Sibylle Berg

Coronakrise Datenlust oder Datenfrust?

Sibylle Berg
Eine Kolumne von Sibylle Berg
Eine Kolumne von Sibylle Berg
Würden Sie Ihre Steuererklärung, Ihre Mails, Ihr Sexualverhalten und Krankenakte veröffentlichen? Nein? Und warum hoffen wir dann, dass die Digitalisierung vor dem Coronavirus schützt?
Ist der Einsatz von Wärmebildkameras zum Massen-Fieber-Screening sinnvoll?

Ist der Einsatz von Wärmebildkameras zum Massen-Fieber-Screening sinnvoll?

Foto: Zikri Maulana / dpa

Als ich das Buch "GRM Brainfuck" schrieb, erwog ich, als Auslöser für eine Totalüberwachung der Bevölkerung eine Viren-Pandemie zu benutzen. War mir dann aber zu platt - und ich entschied mich für den Plot eines Grundeinkommens für alle, das die Menschen ohne nachzudenken ihr Menschenrecht auf Privatheit aufgeben lässt. Angst und Geld ziehen ja immer. Wie kleine Hunde. Seit die Regierungen einen Ausweg aus dem Corona-Dilemma ­- opfern wir Menschen durch einen Virus oder durch Depression, häusliche Gewalt, Suizide? - suchen, lesen wir immer wieder vom Tracking.

Das heilsbringende Tracking, der Ausweg aus dem Übel, verlagert auf die heilsbringende Digitalisierung. Die Daten werden es richten, die Algorithmen, und so weiter. Bis auf eine Minderheit, die dieses Vorgehen in Frage stellt, sind die meisten heroisch bereit, ihre Daten zu spenden. Wundervolles Framing.

Viele Menschen (steile These) neigen dazu, sich zu überschätzen. Sie halten sich für intelligenter und wichtiger, als sie sind. Das erklärt auch oft die mangelnde Solidarität mit Armen. Die Mehrheit erkennt sich eher in einem CEO als in einem Obdachlosen. Auch Überwachung betrifft immer die anderen: die Verbrecher, die Terroristen oder die an Corona-Erkrankten, der Rest hat nichts zu verbergen. Na ja, oder nur ein bisschen. Denn nur wer die folgenden Fragen beherzt mit "ja" beantworten kann, fürchtet sie nicht.

Wie soll die Tracking-App funktionieren?

Also: Ist es ok, meine Steuererklärung, meinen Mailverlauf, meine SMS, mein Sexualverhalten und meine Krankenakte zu veröffentlichen? Nichts anderes sind persönliche Daten. Soweit zur Polemik. Wie also soll diese viel beschworene Tracking-App funktionieren? Und geht ihre Funktion über die Ortung und Datenabfrage, der jeder Smartphone- und Fitnesstracker-Verwendende sowieso schon zustimmt, hinaus? Dazu habe ich Volker Birk befragt, Netzaktivist, Kryptoexperte und Gründer von p≡p (der Verschlüsselungslösung pretty Easy privacy). Er sagt:

"Der Algorithmus weiß leider nicht, ob jemand infiziert ist. Wenn jemand krank wird, dann geht er zum Arzt. Und der lässt gegebenenfalls einen Corona-Test durchführen. Ist der positiv, geht es darum, die Leute zu informieren, die sich kürzlich in der Nähe der infizierten Person aufgehalten haben. Dazu hat sich die App gemerkt, wer das alles war, und zwar über Pseudonyme. Das sind Nummern, die die Leute repräsentieren, die dem neuen Corona-Patienten zu nahe gekommen sind. Die Idee ist nun, über diese Nummern die gesuchten Personen zu informieren. Das heißt also, es gibt die Klarnamen, die zu den Nummern gehören. Damit wären also die Bewegungsdaten, anders als über die normale Google-Überwachungsfunktion oder die der Fitness-Apps und Bewegungszähler und also tragbaren Ortungsgeräte hinausgehend, offiziell amtlich gespeichert. Dafür benötigte es schnell eine sehr hohe Verbreitung der App, also zirka 60 Prozent der Bevölkerung müssten sofort die App einsetzen, damit die Modelle gut funktionieren. Dann muss es gelingen, dass die Leute sich testen lassen, sobald sie Symptome zeigen, damit möglichst schnell festgestellt werden kann, ob sie infiziert sind oder nicht. Es muss eine flächendeckende Verfügbarkeit von Tests geben." 

Nun frage ich mich weiter, warum nicht jede Person, die positiv getestet wurde, in Quarantäne verschwindet. Egal. Da gibt es schon eine weitere großartige Erfindung: den Einsatz von Wärmebildkameras zum Massen-Fieber-Screening, die auch Gesichter erkennen können. Vermutlich die Idee eines Mannes, denn jede geschlechtsreife Frau hat bei ihrer Periode und in den Wechseljahren sehr starke Temperaturschwankungen. Egal. Auch die angeblich datenschützende Variante  des Trackings mit Open Source ist am Ende einfach nur: Tracking. Zu dem Birk sagt: "Personen zu tracken ist nie akzeptabel."

Nun, ich weiß es auch nicht besser und habe nur Fragen. Zum Beispiel die: Wenn FFP1-3 Masken  hohen Schutz vor Viren bieten, warum verschwenden die Regierungen - statt die Produktion dieser Masken für alle anzukurbeln - ihre Energie in Tracking und Überwachungstools? Ich bin mir sicher, dass es ExpertInnen gibt, die mir das beantworten können .

Vielleicht könnte auch eine Kommission von DatenschützerInnen  und IT-Profis  die geplanten Überwachungsmaßnahmen überwachen. Unterdessen hoffen wir weiter auf die Rettung durch Impfstoffe. Versuchen, nicht an die Zukunft zu denken. Und halten hoffentlich alle durch.