Zukunft der Bühnen "Im Grunde war das Theater schon vor der Krise ein gefährlicher Ort"

Theater zeigen derzeit viel clevere Internet-Bühnenkunst. Aber die große Frage bleibt: Wann und wie könnte ein Spielbetrieb unter verschärften Hygienevorschriften neu beginnen?
Livestream-Theater aus Zürich: Die Schauspielerin Maja Beckmann in "Dekalog, sieben"

Livestream-Theater aus Zürich: Die Schauspielerin Maja Beckmann in "Dekalog, sieben"

Foto: Schauspielhaus Zürich

Am vergangenen Mittwoch hat mir die Berliner Schaubühne den jungen Bruno Ganz gezeigt: Er spielte im Pluderhemd den Prinzen von Homburg aus Kleists berühmtem Stück, der sich in Todesfurcht auf dem Boden wälzt. "Gottes Welt ist so schön!", klagte er, und es klang wie ein Angstschrei in Corona-Zeiten, als er flehte: "Lass mich nicht, eh die Stunde schlägt, zu jenen schwarzen Schatten niedersteigen!" Es handelte sich um eine Aufführung von 1972, die für einen Abend abrufbar war auf der Website der Schaubühne.

Am Freitag präsentierte mir das Wiener Burgtheater ein neues Drama des Autors Franzobel. Es heißt "Säuberung" und blickt aus einer nahen Zukunft auf die Gegenwart zurück. "Wir haben den Zusammenhang zwischen Ausgangssperre und Alkoholkonsum getestet", sprach der Schauspieler Norman Hacker hier, "mit vernichtendem Ergebnis!" Die Digital-Lesung ist Teil einer Reihe von Monologen von österreichischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die Idee stammt von Burgtheaterboss Martin Kusej.

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Am Sonntag sah ich eine neue Produktion des Schauspielhauses Zürich. Die Schauspielerin Maja Beckmann stand vor einem Kühlschrank und mampfte Frühstücksflocken. Dabei redete sie mit einem störrischen Kind - es hörte sich wie ein Lockdown-Drama an, auch wenn hier die 30 Jahre alte Filmstory "Dekalog, sieben" von Krzysztof Kieślowski nacherzählt wurde, in dem die Frau und das Kind nicht in Quarantäne, sondern in einem Versteck verbarrikadiert sind. Regisseur Christopher Rüping inszeniert aktuell Versionen sämtlicher "Dekalog"-Filme im Livestream und lässt die Zuschauer über Veränderungen der Handlung abstimmen.

Alle Theatersäle sind derzeit geschlossen und doch zeigen nahezu alle öffentlich subventionierten Bühnen Programm. Das ist oft hochinteressant, selbst das Berliner Theatertreffen findet noch bis zum Wochenende nur im Netz statt - aber natürlich bleibt trotz dieser kreativen Überbrückungs-Shows vor allem die eine große Frage: Wann und wie kann das Theater nach dem verordneten Stillstand wieder in Gang kommen?

"Unsere Spieler werden allmählich depressiv", sagt Sonja Anders, die seit Beginn der Saison als neue Schauspielintendantin am Staatstheater in Hannover einen von vielen Kritikern gefeierten Start hingelegt hat. "Für einen Theatermenschen ist das Homeoffice eigentlich nicht zu ertragen. Unsere Arbeit funktioniert nur im sozialen Zusammenhang."

Auch, weil unter allen Kultursparten Theater und Konzertbetrieb diejenigen sind, die am stärksten auf die körperliche Anwesenheit ihres Publikums angewiesen sind, brüten Menschen in vielen Theaterhäusern über Plänen und Hygienekonzepten.

Staatstheater-Intendantin Sonja Anders in Hannover: "Was wir jetzt an digitalem Theater erleben, wird uns auch nach der Krise erhalten bleiben."

Staatstheater-Intendantin Sonja Anders in Hannover: "Was wir jetzt an digitalem Theater erleben, wird uns auch nach der Krise erhalten bleiben."

Foto: Kerstin Schomburg

Benjamin von Blomberg, einer der beiden Intendanten des zu Beginn der Saison neu gestarteten Schauspielhauses in Zürich, sagt: "Wir müssen dafür kämpfen, notfalls auch für fünf Menschen zu spielen. Selbst wenn die Zuschauer im Theatersaal erstmal zwei Meter Abstand zueinander halten müssten, wäre das ein großer Gewinn. Dass Menschen zusammen in einem Raum sind, sich zur Kenntnis nehmen, Rücksicht üben, kurz lächeln - und dass dann etwas gemeinsam erlebt wird."

