Margarete Stokowski

Corona-Schutzimpfung Wir müssen die Zögernden umwerben

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
In der Debatte über den langsamen Impffortschritt sprechen wir zu viel über die überzeugten Verweigerer. Dabei gibt es Menschen, die man mit Argumenten für die Immunisierung gewinnen könnte – jetzt wäre ein guter Zeitpunkt dafür.
Endlich genügend Impfdosen – und keiner geht hin

Endlich genügend Impfdosen – und keiner geht hin

Foto: Gregor Fischer / picture alliance / dpa

Es ist eine nervige Eigenschaft dieser Pandemie, sich einerseits wie ein gar nicht mehr endender Nebel langzuziehen und dabei gleichzeitig in ziemlich schneller Abfolge immer wieder neue Probleme zu produzieren: Während wir vor ein paar Monaten noch über Impfneid und Impfdrängler*innen geredet haben, reden wir nun über Impfmüdigkeit und wie man Leute zum Impfen überreden kann. Die Impfgeschwindigkeit in Deutschland sinkt, und das nicht wegen fehlender Impfstoffe, denn 15 Millionen Dosen liegen bereit, nur die impfwilligen Leute scheinen zu fehlen.

Je nachdem, welche Nachrichten man zur Kenntnis nimmt, kann man zu verschiedenen Schlüssen kommen: Wenn man hört, dass heute noch nicht mal die Hälfte  der Menschen in Deutschland durchgeimpft ist, und gleichzeitig Medienberichte über Demonstrationen von Impfgegner*innen in mehreren europäischen Städten  sieht, wenn man vom abgebrochenen Nena-Konzert liest, vielleicht den vorletzten SPIEGEL-Titel (»Impfen? Irgendwann. Vielleicht.«) und über allem noch die Stimme Armin Laschets im Ohr hat (»Ich halte nichts von Impfpflicht und halte auch nichts davon, auf Menschen indirekt Druck zu machen, dass sie sich impfen lassen sollen«), dann kann man zu düsteren Schlüssen kommen.

Aber: Die allermeisten Menschen in Deutschland sind immer noch pro Impfung. Von sich aus, ganz ohne Impfpflicht. In der Erhebung des »COSMO – COVID-19 Snapshot Monitoring « (vom 13./14. Juli) heißt es: »Sollten sich alle, die dazu bereit sind, auch tatsächlich impfen lassen, so ergäbe sich aus den Geimpften und den Impfbereiten eine Impfquote unter Erwachsenen zwischen 18 und 74 Jahren von 83 Prozent.« Nur ein Zehntel der Befragten wollte sich auf keinen Fall impfen lassen. Das klingt schon weniger düster. Als Gruppen, für die es beim Impfen noch einen aktiven Abbau von Barrieren bräuchte, werden folgende genannt: »Jüngere, Männer, Menschen mit Kindern, niedrigerer Bildung, Migrationshintergrund, Menschen, in deren Haushalt eine andere Sprache als Deutsch gesprochen wird, Menschen in Ostdeutschland«.

Wenn es aber so ist, dass etwa der Bildungsgrad oder mangelnde Sprachkenntnisse Leute vom Impfen abhalten, dann ist das aktuell so oft gezeichnete Bild der wahlweise ignoranten oder faulen Impfverweigerer*innen und Zögernden nicht vollständig – sie haben dann vielleicht, wenn sie noch unsicher sind, gar keinen schrägen, egoistischen Freiheitsbegriff  oder keine Idee von Solidarität , sondern schlicht zu wenige Informationen. Das mag man unverständlich finden, wenn man ein hochgebildeter, Deutsch sprechender Mensch ist, aber das scheint die Lage zu sein. Und, schlimmer: Der Fokus auf die Argumente überzeugter Impfgegner*innen in den Medien könnte die Lage noch verschlechtern. Erstens wegen unnötiger Spaltung, zweitens wegen falscher Schwerpunkte und drittens, weil damit bisweilen unfreiwillig die Propaganda von Impfgegner*innen mitgetragen wird.

So fragte etwa die Deutsche Welle »Warum lassen sich viele nicht impfen?« und befragte dazu exemplarisch ein Paar , das sich vehement nicht gegen Covid-19 impfen lassen will. Die Begründung war eine Mischung aus Corona-Verharmlosung, Skepsis gegenüber Medien, Wissenschaft und der Idee, dass man ein geringeres Risiko habe, wenn man nicht »in irgendwelche Klubs« gehe. Die beiden bekamen reichlich Raum, ihre Bedenken zu formulieren und ihre vermeintliche Wohlinformiertheit darzulegen, wurden aber eine entscheidende Frage nicht gefragt, nämlich ob ihnen klar ist, dass sie sich damit ziemlich sicher für eine Infektion entscheiden.

Man kann nicht nur gegen etwas sein, man ist damit immer auch für etwas anderes, und das ist in dem Fall die in Kauf genommene Ansteckung, früher oder später.

Wir erinnern uns – im Mai hatte Christian Drosten gesagt : »Dieses Virus wird endemisch werden, das wird nicht weggehen. Und wer sich jetzt beispielsweise aktiv dagegen entscheidet, sich impfen zu lassen, der wird sich unweigerlich infizieren.« Wenn das stimmt, und davon können wir ausgehen, dann erzählt man nur die halbe Wahrheit, wenn man sagt, dass und warum Leute sich gegen eine Impfung entscheiden. Die andere Hälfte der Wahrheit ist, dass sie sich für eine Infektion entscheiden. Es stimmt zwar, dass man sich auch trotz Impfung anstecken kann, aber die Wahrscheinlichkeit ist deutlich geringer. Man könnte also, wann immer man von entschiedenen Impfgegner*innen spricht, stattdessen auch von Infektions- oder Durchseuchungsbefürworter*innen sprechen. Die Freiheit, von der Impfgegner*innen so gern reden, ist eben nicht nur eine Freiheit von der Impfung, sondern auch die Freiheit, sich und andere anzustecken.

