Margarete Stokowski

Corona und Resilienz Krise als Chance? Nein danke!

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Wir brauchen in der vierten Welle keine Selfcare-Tipps mehr. Wir brauchen nur einfach endlich eine bessere Coronapolitik.
Selbstfürsorge bringt nicht viel, wenn man schlecht regiert wird

Selbstfürsorge bringt nicht viel, wenn man schlecht regiert wird

Foto: Christoph Hetzmannseder / Getty Images

Na, auch kein Bock mehr? Ja. Aber wissen Sie, was lustig ist? Das fünftmeist verkaufte Hardcover-Sachbuch dieses Jahres (bis September gezählt) ist ein Buch gegen Müdigkeit: »Energy! Der gesunde Weg aus dem Müdigkeitslabyrinth, mit 30-Tage-Selbsthilfeprogramm«. Warum ist das lustig? Erst mal ist es natürlich überhaupt nicht witzig. Aber ein bisschen schon, denn: Es ist Pandemie, Leute! Das ist anstrengend! Klar, Müdigkeit und Erschöpfung waren vorher auch schon Themen. Und vielleicht ist das Buch sogar gut, keine Ahnung. Aber der gesündeste Weg aus dem Müdigkeitslabyrinth wär halt im Moment eine konsequente Coronapolitik.

Womit wir auch schon beim Thema wären. Ist Ihnen auch aufgefallen, dass in der aktuellen vierten Welle der Pandemie die Psychohygiene-Ratgeberartikel zum Thema »So kommen Sie durch die Krise!« merklich weniger geworden sind? Ich sage das als äußerst aktive Konsumentin dieses Genres. Schreiben Sie irgendwas ins Internet mit dem Titel »5 Tipps für besseren Schlaf«, »Mehr Resilienz in 3 Schritten«, »37 Backrezepte gegen Stress« und Sie können sicher sein, ich werde das alles lesen, und zwar eher heute als morgen. Aber das Problem ist: Es hilft nicht wirklich.

Ich bin echt dagegen, in jeder Katastrophe immer noch was Positives sehen zu wollen. Krise als Chance, nein danke. Und ich bin auch nicht dafür, aus allem immer was lernen zu müssen. Echt nicht. Aber so grausam und ekelhaft diese vierte Pandemiewelle ist, eine ziemlich relevante politische Erkenntnis bringt sie glasklar zutage: Selbstfürsorge bringt nicht viel, wenn man schlecht regiert wird.

Wir könnten die Pandemie schon los sein. Stattdessen sind wir in Deutschland extrem knapp vor der 100.000-Tote-Grenze und brechen alle bisherigen Inzidenz-Rekorde. Da stehen wir jetzt, mit unseren Bananenbrot-Rezepten, Akupressurmatten und Aroma-Diffusern aus der ersten, zweiten und dritten Coronawelle. Und Jens Spahn ist immer noch Gesundheitsminister. Du kannst noch so viel meditieren, wenn ganz oben einer sitzt, der an deinem Verderben arbeitet.

Nichts zeigt die Grenzen von »Selfcare« so überdeutlich wie die Pandemie: Klar können wir alle spazieren, baden und Achtsamkeitsübungen machen. Bringt halt nur begrenzt was, wenn wir gleichzeitig eine Regierung haben, die die Prioritäten der Pandemiepolitik so setzt, dass es der Wirtschaft möglichst gut geht, Impfgegner sich nicht zu sehr ärgern und Kinder ordentlich durchseucht werden. Klar war Selfcare ursprünglich ein gutes Konzept zum Überleben – aber inzwischen ist es das ausgelutschte Allheilmittel geworden, von dem man angeblich nur genug kriegen muss und dann kommt man schon irgendwie durch harte Zeiten. Aber was, wenn nicht?

