Samira El Ouassil

Angst vor Kontrollverlust Den inneren Wohlstandsfaschisten überwinden

Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Wer wegen Corona Lebensmittel hamstert, will Kontrolle über eine Situation zurück, die er als bedrohlich empfindet. Es ist dieselbe irrationale Angst, die Menschen an einer humanitären Flüchtlingspolitik hindert.
Panik in der Popkultur: Der Kontrollverlust findet statt, wenn wir zulassen, dass uns die egoistische Angst verroht

Panik in der Popkultur: Der Kontrollverlust findet statt, wenn wir zulassen, dass uns die egoistische Angst verroht

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CSA Images/ Getty Images

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass der Mann, dessen Partei vor drei Wochen für einen politischen Kontrollverlust verantwortlich war, der Mann also, der das Land an den Rand einer Staatskrise brachte, dieser Mann, der seinem Kollegen entschuldigend das "Übermanntwerden" attestierte, nun von der Kanzlerin einfordert, einen Kontrollverlust, wie er bei der Zuwanderung nach Deutschland 2015 stattgefunden haben soll, zu verhindern.

Entlarvend ist hier einerseits die Übernahme eines rechten Framings. Wer Kontrollverlust sagt, denkt "unkontrollierte Grenzöffnung" mit, was faktisch schon 2015 falsch war und nun nicht richtiger wird. Andererseits bestürzt die Sterilität der Sprache, die sich nicht mit Humanismus oder Empathie aufhalten will - dafür ist offenbar keine Zeit, Europa droht ja offenbar übermannt zu werden (zum Glück muss Europa gerade keine Wahl in Thüringen ablehnen).

Christian Lindner legt mit der semantischen Sensibilität einer DIN-Norm nach, wenn er erklärt, dass es "zur Reduzierung der Migrationsbewegungen" hilfreich wäre, wenn Merkel öffentlich sage, "dass es eine unkontrollierte Einreise nach Deutschland nicht mehr gibt".

"Symptomatisch ist aber auch in größerem Maßstab, was hinter der Angst vor Kontrollverlust zu stecken scheint - eine viel grundsätzlichere und nicht mal stereotypisch deutsche Sorge um den eigenen Status quo"

Während Sie das nun lesen, werden gerade Tränengas und Blendgranaten gegen Kinder eingesetzt, auf Menschen wird geschossen, hier im Friedensnobelpreisträger Europa. In Anbetracht der humanitären Katastrophe, die sich genau jetzt abspielt, schockiert es, dass das größte Bedenken der Partei der Freiheit nicht das unmenschliche Chaos an der europäischen Grenze ist, sondern eine befürchtete Störung der deutschen Ordnung.

Symptomatisch ist aber auch in größerem Maßstab, was hinter der Angst vor Kontrollverlust zu stecken scheint - eine viel grundsätzlichere und nicht mal stereotypisch deutsche Sorge um den eigenen Status quo. Es ist die gesellschaftlich aggregierte und sehr individuelle Angst davor, dass das eigene Leben nicht immer gut sein wird.

Diese Angst um die eigene Eingerichtetheit manifestiert sich zum Beispiel auch in den postapokalyptischen Zuständen, die am Wochenende in den Supermärkten herrschten: Sagrotan wurde dort gehandelt wie die nächste Kryptowährung, Seife ist nun das neue Statussymbol, sogar Dinkelnudeln waren restlos ausverkauft, Dinkelnudeln! Innerhalb von 24 Stunden Inkubationszeit wurden wir zu einem Land von Nuklearkriegsveteranen und Profipreppern.

Wir hamstern, als könnten Dosenravioli uns unverwundbar machen, und es offenbart den hilflos-verschreckten Versuch, Kontrolle in einer als bedrohlich empfundenen Situation zurückzukaufen. Aber die Angst vor dem Einbruch der Gegenwart in die eigene Häuslichkeit ist dieselbe Art irrationale und egoistisch machende Angst, die Menschen daran hindert, sich an Kontinentalgrenzen mitmenschlich zu zeigen.

