Sebastian Hammelehle

Corona-Proteste Politische Esoterik

Sebastian Hammelehle
Ein Essay von Sebastian Hammelehle
In Berlin oder Stuttgart demonstrieren immer wieder Corona-Skeptiker. Daraus könnte eine neue Bewegung entstehen: Rechte und Romantiker vereint in irrationaler Weltsicht - und gegen das System. Sie hätte ein düsteres Vorbild.
Umschlagbild von Antoine de Saint-Exupérys Buch "Der kleine Prinz" : "Ich liebe Sonnenuntergänge sehr"

Umschlagbild von Antoine de Saint-Exupérys Buch "Der kleine Prinz" : "Ich liebe Sonnenuntergänge sehr"

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Karl Rauch Verlag/ picture alliance/ dpa

Die Erde hat viele Propheten erlebt, irrlichternde und weise. Und manchmal auch solche, die auf den ersten Blick gänzlich harmlos wirken. Beim "Tag der Freiheit" in Berlin trat am vergangenen Wochenende ein Mann auf die Bühne, mit wuscheligem Haar, in T-Shirt und in kurzen Hosen. Er sprach von "Frieden und Wahrheit", erzählte, dass er meditiere und forderte seine Zuhörer schließlich auf, es ihm gleichzutun: "Mit der Hand auf dem Herzen." Denn die Herzenergie sei die stärkste Energie, die es gebe.

Es klang ein bisschen so, als ob er aus dem "Kleinen Prinzen" zitierte. "Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar" hatte der Fuchs in Antoine de Saint-Exupérys weltberühmtem Buch zu dem kleinen Prinzen gesagt. Der Satz hat sich längst verselbstständigt. Er steht für den Gegenpol zum herrschenden Rationalismus. Für das Irrationale, oder in etwas milderer Form, die sanfte Weisheit der Poesie. Dafür, dass die Gefühle die Macht übernehmen.

Es waren allerdings sehr ungute Gefühle, die den Redner in Berlin umtrieben: Der Verdacht, dass in diesem Land etwas ganz grundsätzlich nicht stimme, dass die politische Klasse dem Volk die Freiheit raube – und das unter dem Vorwand einer Pandemie, die sie sich mehr oder weniger ausgedacht hat. Der Name des Redners ist Michael Ballweg. Er ist der Gründer der Stuttgarter Initiative Querdenken711, einer der Gruppen, die den Protest gegen die Corona-Politik der Bundesregierung vorantreiben. Am Samstag haben sie in Stuttgart zu einer neuerlichen Demonstration aufgerufen, dem "Fest für Freiheit und Frieden".

Die Hippies heim ins Reich holen

Schaut man sich die Webseiten von Ballwegs Querdenken711 an oder von anderen Organisationen, die bei den Corona-Protesten vorne dabei sind, der "Wir-Partei", oder "Widerstand 2020", dann wirken auch die so harmlos, als wären sie für ein Bioladenpublikum gedacht: Da ist von "Achtsamkeit" die Rede, von "liebevollem Miteinander". Da ist ein Schwarm Fische zu sehen, ein Sonnenuntergang, der kleinste gemeinsame optische Nenner aller Träumer. Wie sagte schon der kleine Prinz? "Ich liebe Sonnenuntergänge sehr".

Die Berliner Demonstranten hingegen riefen "Merkel weg!", als Ballweg zu ihnen sprach. Denn der "Tag der Freiheit" war ja doch keine spirituelle Veranstaltung. Es war ein öffentlicher Kampftag, eine Demonstration des Systemverdrusses. Ein Ereignis, bei dem sich zeigte, dass die Ränder weiter erodieren und etwas Neues entsteht: eine politische Esoterik, die Rechte und einstmals Grüne verbinden könnte.

"Merkel muss weg", das war bislang ein Slogan, der von der Rechten skandiert wurde. Und in Berlin waren die Insignien der Rechten offensichtlich: Reichsflaggen in Schwarz-Weiß-Rot, das nordische Kreuz.

Dass sich gerade im grün-regierten Baden-Württemberg die Esoteriker von der Partei abwenden, ist eigentlich nur konsequent.

Ballweg selbst sagte der "Berliner Zeitung" kürzlich, er habe sich bereits mehrfach von Rechten und Nazis distanziert. Doch es gibt etliche Vordenker der Rechten, die von der Querfront träumen: Über die Lager hinweg vereint für den Umsturz der Verhältnisse. Es kann nur in ihrem Sinne sein, auch die Hippies heim ins Reich zu holen. Es wäre weniger abwegig, als es auf den ersten Blick scheint: Das Träumerische, das Irrationale, das magische Denken und die Rechte waren in der deutschen Kulturgeschichte lange Zeit unheilbringend verbunden.

