Corona-Talkshows Anne trifft Armin und Karl

Seit Ausbruch der Corona-Pandemie gibt es nur ein Thema in den Talkshows. Wenig Vielfalt gibt es auch bei den Gästen. Eine SPIEGEL-Datenanalyse zeigt: Junge Menschen kommen kaum vor - Gäste ab 60 sind fast immer Männer.
Armin Laschet und Karl Lauterbach bei "Anne Will" (26.4.2020)

Armin Laschet und Karl Lauterbach bei "Anne Will" (26.4.2020)

Foto: Jürgen Heinrich/ imago images/Jürgen Heinrich

Die Coronakrise hat die Talkshows im deutschen Fernsehen verändert. Die Gäste sitzen weiter auseinander, das Publikum fehlt. Und seit Mitte März gibt es kein anderes Thema mehr als das Coronavirus und seine Folgen.

Die politischen Talkshows seien zur Sprechstunde der Nation geworden, konstatierte die "Süddeutsche Zeitung" . Wo sonst gern populistisch verkürzt wurde, höre man sich nun fast andächtig zu. Statt um Debatten ging es zumindest in den ersten Wochen viel mehr um die Vermittlung von Informationen.

Die Gäste diskutierten nicht über Schuldenbremse oder Eurobonds, sondern über Fragen, die jeden Zuschauer umtrieben: Wie gefährlich ist ein Spaziergang mit der Oma? Was bringt eine selbst genähte Maske? Wann öffnen Hotels und Restaurants?

Doch wie gut bilden Talkshows wie "Anne Will" oder "Markus Lanz" die Lebenswirklichkeit unserer Gesellschaft ab? Sind die Gäste zum Beispiel nah genug dran am Leben junger Menschen? Fehlen womöglich die Perspektiven von Müttern, Migranten, Ostdeutschen?

Viele Stimmen fehlen in den Talkshows

DER SPIEGEL hat die Zusammensetzung der Gäste bei den Talkshows "Anne Will", "Hart aber fair", "Markus Lanz" und "Maischberger" analysiert. Seit dem 1. Januar ging es in 70 Sendungen mit 348 Gästen um das Thema Corona.

Die Ergebnisse sind ernüchternd. Viele Bevölkerungsgruppen sind unterrepräsentiert: nicht nur Frauen und junge Eltern, sondern auch Ostdeutsche, Migranten und Menschen aus den unteren sozialen Schichten. Ihre Stimmen fehlen in den Talkshows - und auch in der gesamten Debatte über die Coronakrise.

Zu den besonders häufig eingeladenen Gästen zählen Politiker sowie medizinische Experten, dabei vor allem Virologen, Epidemiologen und Intensivmediziner. Folgende Tabelle listet alle Gäste der 70 Sendungen auf - sortiert nach der Anzahl ihrer Talkshow-Teilnahmen.

Auf Platz eins liegt mit deutlichem Vorsprung Karl Lauterbach. Er hat als Person auch eine Besonderheit: Lauterbach ist nicht nur SPD-Politiker mit dem Fachgebiet Gesundheit, sondern zugleich studierter Epidemiologe. 

Unter den Top Ten tauchen auch vier Virologen auf. Schaut man allein auf die Gäste mit Pandemie-Expertise, also alle Virologen, Epidemiologen und sonstigen Infektionsbiologen, ergibt sich folgende Rangfolge:

Dass mit Melanie Brinkmann eine Frau der am häufigsten eingeladene Gast mit ausgewiesener Pandemie-Expertise ist, überrascht durchaus. In Presseartikeln zum Thema Corona dominieren nämlich ihre männlichen Kollegen wie Christian Drosten, Alexander Kekulé und Hendrik Streeck. Nicht einmal zehn Prozent aller erwähnten Experten sind weiblich.

"Hart aber fair" mit der höchsten Frauenquote

In Corona-Talkshows sind Frauen generell unterrepräsentiert. Zwei Drittel der Gäste sind Männer, nur ein Drittel Frauen. Auf die geringste Frauenquote von nur 24 Prozent kommt "Maischberger" - "hart aber fair" erreicht mit 44 Prozent den höchsten Wert. 

Bemühen sich die Redaktionen nicht genug, um Frauen als Gäste zu bekommen? Das glaubt zumindest die Schauspielerin Maria Furtwängler, die mit der von ihr gegründeten MaLisa Stiftung  gegen die ungleiche Darstellung von Frauen und Männern in Medien kämpft.

"Wir kennen, was wir kennen", sagt sie. "Wir rufen die Nummern an, die wir haben und es ist schlicht praktischer, das Adressbuch zu öffnen, als einen neuen Kontakt zu recherchieren." Furtwängler würde sich "auf jeden Fall" mehr Fachfrauen im Fernsehen wünschen, schon, weil es nicht sinnvoll sei, auf ihre Expertise zu verzichten. 

Aus der Redaktion von "Anne Will" kommt eine andere Erklärung: Man frage oft Frauen an, diese würden jedoch häufiger absagen als Männer. "Da finden Sie doch bestimmt noch jemand besseres", heiße es dann oft. Ein Satz, den man von Männern "selten bis gar nicht" höre.

Nicht viel besser sieht es bei der Altersverteilung der Talkshow-Gäste aus. Schaut man auf das Durchschnittsalter, ergibt sich ein folgendes Bild: Bei den Männern liegt es je nach Talkshow zwischen 52 und 55 Jahren - der Mittelwert beträgt 54,3 Jahre.

