Samira El Ouassil

Corona-Diskussionen Jede gegenteilige Meinung: ein Säbelzahntiger

Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Die Diskussion um Corona-Lockerungen ist längst zum verhärteten Meinungskampf geworden - vielleicht, weil Debatten für uns auf neurologischer Ebene immer noch knallharte Überlebenskämpfe sind.
Auch ein Raubtier kann bedrohlich am eigenen Wesenskern rütteln

Auch ein Raubtier kann bedrohlich am eigenen Wesenskern rütteln

Foto: iStockphoto/ Getty Images

Spätestens wenn man bei Diskussionen bei den in Deutschland irritierend beliebten Vergleichen mit dem Dritten Reich angelangt ist, weiß man: Der Diskurs sollte mal kurz an die frische Luft. Die Bilder werden lauter, der Ton rauer, die Vergleiche schief, Verhältnismäßigkeiten verabschieden sich in die Quarantäne. Publizistisch, politisch und privat wird der Austausch ungeduldiger, gereizter - oder aber einfach nur irre:

  • Elon Musk bezeichnet die Ausgangsbeschränkungen als "Faschismus".

  • Ein Bestseller-Fernsehkoch vergleicht den Mundschutz mit den Blechmasken, die schwarzen Sklaven früher in Brasilien zur Folter aufgezwungen wurden. Das von ihm willentlich evozierte Bild: Wir sind alle Sklaven der Regierung.

  • Frank Castorf, der Til Schweiger der Theaterregie, ruft zum "republikanischen Widerstand" gegen das Händewaschen auf , wir sollen uns nicht länger den Dekreten von Virologieprofessoren unterwerfen.

  • Twitter-Nutzer setzen das Nichttragen einer Maske mit dem Tragen eines Judensterns gleich. Oder vergleichen die Weigerung, eine Maske zu tragen, mit der Weigerung, einen Hitlergruß zu zeigen. Einkäufer ohne Mundschutz, ganz klar die Weiße Rose der Pandemie.

Handlungen werden so neu geframt, bis die Wörter einfach etwas komplett anderes meinen, als sie bedeuten, eine kämpferische Unerbittlichkeit liegt in diesen Neuauslegungen. Etwas konsequent umsetzen zu wollen, damit es überhaupt seine Wirkung erfüllen kann, bezeichnet man als "radikal". Die Bitte, Rücksicht zu nehmen, gilt als indirekte "Freiheitsberaubung". Gegen Empfehlungen zu handeln, die zum gesundheitlich Schutz aller gedacht sind: "tapferer Widerstand". Sich an Regeln halten: "Untertänigkeit". Aussagen aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse korrigieren: "Unentschlossenheit".

Es ist, als betrachten zwei sich gegenüberstehende Personen eine auf den Boden geschriebene Sechs und einer will den anderen mit aller semiotischen Härte davon überzeugen, dass die Zahl doch aber eine Neun ist. 

  • Den Höhepunkt symbolischer Entrückung erreichten in ihrer Hartherzigkeit die Statements von Boris Palmer, der Bezug nahm auf Wolfgang Schäubles Aussage, nach welcher dem Schutz des Lebens nicht alles unterzuordnen zu sei. Im Sat.1-Frühstücksfernsehen erklärte er: "Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären." Später ergänzte er diese Aussage in der "Welt" mit: " Wir opfern also die Kinder in anderen Ländern der Welt für einen relativ kleinen Gewinn an Lebenszeit bei uns ."

  • In Frankreich war man vergangene Woche ebenfalls an diesem Punkt angelangt: Der Philosoph André Comte-Sponville wurde im Fernsehen gefragt, ob seine Ausführungen darauf hinaus laufen, dass es nicht so schlimm oder weniger schlimm sei als bei anderen Alterskategorien, wenn Ältere an Covid sterben würden. Er antwortete: "Das ist genau, was ich denke. Alle Menschen sind gleich in Würde und Recht, aber die Toten sind es nicht. Mit fünfzehn, zwanzig, dreißig sterben ist, verzeihen Sie, trauriger als mit achtzig, neunzig. "

Die kühle Brutalität in diesen Sätzen und das ethische Tabu, das man öffentlich da gerade bereit ist zu brechen, muss uns aufschrecken lassen. Innerhalb von vier Wochen von der Nachbarschaftshilfe zum Infektions-Darwinismus, bei dem junges und altes Leben gegeneinander aufgerechnet werden - so schnell fuhr nicht mal die Umweltsau von einer Empörung zur nächsten.