Heinz Bude hat in seinem Buch "Gesellschaft der Angst" einen interessanten Begriff gefunden, die "postkompetitive Verbitterungsstörung". Das ist im Grunde Missgunst aus einer Angst, die aus zwei Momenten besteht: einem subjektiven Frust darüber, dass aufgrund einer inkludierenden, liberalen, globalen Gesellschaft die eigene Existenz permanent neu verhandelt werden kann, weil viel mehr Menschen nun eben an dieser Gesellschaft teilnehmen können. Das zweite Moment ist eine existenzielle Panik, dass das bis dahin Erreichte nun nichts mehr gilt und man selbst exkludiert wird durch das Dispositiv der Inklusion aller.

Wenn für jemanden Beständigkeit und Komfort nun ein nicht unerheblicher Faktor für die eigene Zufriedenheit sind, Beständigkeit und Komfort vielleicht schon immer Teil der eigenen Existenz waren, dann muss einem das Wort "Kontrollverlust" wie eine Kriegserklärung gegen das eigene Lebensglück erscheinen.

Als stellvertretende Erweiterung des eigenen Selbst betrachtet man, was man kauft und isst, weshalb sich Leute zum Beispiel von vegetarischen Alternativen bedroht fühlen und kämpferisch reagieren - es stellt ihre Art zu essen, also sie selbst, infrage. Und als Erweiterung des Selbst betrachtet man in seiner Angst um seinen Wohlstand auch die eigenen Landesgrenzen.

Der Physiologe Walter Cannon prägte bereits 1915 die Kampf-oder-Flucht-Reaktion: Sie ist unsere Art, auf für uns bedrohlich wirkende Reize zu reagieren. In der Angstforschung wurde sie um eine dritte Reaktion ergänzt: das Totstellen, zu dieser kommen wir gleich. Wenn wir also Angst haben, die Kontrolle zu verlieren, kämpfen wir, rennen weg oder verfallen in Teilnahmslosigkeit.

Mit den Hamsterkäufen verfallen wir in einen kompetitiven Kampfmodus, wenn wir die letzten Packungen Barilla zähnefletschend horten, während wir uns mit dem Einkaufswagen erbarmungslos den Weg zur Kasse freirammen. Wir gehen in den ökonomischen Kampfmodus, wenn sich Geschäftsmodelle aus traurigem Zynismus etablieren und ein Händler mit der Angst und Ahnungslosigkeit darüber, dass Masken nicht viel bringen, Millionen macht.

Und wir sind längst im angstinduzierten antihumanitären Kampfmodus, wenn wir Flüchtlinge buchstäblich beschießen lassen.

Vielleicht bleibt bei der Angst vor der Klimaerwärmung hingegen auch deshalb die dringend notwendige Agitation aus, weil es keine Angst ist, die wir gut durch Egoismus, Konsum und Aktionismus beruhigen können, sondern nur durch Altruismus, Verzicht und Rationalität - was wesentlich anstrengender ist.

Weshalb wir uns für die dritte Reaktion auf die tatsächlich bedrohliche Situation entscheiden. Totstellen.

Die Angst vor dem Kontrollverlust macht ein systemisches Problem sichtbar: Wie sollen wir von einem Land erwarten, in dem aus Ansteckungspanik den chronisch Kranken die Atemmasken und Desinfektionsmittel weggekauft und aus Krankenhäusern weggeklaut werden, auch nur ansatzweise empathisch mit komplett Fremden in Griechenland zu sein? Wir müssen unseren inneren Wohlstandsfaschisten überwinden.

Und es ist auch kein Zufall, dass die Partei, die Gesellschaft nach dem Konzept "wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht" gestalten will, diese Angst als Erstes ausspricht und den Kontrollverlust herbeifürchtet.

Aber Kontrollverlust findet nicht durch eine Einreise flüchtender Menschen statt, sondern bei unserer Selbstbeherrschung, wenn wir unethisches Verhalten mit der Ausrede von Selbstschutz verrationalisieren wollen. Der Kontrollverlust findet statt, wenn wir zulassen, dass uns die egoistische Angst verroht.