New Yorker Metropolitan Museum in der Coronakrise Allein mit drei Millionen Kunstwerken

Die Corona-Pandemie hat Kulturinstitutionen auf der ganzen Welt lahmgelegt. Max Hollein, Direktor des Metropolitan Museums in New York, erklärt, wie verheerend das sein kann - und wie er dagegen kämpft.
Ein Interview von Marc Pitzke, New York
Ägyptische Statue im Metropolitan Museum of Art in New York: Corona als "existenzielle Bedrohung"

Ägyptische Statue im Metropolitan Museum of Art in New York: Corona als "existenzielle Bedrohung"

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Seth Wenig/ AP

SPIEGEL: Herr Hollein, wie geht es Ihnen gerade persönlich?

Max Hollein: Mir geht es den Umständen entsprechend gut. Ich sitze fast ganz allein hier im Metropolitan Museum.

SPIEGEL: Sie und die anderen Museen in New York haben wegen der Coronakrise geschlossen, noch bevor der Rest der Stadt herunterfahren musste . Wussten Sie mehr als wir?

Hollein: Anders als in Europa gab es hier zunächst keine Anordnung von oben, zu schließen. Wir sind ja auch keine städtische oder staatliche Einrichtung, sondern eine private Stiftung, die auf städtischem Boden sitzt. Wir mussten als Museum selbst die Entscheidung treffen, für die Sicherheit unserer Mitarbeiter und für die der Öffentlichkeit. Auch, um die Verbreitung des Virus zu reduzieren. Für uns war es wichtig, relativ klar und konzise auf das zu reagieren, was wir alle gespürt haben. Wir wollen eine Institution sein, die verantwortungsvoll handelt. Wir alle sind natürlich verunsichert, andererseits muss man jetzt so gut es geht die Zukunft vorausplanen und klare Richtlinien vorgeben - insbesondere auch für unsere mehr als 2000 Mitarbeiter, die derzeit alle zu Hause arbeiten, soweit es eben geht.

Max Hollein, 50, ist seit August 2018 Direktor des Metropolitan Museums of Art in New York. Der gebürtige Wiener leitete zuvor die Schirn Kunsthalle und das Städel Museum in Frankfurt sowie das Fine Arts Museum in San Francisco.

SPIEGEL: Wie lange wird das dauern?

Hollein: Basierend auf dem, was wir von der US-Seuchenbehörde CDC hören, lautet die Prognose, dass in New York der Höhepunkt der Infektionsrate im Mai erreicht sein wird. Das bedeutet für uns, dass wir wohl nicht vor Juli wiedereröffnen werden.

SPIEGEL: Wer wird darüber entscheiden?

Hollein: Diese Entscheidung wird dann nicht unsere sein, sondern eine des Staates New York, also von Gouverneur Andrew Cuomo, oder der Stadt, durch Bürgermeister Bill de Blasio. Nach dem Höhepunkt der Infektionsrate folgt dann ja immer noch eine Phase, in der man nicht sofort öffnen kann. Und selbst dann werden es veränderte Verhältnisse sein. Man muss davon ausgehen, dass es wahrscheinlich auch im Juli noch keine normalen Besucherzahlen gibt, sondern nur reduzierte. Auch wird es sicher Restriktionen geben, wie viele Leute dann ins Met dürfen. Außerdem kommen mehr als 30 Prozent unserer Besucher aus dem Ausland. Der globale Tourismus wird sich erst über Monate langsam wieder neu entwickeln und erholen. Wir werden eine ganz andere Publikumszusammensetzung vorfinden.

"Das Museum wird grundgereinigt": Met-Direktor Max Hollein

"Das Museum wird grundgereinigt": Met-Direktor Max Hollein

Foto: Frank Rumpenhorst/ dpa

SPIEGEL: Wie funktioniert die Schließung einer so großen Institution? Sie machen ja nicht einfach nur die Tür zu. Das Met hütet rund drei Millionen Kunstwerke.

Hollein: Wir mussten viele Entscheidungen treffen, auch in Bezug auf die programmatische Arbeit, auf die Ausstellungen, die eigentlich stattfinden sollten. 2020 ist ein komplexes Jahr und noch komplizierter für uns, als es sonst wäre, weil wir ja auch unser 150-jähriges Jubiläum feiern.

SPIEGEL: Säubern Sie das Museum jetzt?