Wie sind wir dahin gekommen? Hatte die Angst vor dem Unbekannten zu Beginn und die komplette Ahnungslosigkeit nicht auch etwas Vergemeinschaftendes? 

Jetzt wissen wir zwar auch nicht wirklich viel mehr, haben aber zumindest die Illusion einer aus Nachrichten und Internet zusammengeschusterten Informationsgrundlage, aus der sich überraschend selbstbewusst Meinungen herausbilden darüber, was richtig und falsch ist. Und weil gerade alles existenziell ist, werden Diskussionen darüber inzwischen schnell zur dichotomen Glaubensfrage.

Das teilweise verbissene Recht behalten wollen lässt sich vielleicht aber auch darauf zurückführen, dass Debatten für uns auf neurologischer Ebene auch und immer noch Überlebenskämpfe sind. Für eine Studie aus dem Jahr 2016  steckte Jonas Kaplan, Neurologe am "Brain and Creativity Institute” der University of Southern California, Menschen in einen Kernspintomographen und konfrontierte sie mit Aussagen, die ihrer Weltsicht widersprachen - zum Beispiel zur Waffenregulierung oder zu den Militärausgaben der USA.

Auf den Kernspin-Bildern flammte im Gehirn bei denen, die sich am meisten dagegen sperrten, ihre Meinung zu ändern, auch die Amygdala auf. Dieses mandelförmige Areal kontrolliert unsere Ängste und wird aktiv wenn wir uns ernsthaft bedroht fühlen. Das heißt: Informationen, die meinen eigenen widersprechen, fühlen sich heute für mich genauso bedrohlich an wie früher ein Säbelzahntiger, der auf mich lossprintet. 

Es wurde aber nicht nur die Amygdala aktiv, sondern auch das "Default Mode Network”. Dieses Netzwerk im Gehirn ist für die Kontemplation und das Tagträumen zuständig und kommt zum Einsatz, wenn wir über uns selbst nachdenken und darüber, wer oder was wir überhaupt sind.

Wenn die Weltsicht eines Probanden hinterfragt und herausgefordert wurde, dann leuchteten diese Hirnregionen besonders auf. Kaplan erklärte seine Erkenntnisse : "To consider an alternative view, you would have to consider an alternative version of yourself." Mich mit einer anderen Meinung auseinandersetzen, die meiner eigenen widerspricht, ist also auch immer eine punktuell existenzielle Krise, weil ich eine andere Version von mir imaginieren und dabei in Frage stellen muss, wer ich selbst eigentlich bin. 

Die Fragen mit denen wir uns jetzt während der Krise auseinandersetzen müssen, fordern unsere innerste Einstellungen zu Selbstbestimmung, Solidarität, Freiheit und Tod empfindlich heraus, rütteln bedrohlich am eigenen Wesenskern.

Wenn wir jetzt diese tatsächlich ohnehin existenziellen inneren Vorgänge übertragen auf die äußerlich existenziellen Debatten, in denen es nun buchstäblich um Leben, Überleben und Sterben geht, dann kann man zumindest psychologisch nachvollziehen, woher diese kampfgeladene Grimmigkeit kommt. Jede gegenteilige Meinung: ein Säbelzahntiger. Die Fragen, mit denen wir uns jetzt während der Krise auseinandersetzen müssen, fordern unsere innersten Einstellungen zu Selbstbestimmung, Solidarität, Freiheit und Tod empfindlich heraus, rütteln bedrohlich am eigenen Wesenskern.

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Aber das ist natürlich genau das Problem: Keulen bringen uns nicht weiter. Die Debatte ist viel zu elementar und die Herausforderungen viel zu abhängig von einer gemeinschaftlichen Anstrengung, als dass wir uns diskursiv verhalten dürften wie Steinzeitmenschen.

Anstand ist die beste Verteidigung.

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