Samira El Ouassil

Coronatote Unsere Trauer wird auf Friedhöfen verhandelt – und vergraben

Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Wenn jeder der mehr als 70.000 Coronatoten in Deutschland mindestens 20 Menschen hatte, die weinend am Grab standen, wären das 1,4 Millionen Hinterbliebene. Ich bin eine von ihnen.
Särge von Covid-19-Verstorbenen in einem Krematorium in Dülmen

Särge von Covid-19-Verstorbenen in einem Krematorium in Dülmen

Foto:

Rolf Vennenbernd / picture alliance / dpa

Vor fast genau einem Jahr, Anfang März, feierte ich mit Tante E. ihren 91. Geburtstag. Alle nennen sie Tante E., auch ich, obwohl ich erst vor einigen Jahren Teil der Familie meines Freundes wurde und sie nicht offiziell meine Tante ist. Es war die Art von Geburtstag, für den ein Raum in einer Wirtschaft gemietet wird, zwei Dutzend Menschen an langen Tischen sitzen und alle angeregt durcheinanderreden. Pünktlich zur Mittagszeit ging es los, es gab Suppe, Klöße und Nachtisch und während der gesamten Zusammenkunft wurde Tante E. fest und häufig umarmt.

Sie kennen diese besondere Umarmung, die man Menschen im hohen Lebensalter liebevoll gibt, weil man sich jedes Jahr mehr freut, sie zu sehen. Diese spezielle Umarmung ist Erleichterung und Dankbarkeit in Gestenform – darüber, dass man noch Zeit mit ihnen verbringen darf. Und beim Abschied drückt man sie noch etwas fester – nicht zu fest, um den fragilen Körper nicht kaputtzumachen, aber doch fest genug, weil man ein bisschen Angst hat, dass es das letzte Mal sein könnte. Dabei ist Tante E. für ihr Alter sehr fit, rüstig, widerstandsfähig. So stark wäre ich auch gern mit 91.

Bei diesem Geburtstagsessen vor einem Jahr waren ein paar der Anwesenden gerade aus einem Italienurlaub zurückgekehrt. Wir alle hatten bereits die Meldungen aus Bergamo gehört – »schlimm, ja, schlimm« – zugleich machten wir ahnungslose Witzeleien wie: »Jens, nicht dass du uns hier Corona aus Italien mitgebracht hast, vielleicht sollten wir Tante E. besser nicht so viel umarmen.«

Wie eine Szene aus »Black Mirror«

Ein gutes Jahr später stehe ich auf einem Friedhof bei einer Beisetzung. Tante E. war vor Kurzem an Covid erkrankt, ihr Sohn hatte sie angesteckt. Er hatte das Virus von der Arbeit mit nach Hause gebracht, obwohl er alles getan hatte, um Tante E. so gut wie möglich zu schützen: Abstände wurden eingehalten, Besuche reduziert, Geschäfte vermieden, dafür gab es viele Spaziergänge an der frischen Luft. Das Kümmern um seine greise Mutter, das Pflegen ihrer Gesundheit, waren sein Lebensinhalt, auch schon vor der Pandemie. Selten hatte ich einen Sohn gesehen, der sich so liebevoll um die eigene Mutter gekümmert hatte.

Tante E. hat die Infektion gut überstanden, nahezu symptomfrei. Sie ist fit, rüstig und widerstandsfähig. Ihr dreißig Jahre jüngerer Sohn hat Corona nicht überlebt.

Vor seiner Beisetzung läuft »Yesterday«, dann marschieren wir mit schwarzer Kleidung und weißen FFP2-Masken im Gesicht Richtung Grab. Ich komme mir vor wie in einer Szene aus »Black Mirror«, so postapokalyptisch sieht das aus.

Als wir vor dem Loch stehen und die Urne herabgelassen wird, habe ich Angst, dass Tante E. zusammenklappt. Wie viel Traurigkeit erträgt ein durchlebtes Herz? Sie spricht – um Fassung ringend – in die Runde: »Ich habe so viel erlebt und ausgehalten in meinem Leben. Dass ich jetzt mit 92 meinen Sohn beerdigen muss... ich verstehe das einfach nicht, ich verstehe das einfach nicht.«

Ihr Sohn, der Covid-Bodyguard

Ich verstehe es auch nicht. Es ergibt alles keinen Sinn. Wir stehen um das Grab ihres Sohnes und begreifen nicht, wie ein so normal-gesunder Mann Anfang sechzig an Corona sterben kann. Der Mann, der auf sie aufgepasst hat wie ein Covid-Bodyguard, der für sie da war. Per Infektion aus der Realität herausgeschnitten. Keine Altersschwäche, kein Unfall, kein Krebs, sondern diese seltsame Krankheit.

Tränen und Schnodder laufen in meine Maske, ich habe keine Ahnung, wie man unter einer FFP2-Maske richtig weint, meine ganze Überforderung fängt der Mundschutz für mich ein.

In Anbetracht der inzwischen über 70.000 Verstorbenen allein in Deutschland müssten mittlerweile schon viele Personen die Beisetzung eines Coronatoten erlebt haben.

Ich rechne wild und naiv rum, während ich die Trauergäste sehe: Wenn jeder dieser mehr als 70.000 Verstorbenen mindestens 20 Menschen hatte, die ihn vermissen werden, die zu ihrer Beerdigung kamen und weinend am Grab standen, dann wären das 1,4 Millionen Hinterbliebene. Auch sie sind Opfer von Corona, dieser surrealen Sache, die erst seit 425 Tagen in Deutschland existiert. Eine Kleinstadt an Menschen ist inzwischen gestorben, eine ganze Großstadt wie München ist vom Verlust dieser Menschen betroffen.

Kein Raum für individuelle und kollektive Trauer

Wie geht es all diesen Söhnen, Töchtern und Enkeln, die ihre Eltern und Großeltern verloren haben? Wo ist ihre Lobby? Wo wird ihnen Gehör geschenkt? Wo ist der Raum für diese individuelle, aber auch kollektive Trauer?

Diese Trauer wird privat auf den eingezäunten Friedhöfen verhandelt, dort vergraben und praktischerweise ausgeblendet, auch wenn der Bundespräsident vor Kurzem mit Hinterbliebenen sprach.

Ich will an dem Tag alle umarmen, aber es geht nicht, wir dürfen nicht, wir halten uns unbeholfen an Abstände. Am Ende drücke ich doch Schultern und reibe Rücken, weil ich einem weinenden Menschen nicht nicht Trost spenden kann. Ich hoffe kindisch, dass das Virus uns aus reiner Pietät in Ruhe lässt, und wir tragen ja Masken und sind ja draußen und, und, und.

Tante E. drücke ich zum Abschied und halte ihre Hand. Nicht zu fest, ich will die fragile Dame nicht kaputt machen, aber doch fest genug, weil ich ihre Traurigkeit wegumarmen, ihre Angst vor der Einsamkeit wegstreicheln will. Aber wie fest umarmt man eigentlich eine trauernde Mutter, deren Kind an Covid gestorben ist? Ich weiß es nicht.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.