Jonas Leppin

Corona-Spot der Bundesregierung Der alte weiße Dude hat sein Ziel erreicht

Jonas Leppin
Ein Kommentar von Jonas Leppin
Die Bundesregierung feiert in einem Video junge Leute fürs Nichtstun – in Corona-Zeiten seien sie besondere Helden. Das stößt auf Kritik. Aber gerade dadurch schafft der Clip, was er soll.
Foto: Bundesregierung

Kürzlich wurde in den sogenannten sozialen Netzwerken eine junge Frau beleidigt. Sie hatte in einem Interview mit dem "heute journal" des ZDF gesagt, dass sie und ihre Freunde das Feiern "krass vermissen". Sie sagte dies wohlgemerkt inmitten der Corona-Pandemie. Sie sprach dieses Gefühl in TV-Kameras, während im US-Wahlkampf die Zukunft der freien Welt verhandelt wurde und während an vielen anderen Orten die Menschenrechte mit Krieg und Gewalt unterdrückt wurden. Mit Verlaub, ist diese junge Frau bescheuert?

Natürlich nicht. Und genauso ist auch ein Spot der Bundesregierung  nicht verkehrt, in dem sich ein alter weißer Mann im Stil einer fiktiven Dokumentation an das Jahr 2020 erinnert, in dem er als junger Mann zum Helden wurde, weil er zu Hause auf dem Sofa blieb und damit in seiner Selbstverklärung die Pandemie eindämmte ("Wir waren faul wie die Waschbären").

Eine Satire. Ein Witz. In Deutschland also eine ernste Sache. Zumal das Video von Regierungssprecher Steffen Seibert persönlich auf Twitter verbreitet wurde.

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Ist dieses Video nicht bescheuert? Das wird nun also wieder in den sozialen Netzwerken diskutiert. Ein alter weißer Dude erinnert sich? Was ist mit alleinerziehenden Müttern? Mit dem osteuropäischen Putzmann? Mit Menschen, die gerade echte Existenzsorgen durchleben? Was soll dieser Hohn? Wer hat das bezahlt? Welche Gesellschaft soll das bitte abbilden?

Nun. Man muss nicht in einer Parallelgesellschaft leben oder Gefahr laufen, sich jetzt krampfhaft an die Jugend anzubiedern, wenn man sagt, dass es durchaus eine Zeit im Leben gibt, in der die nächste Party, der nächste Kuss oder das ziellose Abhängen mit Freunden eine Dringlichkeit hat, die ebenso groß erscheint wie die Frage, wie man als Soloselbstständiger die Miete für den nächsten Monat aufbringen soll.

Machen Sie doch mal den Selbsttest: Angesichts einer globalen Pandemie müssten sich in den vergangenen Monaten sämtliche Streitigkeiten über Hausarbeit, Unpünktlichkeit oder Eifersucht erledigt haben. Aber natürlich haben Sie weitergelebt, gestritten und gelästert, einfach weil sich das eigene Leben immer unmittelbarer und größer anfühlt.

Einen jungen Menschen Anfang zwanzig gegen eine alleinerziehende Mutter auszuspielen, wird der Sache nicht gerecht. Leid gegeneinander aufzuwiegen sowieso nicht. Natürlich sollte die Bundesregierung in ihren Werbevideos auch weibliche, queere oder sozial unterschiedliche Schichten berücksichtigen. Vielleicht sogar gewissenhafter als die des Durchschnitts-Almans.

Aber würde man alle vorgebrachten Bedenken in einem einzigen Video unterbringen, dann wäre es wohl der langweiligste Spot der Welt. Zugegeben, genau das, was man von der Bundesregierung eigentlich erwartet hätte. (Der Vollständigkeit halber: Es gibt auch noch ein zweites Video aus der Sicht einer Frau, die einen bewussten Kontrapunkt zum biodeutschen Mann setzt.)

Stattdessen wird jetzt über ein hochoffizielles Satirevideo diskutiert, das in dieser Form auch in einer Show wie "Late Night Berlin" laufen könnte – und auch zufälligerweise von dort produziert wurde. Und während noch diskutiert wird, ob dieses Video die richtige Zielgruppe erreicht oder andere Zielgruppen ausschließt, verbreitet es sich bereits schneller im Netz als jede gut gemeinte Kampagne der Bundeszentrale für politische Bildung. Damit wurde das Ziel eigentlich schon erreicht – und wir alle, auch dieser Kommentar, haben daran mitgewirkt. Denn an der Grundbotschaft gibt es bisher wenig Kritik: Bleibt zu Hause!

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