Sibylle Berg

Einsamkeit durch Corona Wir sind alle müde

Sibylle Berg
Eine Kolumne von Sibylle Berg
Eine Kolumne von Sibylle Berg
Jahresende, und alles ist noch schlechter geworden. Was also tun? Sich ablenken und daran denken, dass es der Mehrheit gerade genauso geht. So unsicher und ohnmächtig, so ratlos und traurig. 

In amerikanischen Kitschfilmen geht es doch immer gut aus. In diesen Jahresendfilmen. 

Es schneit. Vor den Häusern steht irgendein Zeug mit Lichterketten. Innen ist es golden. Die Kernfamilie, neuerdings auch divers, trägt lustige Weihnachtspullover. Tiere werden in den Ofen geschoben. Ein wenig Spannung zwischen allen, man ärgert sich, aber nie so richtig heftig. Dann rollen in der gesamten Straße die Riesenkarren mit Familienmitgliedern in die Einfahrt. Lachen, Herumtollen, Hunde, Geschenke, fuck CO2. Die Familienmitglieder, die angekommen sind, haben auch ugly Sweater an, man lacht. Alle reden irrsinnig schnell und immer auf Pointe. Dann irgendein Streit. Türenschlagen. Die Mutter weint, der Vater geht Holzhacken. Oder irgendwas ausweiden. Die Gans brennt an, Geschreie. Schwere Musik. Das Kind wackelt apathisch hin und her. Dann klingelt es. Die einsame Nachbarin, 99 und ein wenig schrullig, kommt, sagt was. Alle lachen. Bitten sie rein. Dann wird Pizza geliefert. Sie essen. Aber mit Liebe. Die alte Frau stirbt. Traurig. Bringt die Kernfamilie aber noch näher zusammen. Alle weinen. Die Zuschauer*innen auch. Um ihr Leben weinen sie, weil es sich nie so perfekt anfühlt. 

Und jetzt erst recht nicht. 

Jahresende, und alles ist noch schlechter geworden. Die Regierungen bestehen aus Menschen, die auch noch nie während einer Seuche lebten. Sie machen Quatsch. Einige Bekannte drehen durch, weil sie das Erkennen der eigenen Machtlosigkeit nicht verkraften. Die Rechnungen kommen, die Aufträge bleiben aus. 

Und immer mehr Menschen, die man kennt, hatten den Virus oder Eltern oder Großeltern, die daran gestorben sind, oder sind bankrott, oder einsam. Wie geht es den Einsamen jetzt, wo draußen alles irre wird? Nicht irrer als zu jeder anderen Zeit auf der Erde, die vor 70 Jahren gerade langsam aus zwei Kriegen auftauchte. Europa zerbombt, Millionen ermordet, alles, woran man glaubte, verschwunden. Es hilft selten, im eigenen Elend das anderer mitzudenken. Das hilft doch nichts, wenn doch draußen kein Licht ist, kein Ende zu sehen, und es macht oft noch wütender, wenn Leute einem dann sagen: Ja, aber denk mal an jene, denen es richtig schlecht geht. 

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Warum sollte man das? 

Man sieht doch, was die tun, denen es besser geht. In Privatjets und auf den Seychellen. Und wie viel Milliarden hat Bezos an dem Elend der Welt verdient? 

Das Einzige, was mir hilft, nicht gegen die Wand zu schlagen, so schlecht behandelt fühle ich mich vom Leben, ist es, mich abzulenken. Und daran zu denken, dass es der Mehrheit gerade genauso geht. So unsicher und ohnmächtig, so ratlos und traurig. 

Und das Einzige, was mir einfällt, um den Mist ein wenig besser zu machen, ist, die Menschen, die ich kenne und von denen ich weiß, dass sie allein leben, anzurufen oder ihnen zu mailen. Oder bei ihnen zu klingeln, wenn ich ganz verwegen bin.

Liebe statt Hass

Der Witwer im Haus, die Bekannten, die Kolleginnen, die vielleicht in normalen Zeiten gerne allein sind, oder Leute, die ihre Partner*innen oder Familien nicht sehen können, weil die im Ausland leben. Es ist jetzt nicht die Zeit der großen Veränderungen, der politischen Demonstrationen und schreienden Aufrufe. 

Wir sind alle müde. Wenn die Kraft noch reicht, teilen Sie sie doch bitte mit Menschen, die weniger Mut haben als Sie. Es ist unglaublich abgedroschen dieses: Liebe statt Hass. Man kann auch einfach sagen: Freundlichkeit statt Online-Wut. Oder: Manchmal ist es beruhigend zu wissen, dass man ein kleiner Teil von Milliarden ist. Milliarden mehr oder weniger trauriger, einsamer Menschen.