Corona und Kunstmarkt "Es gibt Kollegen, die das Wort 'Rücklagen' noch nie gehört haben"

Der Galerist Judy Lybke vertritt Stars wie Neo Rauch - und will sich trotzdem nicht als Teil des Spitzenkunstmarkts sehen. Für ihn ist die Coronakrise auch die Chance auf einen Neuanfang für eine überreizte Branche.
Ein Interview von Ulrike Knöfel
Judy Lybke 2016 in Berlin Mitte: "Manchen fällt gerade wieder ein, dass sie ja ein Atelier haben."

Judy Lybke 2016 in Berlin Mitte: "Manchen fällt gerade wieder ein, dass sie ja ein Atelier haben."

Foto:

Doris Spiekermann-Klaas/ picture alliance

SPIEGEL: Herr Lybke, normalerweise sind Sie viel unterwegs. Wo sind Sie gerade – und wo wären Sie, gäbe es jetzt keine Pandemie?

Judy Lybke: Eigentlich wäre ich in Hongkong auf der Messe oder mittlerweile auf der Rückreise, diese Verkaufsschau fand findet aber nicht in gewohnter Form statt, sondern nur im Internet. Unsere Galerien haben wir fürs Erste zugesperrt. Deshalb bin ich jetzt zu Hause in Berlin.

SPIEGEL: Normalerweise liefert der Kunstbetrieb Sensationsmeldungen, verrückte Werke werden für Rekordpreise verkauft, und das wird dann mit wilden Partys gefeiert. Nun steht diese überdrehte Kunstwelt still.

Zur Person

Gerd Harry ("Judy") Lybke, 59, ist international einer der bekanntesten Galeristen. Er vertritt Künstler wie Neo Rauch, und er ist selbst eine Berühmtheit. Lybke hat schon zu DDR-Zeiten eine Galerie eröffnet, die er allerdings heimlich betreiben musste. Heute ist er mit "Eigen+Art" in Leipzig und an zwei Adressen auch in Berlin präsent.

Lybke: Das ist nicht die Kunstwelt, von der Sie reden und in der ich mich zu Hause fühle. Das ist der Kunstmarkt, den Sie meinen. Wir haben in diesem Markt vielleicht einen kleinen Fuß, mehr nicht.

SPIEGEL: Sie sind aber doch einer der bekanntesten Galeristen der Welt. Sie vertreten weltberühmte Künstler, etwa Neo Rauch, Tim Eitel, Carsten Nicolai.

Lybke: Aber wir sind keine Großgalerie mit zehn oder mehr Filialen. Das sind Imperien, die bilden eine eigene Kategorie, dazu gehören noch die großen Versteigerungshäuser. Dieser Teil des Marktes hat sich abgekoppelt von allem, wofür wir stehen. Uns geht es um Kunst als Kunst und nicht nur als Aktienersatz.

SPIEGEL: Sagt einer, der Werke für mehrere Hunderttausend Euro verkauft.

Lybke: Einige unserer Künstler sind so hochpreisig, sie haben dafür viele Jahre lang hart gearbeitet, und wir mit ihnen. Aber wir haben in Berlin neben unserer Galerie noch einen weniger formellen Standort, unser Lab. Da können Sie auch Werke junger Künstler und Künstlerinnen für 40 oder 400 Euro einkaufen. Die Wahrnehmung unserer Branche ist verzerrt, immer wieder wird nur über Preise, vor allem über Rekordpreise berichtet. Früher wurde mehr über Ausstellungen, auch über Verkaufsausstellungen in Galerien, diskutiert, sogar gestritten. Es ging um Inhalte. Und vielleicht kommen wir auf sie endlich wieder zurück.

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