Frauen sind im Schnitt fast fünf Jahre jünger. Am jüngsten sind weibliche Gäste mit knapp 47 Jahren bei "hart aber fair", der Sendung mit der höchsten Frauenquote.

Bei "Anne Will" haben Männer und Frauen hingegen einen nahezu identischen Altersdurchschnitt von fast 55 Jahren. "Anne Will" ist damit auch die Talkshow mit den ältesten Gästen.

Ein Durchschnittsalter weit über 50 ist schon ein Indiz dafür, dass jüngere Generationen in den Diskussionsrunden kaum vorkommen - und damit wahrscheinlich auch ihre Themen wie geschlossene Kitas, weggefallene Studentenjobs oder drohender Jobverlust wegen befristeter Arbeitsverträge.

Wie wenig divers die Altersverteilung tatsächlich ist, enthüllt die Alterspyramide der Talkshow-Gäste.

Gerade mal 23 der 348 eingeladenen Personen sind unter 40. Die übergroße Mehrheit der Gäste ist zwischen 45 und 64 Jahren alt.

Auffällig sind die Geschlechterunterschiede: Bei Frauen ist die Altersgruppe von 45 bis 49 am stärksten vertreten. Frauen ab 50 werden immer seltener eingeladen, je älter sie sind.

Bei Männern setzt dieser Effekt deutlich später ein. Die Zahl der geladenen Gäste nimmt mit steigendem Alter sogar zu. Das Maximum liegt in der Altersgruppe 60 bis 64 Jahre. In diesem Segment kommen 55 Männer auf nur 6 Frauen. Erst ab 65 nehmen auch Männer deutlich seltener an Talkshows teil.

Dies dürfte die typische Rollenverteilung in der deutschen Gesellschaft vor 30, 35 Jahren widerspiegeln. In den Achtzigerjahren machten deutlich weniger Frauen Karriere. Sie blieben zumindest in Westdeutschland oft zu Hause und hielten den Männern den Rücken frei, die an ihrem Karriereeinstieg bastelten.

Ein Indiz dafür ist auch die Anzahl der Kinder der männlichen Talkshow-Gäste. Diese liegt, soweit bekannt, bei durchschnittlich 3. Kaum vorstellbar, dass die älteren Väter, die nun Toppositionen in Politik oder Wirtschaft bekleiden und deshalb in Talkshows eingeladen werden, sich umfangreich um diese Kinder gekümmert haben.

"Anne Will" am 26. April 2020: Drei Männer eingeladen - und zwei Frauen

"Anne Will" am 26. April 2020: Drei Männer eingeladen - und zwei Frauen

Foto: Jürgen Heinrich/ imago images/Jürgen Heinrich

Apropos Kinder: Eltern mit Kindern im Kita-Alter sind in Talkshows Exoten. Sie stellten nur 15 der 348 Gäste. Das Thema Kinderbetreuung wurde deshalb - wenn überhaupt - vor allem von Gästen diskutiert, deren Kinder längst erwachsen sind.

Exoten in Corona-Talkshows sind übrigens auch Menschen mit Migrationshintergrund (20 von 348), Ostdeutsche (24 von 348) und Menschen mit niedrigem sozialem Status (9 von 348), die nicht studiert haben und in Berufen wie Krankenschwester oder Altenpfleger arbeiten. Die Sendungen versammeln vor allem Eliten.

Wofür stehst du?

In den Talkshows spielen die Gäste bestimmte Rollen. Zum Beispiel die einer Expertin oder eines Experten. Beispiele dafür sind Virologen oder auch ein Professor für Volkswirtschaft, der über die weltweiten Folgen der Pandemie spricht.

Fast in jeder Sendung sind auch Politiker zu Gast und Lobbyisten, etwa eine Vertreterin des Gaststättengewerbes. Es gibt auch die Rolle des oder der Betroffenen. Das sind Menschen, die berichten, wie das Coronavirus ihr Leben verändert hat. In diese Gruppe gehören Krankenschwestern, Altenpfleger, Intensivmediziner oder auch eine Hotelbetreiberin.

Manche Gäste spielen auch zwei Rollen zugleich: Etwa eine Intensivmedizinerin, die vom Alltag auf der Station berichtet und zugleich über neue Studien zum Krankheitsverlauf von Covid-19.

Auch eine Hotelbesitzerin, die zugleich Sprecherin des Gaststätten- und Hotelverbandes Dehoga ist, hat zwei Rollen: Sie ist Betroffene, weil ihr Hotel leersteht, und Lobbyistin, weil sie staatliche Unterstützung für alle Hotels fordert.

Schaut man sich die Rollenaufteilung der Gäste an, fällt besonders der geringe Frauenanteil von nur 14 Prozent im Bereich Politik auf.

Weil aber zugleich sehr oft Gäste aus der Politik in Talkshows eingeladen werden - fast ein Drittel der Gäste fallen in diese Kategorie - sind es vor allem Politiker, die für eine niedrige Frauenquote in Talkshows sorgen. Man könnte auch sagen, dass Politiker die Frauenquote nach unten drücken.

Würde man alle Politiker und Politikerinnen aus den Gästelisten streichen, läge die Frauenquote bei Talkshows nicht bei 32, sondern bei 41 Prozent.

Vielleicht ist das ja auch eine Idee, um Talkshows vielfältiger und spannender zu machen. Weniger Wolfgang Kubicki und Hubertus Heil, dafür mehr junge Väter und Unternehmerinnen.