Das ist eigentlich relativ simpel. Denn man kann nicht nur gegen etwas sein, man ist damit immer auch für etwas anderes, und das ist in dem Fall die in Kauf genommene Ansteckung, früher oder später. Wir brauchen also jetzt nicht zwingend noch mehr feinfühlige Porträts von Impfgegner*innen, bei denen dann rauskommt, dass das ja gar nicht alles Nazis und Esoterik-Freaks sind. Sondern Maßnahmen, mit denen Impfungen zu unsicheren Menschen gebracht werden, und leicht verständliche Aufklärung darüber, was es bedeutet, sich nicht impfen zu lassen: dass man sich dann sehr sicher anstecken wird und dass man, auch wenn man zu keiner Risikogruppe gehört, Langzeitfolgen davontragen kann .

Wenn wir den Schwerpunkt der Debatte jetzt auf die ohnehin entschlossenen Impfverweigerer*innen legen, schleicht sich auch hier das inzwischen recht bekannte Phänomen der »false balance« ein, das wir schon aus anderen Debatten über Corona- oder Klimafragen kennen: Die Position einer Minderheit – hier: die zehn Prozent der harten Impfgegner*innen – bekommt so viel Raum in der Diskussion, dass es irgendwann so wirkt, als gäbe es ungefähr eine Hälfte pro und eine Hälfte contra und auch ungefähr gleich viele Argumente für und gegen eine Impfung. Menschen, die sich nicht impfen lassen, glauben nicht notwendigerweise allesamt an Verschwörungen. Trotzdem kann man etwas über den Umgang mit Impfgegnerschaft und -skepsis lernen, wenn man sich Forschungsergebnisse zu Verschwörungsmythen anschaut. Denn der Fokus auf entschiedene Gegner*innen könnte unbeabsichtigte Wirkungen haben.

In ihrem Buch »Fake Facts« beschreiben Katharina Nocun und Pia Lamberty, »dass bereits die einmalige Konfrontation mit Verschwörungserzählungen ausreicht, um Menschen misstrauischer und ängstlicher zu machen.« Sie zitieren etwa eine Studie , bei der Menschen Verschwörungserzählungen übers Impfen zu lesen bekamen und dann gefragt wurden, ob sich ihre Einstellung zum Impfen geändert hätte. Ergebnis: Ja, sie wurden skeptischer. Oder dieses Experiment zum Thema Gruppendruck und Realitätswahrnehmung : Den Teilnehmer*innen wurde eine eigentlich sehr einfache Aufgabe gestellt. Sie bekamen Bilder mit Linien und sollten sagen, welche Linien gleich lang sind. Allein konnten alle die Aufgabe lösen. Wenn sich die Versuchspersonen aber in einer Gruppe befanden, in der andere Gruppenmitglieder absichtlich eine falsche Linie nannten, passten viele ihre Meinung der Mehrheitsmeinung an, obwohl sie offensichtlich falsch war.

Das kann man gleich doppelt auf die Impfdiskussion übertragen. Erstens, klar: Wer sich eher in einem impfskeptischen Umfeld bewegt, wird sich womöglich dem Gruppendruck beugen und sich nicht impfen lassen. Aber auch zweitens: Wer sich in einem Umfeld bewegt, in dem jetzt noch Ungeimpfte als rückständige und egoistische Unbelehrbare gelten, wird vielleicht auch diese Meinung übernehmen – obwohl Studien dagegensprechen. So zeigte eine Untersuchung der Universitätsmedizin in Mainz Anfang Juli, dass Menschen mit niedrigem sozioökonomischen Status eine geringere Impfquote  aufweisen. Der Arzt Benjamin Wachtler erklärte dazu im Interview mit dem »Freitag«: »Viele dieser Menschen haben vielleicht keine guten Erfahrungen mit staatlichen Institutionen oder Ärzten gemacht, sie sind auf Sprachbarrieren gestoßen oder auf Diskriminierung, sie haben Probleme mit Aufenthaltspapieren oder der Krankenkasse. Bei manchen besteht ein berechtigtes Misstrauen gegenüber dem Gesundheitssystem. Vertrauen ist keine individuelle Frage, sondern eine der sozialen Erfahrung.«

Das heißt: Wichtig ist jetzt nicht, Ungeimpfte möglichst eloquent zu beschimpfen oder ihren vermeintlichen Freiheits- oder Solidaritätsbegriff zu diskutieren, sondern ihnen verständlich zu machen, dass jetzt ein sehr guter Zeitpunkt für eine Impfung wäre. Jetzt, wo reichlich Impfdosen vorhanden sind. Jetzt, wo man leicht und schnell Termine bekommen kann oder sogar Impfungen ohne Termine und manchmal noch einen Burger obendrauf . Jetzt, wo die Inzidenz vor allem unter den 15- bis 34-Jährigen beunruhigend ansteigt. Denn wenn die Impfgeschwindigkeit weiter sinkt und die vierte Welle dann im Herbst mit voller Wucht zuschlägt, wird es eventuell wieder schwieriger, an eine schnelle Impfung zu kommen. Wir sollten uns also weniger darauf konzentrieren, warum die wenigen Unbelehrbaren unbedingt keine Impfung wollen oder welche Einschränkungen dann eines Tages für sie gelten könnten – sondern mehr darauf, die Unsicheren oder Skeptischen mitzunehmen. Das ist schwieriger als Schimpfen und Spalten, hilft aber besser.

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