenn CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak gegen einen zwei- bis dreiwöchigen harten Lockdown damit argumentiert, dass damit das Problem der Pandemie ja auch nicht gelöst wäre  – und dann perfiderweise erklärt, dass Kinder ja unter Lockdowns leiden würden, als würden Kinder nicht gerade wegen der bisherigen Pandemiepolitik der Regierung schon permanent leiden.

Es gibt unterschiedliche Wissenschaftszweige, aber sie ähneln sich in bestimmten methodischen Grundzügen. Ein wesentliches Merkmal der Wissenschaft ist es zum Beispiel, dass sie versucht, in den Phänomenen des jeweiligen Fachbereichs kausale Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten zu finden. Also: Wenn A passiert, kann man von B ausgehen. Das klappt nicht immer, aber die Prognosen ernst zu nehmender Wissenschaftler*innen bezüglich einer dritten Pandemiewelle mit ansteckenderen Virusmutationen haben sich mit brutaler Präzision bewahrheitet.

»Wir haben eine neue Pandemie«, sagte Angela Merkel bei Anne Will bezüglich der Mutanten – ja, na ja, selbst wenn man es eine »neue« Pandemie nennt: Die politischen Fehler sind dieselben wie in der letzten, denn die Mittel zur Bekämpfung der aktuellen Welle wären dieselben wie in den beiden Wellen zuvor.

Wissenschaft ist keine intellektuelle Dekoration starker Wirtschaftsstandorte. Sie ist die anhaltende Produktion neuen Wissens, das genutzt werden kann und sollte. Wissenschaftsleugnung kannte man sowohl bei Privatpersonen als auch unter Politiker*innen schon vor Corona, sei es bezüglich des Klimawandels oder in Geschlechterfragen, aber was wir jetzt in der aktuellen deutschen Coronapolitik erleben, ist eine tödliche Mischung aus a) dem Ignorieren wissenschaftlicher Erkenntnisse, b) der Unantastbarkeit bestimmter Wirtschaftsbereiche und c) dem Unwillen, bisherige Fehler zu erkennen und den Kurs entsprechend zu ändern. Für eine solche Kursänderung wären nicht nur zahlreiche Wissenschaftler*innen, sondern auch große Teile der Bevölkerung, denn nicht mal ein Drittel der Menschen in Deutschland ist zurzeit für Lockerungen .

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Was aktuell an politischen Vorschlägen von der Bundesregierung und den Landesregierungen präsentiert wird, zeugt nicht von einem Umdenken: Die »Modellprojekte« mögen dem Namen nach wissenschaftlich klingen, sind aber im Grunde nur Lockerungen unter neuem Label. Laschets »Brücken-Lockdown«-Pläne sind noch nicht ausbuchstabiert. »Querdenker«-Demos laufen weiterhin als staatlich geschützte Infektionsherde  durch die Straßen.

»Es darf nicht zum allgemeinen Ton werden, anderen Ministerpräsidenten ihre Infektionszahlen oder Todeszahlen vorzuhalten«, sagte Laschet vor wenigen Tagen. Doch, ehrlich gesagt sollte man genau das tun, solange immer noch täglich Menschen sterben, weil Politiker*innen sich weigern, in hinreichendem Maße auf die Wissenschaft zu hören.