"Stählerne Romantik" der Nazis

Thomas Mann hat in seinem berühmten, 1918 erschienenen Buch "Betrachtungen eines Unpolitischen" zwischen der Zivilisation des Westens und der Kultur der Deutschen unterschieden. Er bezog sich dabei auf den Philosophen Friedrich Nietzsche. Bei Nietzsche ging es um "das Apollinische" und "das Dionysische", mythengestättigt, der Gott des Lichts auf der einen Seite, auf der anderen der des Rauschs und des Wahns. Darunter machte es Nietzsche nicht. Er hatte ja auch den "Übermenschen" populär gemacht, der im weiteren Verlauf der Geschichte noch eine gewisse Rolle spielen sollte. Rational, so folgerte Mann, seien die Westmächte. Das Deutsche Reich folge einer anderen Tradition, dem irrationalen Denken der Romantik.

Nun war die deutsche Romantik in erster Linie eine kulturgeschichtliche Epoche des 19. Jahrhunderts. Doch sie hat den im Bildungsbürgertum herrschenden Zeitgeist noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geprägt – und damit auch die Politik.

Von Nietzsche führt eine Linie zu esoterischen, mystisch tönenden Autoren wie dem Dichter Stefan George. Und von dessen Jüngern schließlich zu den Nazis. Goebbels sprach von der "stählernen Romantik" des Nationalsozialismus.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war das magische Denken diskreditiert, vom Wahn wollten die Deutschen nun fürs Erste nichts mehr wissen. Der linke Kulturwissenschaftler Georg Lukács nannte Hitler den Testamentsvollstrecker Nietzsches. Franz-Josef Strauß' berühmter Spruch "Konservativ heißt, an der Spitze des Fortschritts marschieren", war nur auf den ersten Blick paradox. Er stand dafür, dass sich die Christdemokratie vom deutschen Sonderweg verabschiedet hatte, dass ihre Politik rational war.

Solange sie gegen Stuttgart 21 demonstrierten und nicht gegen Covid-19, fielen die Freaks nicht allzu sehr auf

All diejenigen, die für derartigen Rationalismus weniger übrig hatten, wechselten mit der Zeit das politische Lager. In Westdeutschland fanden sie ihre politische Heimat bei den Grünen. Sie waren das Korrektiv zu einem Rationalismus, der technokratisch geworden war, naturfeindlich.

Wesenszüge des irrationalen, magischen Denkens überlebten in der Kunst von Joseph Beuys, der mit dem Schamanismus kokettierte und der die Grünen mitbegründet hatte. An Waldorfschulen, bei Homöopathen, bei den Demeter-Bauern und in der wachsenden Esoterikszene. Und erst recht bei den Impfgegnern und Verschwörungstheoretikern. Die Grünen nahmen viele Träumer auf und auch etliche Spinner. Doch so lange die sich auf Flugblättern austauschten und nicht über Social Media, solange sie noch gegen Stuttgart 21 mitdemonstrierten und nicht gegen Covid-19, fielen die Freaks nicht allzu sehr auf.

Von der Imagination zur Halluzination

Dass sich nun, gerade im grün-regierten Baden-Württemberg, der esoterische, irrationale Teil der Bevölkerung neuen politischen Bewegungen zuwendet, ist eigentlich nur konsequent. Hier verkörpern die Grünen den Staat. Wer dem Staat misstraut – und das haben viele Grünen-Wähler traditionell getan – kann die Partei nicht mehr wählen. So verliert nach der Sozialdemokratie und der Christdemokratie die dritte der die Bundesrepublik tragenden Parteien ihre Bindungskraft am politischen Rand. Das System bröckelt weiter.

Auf der Rechten könnten die politisch heimatlos gewordenen Esoteriker durchaus Gesinnungsgenossen finden. Auch Björn Höcke ist Romantiker. Anschlussfähig für so manchen Corona-Leugner aber ist ein gewisser Teil der Rechten wohl gar nicht seiner Kernkompetenzen wegen: der Fremdenfeindlichkeit, der Sehnsucht nach dem Autoritären. Und auch nicht allein aufgrund der entschiedenen Gegnerschaft zur Bundesregierung. Sondern weil sich auf beiden Seiten die gefühlten Wahrheiten durchsetzen. In einer Weltsicht, in der das entfesselte Irrationale kein Korrektiv im Realen mehr findet.

Wenn aber allein die Imagination das Handeln bestimmt, ist es zur Halluzination nicht mehr allzu weit. Und zunehmend schwinden die verbindlichen Tatsachen, auf die eine Gesellschaft sich gründet.

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