Hollein: Das Museum wird grundgereinigt, das ist ein riesiger Gebäudekomplex mit fast 200.000 Quadratmetern. Auch, um für die Mitarbeiter, die jetzt noch weiter hier sind, etwa die Sicherheitsleute, keine Ansteckungsgefahr herzustellen.

Geburtstag ohne Gäste: Erstmals in 150 Jahren ist das Met für Monate geschlossen

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Foto: ANDREW KELLY/ REUTERS

SPIEGEL: Und die Kunst?

Hollein: Die Kunst ist am sichersten, wenn sie weiter genauso in unseren Räumen hängt oder in unseren Depots verschlossen liegt. Besonders empfindliche Objekte wie Zeichnungen, Grafiken oder Fotografien befinden sich entweder in abgedunkelten Galerieräumen, oder sie sind mit Folie überklebt, damit da kein Licht durchdringt. Ansonsten würden Sie, wenn sie gerade durch unsere Räume gingen, alles sehen so wie immer, nur ohne Besucher und mit Notlicht und ein paar Wärtern, die ihre Rundgänge machen.

SPIEGEL: Was kostet diese Zwangspause?

Hollein: Wenn wir bis Anfang Juli geschlossen bleiben, wird uns das nach einer groben Prognose rund 100 Millionen Dollar kosten - allein 60 Millionen Dollar bis Ablauf des Haushaltsjahrs Ende Juli, der Rest danach. Wir werden keine Umsätze haben, keine Eintrittserlöse, und das Fundraising wird unter ganz anderen Voraussetzungen stattfinden. Unsere großen Benefizgalas entfallen derzeit ja auch.

SPIEGEL: Die alljährliche Met-Gala im Mai wurde abgesagt , da kamen letztes Jahr rund 19 Millionen Dollar zusammen. Können Sie Ihre reichen Spender nicht bitten, Ihnen das Geld trotzdem zu geben?

Hollein: Ich glaube, dass diese Krise eine wirklich bedrohliche Situation für viele Menschen ist, für viele andere Kulturinstitutionen und sehr unterstützenswerte Initiativen, auch in New York. Es ist wichtig, dass die Leute jetzt insbesondere auch für etwas anderes spenden.

Fundraising und Fashion abgesagt: Hollwoodstar Katie Holmes bei der Met-Gala 2013

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Foto: LUCAS JACKSON/ REUTERS

SPIEGEL: Das Met hat ja auch genug Reserven, oder?

Hollein: Wir sind eine sehr wohlhabende Institution, was unser endowment angeht, unseren Kapitalstock. Das sind mehr als drei Milliarden Dollar. Die Zinsen daraus finanzieren einen Teil unseres operativen Budgets. Da können Sie nicht einfach sagen, okay, jetzt nehmen wir ein paar Millionen und gleichen damit unsere Defizite aus. Auch ist das nicht einfach ein Geldberg, sondern unterliegt ganz verschiedenen Verwendungsauflagen durch die Spender. Und diese Investitionen müssen uns noch Jahrzehnte, Jahrhunderte weitertragen. Wir wandeln aber alle Mittel, die wir verwenden dürfen, in einen Rettungsfonds um, das sind rund 50 Millionen Dollar. Wir verwenden das dann eben nicht für Erwerbungen, andere Programme oder Sonderinitiativen, sondern um zumindest einen Teil des Defizits abdecken zu können.

SPIEGEL: Die Metropolitan Opera streamt  während der Coronakrise aufgezeichnete Opern in HD auf ihrer Website, andere Museen bieten virtuelle Rundgänge an. Planen Sie so etwas auch?

Hollein: Das Met hatte schon immer ein sehr starkes digitales Angebot. Das bauen wir jetzt in dieser Zeit aus . Da gibt es zum Beispiel 360-Grad-Ansichten ikonischer Säle und verstärktes Engagement mit Besuchern auf Social Media.

SPIEGEL: Sie selbst haben lange Erfahrung mit kleineren, weniger reichen Museen. Wie können die diese Krise überstehen?

Hollein: Es ist eine existenzielle Bedrohung für viele kulturelle Institutionen, und das wird nicht ohne Hilfe von verschiedensten Stellen gehen, auch staatlichen. Das ist nicht nur ein Appell, sondern eine Notwendigkeit. Das Met wird dabei eine wesentliche Lobbyfunktion übernehmen. Uns ist es wichtig, dass nicht nur uns geholfen wird, sondern viel mehr auch anderen Häusern.