Sitzplan-Varianten und Maskenpflicht für Zuschauer

Theaterchefin Anders in Hannover berichtet von Gesprächen mit niedersächsischen Politikern über die Frage, ob im Sommer vielleicht wenigstens unter freiem Himmel wieder Theateraufführungen vor Publikum gezeigt werden können. Für die Zuschauersäle des Hauses habe ihr Team sich mehrere Sitzplan-Varianten ausgedacht, die zum Beispiel darauf hinauslaufen, dass nur ein Viertel oder Sechstel der Plätze belegt wären und die mit Masken ausgestatteten Zuschauer konsequent Abstand wahren. "Im Grunde war das Theater schon vor der Krise ein gefährlicher Ort", sagt Anders, "ein Austauschplatz für alle möglichen Bakterien und Keime. Aber das hat man eben in Kauf genommen." 

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Auf der Bühne ist eine Maskenpflicht schwer vorstellbar. Anders sagt, auch auf Anregung der Schauspieler denke man aber darüber nach, bestimmte Inszenierungen so umzuarbeiten, dass die Darsteller nicht mehr frontal miteinander sprechen. "Es gibt Inszenierungen, in denen überhaupt nur drei direkte Begegnungen passieren, da kann man über eine Umarbeitung nachdenken."

Hier könnte es sich als Glück erweisen, dass im modernen Regietheater die psychologisch-realistischen Brüllduelle vergangener Theaterzeiten kaum mehr vorgesehen sind. Heute werden nicht bloß Beziehungsdramen, sondern auch personenreiche Klassiker oft in Form säuberlich getrennter Monologe von an der Rampe postierten Darstellern vorgeführt. Sonja Anders sagt: "Da hat die Arbeit von Regisseuren wie Michael Thalheimer einen Stil geprägt, der jetzt vielleicht ganz nützlich ist." In Hannover könne man sich auch vorstellen, Zwei-Personen-Stücke mit Schauspielern zu präsentieren, die sowieso zusammenleben; im Ensemble gibt es diverse Darsteller, die jeweils eine Liebes- und Wohngemeinschaft bilden.

"Vielleicht entstehen neue Formen und Formate, vielleicht werden wir durch die Abstandsregeln aber auch auf das Deklamiertheater der Fünfzigerjahre zurückgeworfen"

Joachim Lux, Intendant am Thalia Theater in Hamburg

Vorerst wartet Anders wie alle Intendanten auf die Lockerungsentscheidungen der Politik - und zeigt auch in Hannover ein Internetangebot aus Videos, Streams und Podcasts, das unter dem Titel "On Air" auf der Website des Staatstheaters präsentiert wird. "Ich glaube, die Vorbehalte, die viele Theaterzuschauer gegen digitale Bühnenformate hatten, sind auf Dauer ausgeräumt", sagt Anders. "Vieles, was wir jetzt an digitalem Theater erleben, wird uns auch nach der Krise erhalten bleiben."

Immerhin finden sich etwa auf der Theaterkritik-Plattform "Nachtkritik"  mittlerweile schon schwärmerische Texte über die Schönheiten des Theater-Streamings: In einem besonders euphorischen Traktat hat eine Digitaltheater-Aktivistin den schönen Begriff vom "postpandemischen Theater" geprägt, das die Zukunft mit vielen technischen Neuerungen beglücken werde. Eventuell beglückt es sogar schon die Gegenwart: Aktuell lässt der Intendant des Hamburger Thalia Theaters Joachim Lux zahlreiche Schauspielerinnen und Schauspieler seines Ensembles per Internet-Schaltung mit ihren Regieteams proben.

Manche in seinem Theater seien zuversichtlich, dass aus den veränderten Arbeitsbedingungen eine neue, fortschrittliche Art des Spielens erwachse. Lux selbst ist noch unentschlossen: "Vielleicht entstehen neue Formen und Formate, vielleicht werden wir durch die Abstandsregeln aber auch auf das Deklamiertheater der Fünfzigerjahre zurückgeworfen."

Was auch immer kommen mag - klar ist auf jeden Fall, dass das Theater bislang noch jede Epidemie überlebt hat: Die glorreichen Zeiten, in denen William Shakespeare mit seinen Schauspielern in London Triumphe feierte, wurden zweimal brutal unterbrochen. 1592 schlossen die britische Krone und der Londoner Bürgermeister sämtliche Theater der Stadt wegen einer Pestepidemie für ein ganzes Jahr, 1603 dann noch mal für sechs Monate - da war die Pest zurückgekehrt.

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