»Work-Life-Balance« in einer Pandemie würde bedeuten, dass Regierung und Arbeitgeber ohne mit der Wimper zu zucken alles dafür tun, dass du dir bei deiner work kein Virus holst, das dein life gefährdet. Und nicht: dass du dein Schlafzimmer zur smartphonefreien Zone erklärst oder in der Mittagspause joggen gehst.

Denn Selbstfürsorge im Kapitalismus ist das, was man in der Philosophie als »notwendige, aber nicht hinreichende« Bedingung für ein gutes Leben nennen würde. Also: sollte gegeben sein, reicht aber allein nicht. Und nicht nur das: Es ist ziemlich mühsam, wenn man versucht, Fürsorge für sich und andere zu praktizieren, wenn gleichzeitig die Politik aktiv am Gegenteil arbeitet.

»Resilienz« war schon vor der Pandemie der Zaubertrick, mit dem man sich aus Krisen manövrieren sollte. Ganz ehrlich? Ich kann das Wort nicht mehr hören. Resilienz ist im Großen und Ganzen der psychologische Fachbegriff für »mit Problemen klarkommen«. Wichtige Eigenschaft, ja klar. Relativ banal. Aber, auch hier: Revolution würde mehr bringen. »Resilienz« ist in der Theorie ein sinnvolles Konzept, in der Praxis beziehungsweise der populären Ratgeberliteratur ist es die kaltherzige, neoliberale Schwester der Selfcare geworden. Wo Selfcare sagt »leg dich in die Badewanne, trink einen Tee, lass dich massieren«, sagt Resilienz: »Wenn du eine Krise hast, wachse daran! Probleme sind dornige Chancen und du bist ein faules Schwein. Heul nicht.« Klar ist das ein bisschen übertrieben, aber halt nicht sehr.

Wenn Fürsorge individualisiert wird und politische Verantwortungslosigkeit durch Selbstverantwortung ausgeglichen werden soll, dann muss das auf Dauer schiefgehen. Man sieht das jetzt in der Pandemie sehr klar: Der liberale Grundgedanke »muss halt jeder selber gucken, wie er durchkommt« trägt nicht so wahnsinnig weit, wenn man ein gemeinsames Problem hat. Es gilt aber auch jenseits der Pandemie: Was, wenn es gar nicht naturgegeben ist, dass alle immer zu wenig schlafen und chronisch gestresst sind? Und: Vielleicht ist die Lösung gegen Rückenschmerzen gar nicht, zusätzlich zum 40-Stunden-Job noch einen Rückenkurs zu belegen, sondern die Standard-Arbeitszeit auf 30 Stunden zu senken? Vielleicht ist die Lösung gegen die Nackenverspannungen nicht das 90-Euro-Kopfkissen, sondern eine kompetente Gesundheitsministerin? Nur so ein Vorschlag!

Meine These: Ungefähr 80 Prozent von dem, was wir mit Achtsamkeit, Selfcare, Resilienzratgebern und Schlafhygienemaßnahmen hinkriegen wollen, müsste man eigentlich politisch lösen – mit Politik, die Gesundheit vor Profite setzt. Das heißt dann nicht, dass man selber nix mehr tun muss, um sich gesund zu halten, ist ja klar. Aber wollten wir nicht nachhaltige Lösungen finden?

In jedem gottverdammten Ratgeber kommt seit ein paar Jahren das »Dankbarkeitstagebuch« vor: »Führen Sie ein Tagebuch, in dem Sie jeden Abend drei Dinge notieren, für die Sie dankbar sind. Selbst wenn es nur Kleinigkeiten sein sollten, verändert das den Blick auf das eigene Leben.« Warum immer so genügsam? Dankbarkeitstagebuch, die neue Version: Führen Sie ein Tagebuch, in dem Sie jeden Abend drei Probleme notieren, die Sie der aktuellen politischen Situation zu verdanken haben und die Sie in einer besseren Gesellschaft nicht hätten. Selbst wenn es nur Kleinigkeiten sein sollten, verändert das den Blick auf das eigene Leben.

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