Sibylle Berg

Coronavirus Etwas mehr Nähe - bei allem körperlichen Abstand

Sibylle Berg
Eine Kolumne von Sibylle Berg
Corona macht uns Angst - aber Vereinsamung ist keine Lösung. Immer wieder hat sich gezeigt: Nicht der Brutalste überlebt, sondern die Gemeinschaft, deren Mitglieder sich helfen.
Woodstock-Patch: Love und Peace

Woodstock-Patch: Love und Peace

Foto: Kathy Konkle/ Getty Images; DER SPIEGEL

Jetzt haben wir sie fast alle: die Angst, die noch vor kurzem als vorherrschendes Gefühl weißer Männer untersucht worden war. Und nun ein umarmendes Weltgefühl zu werden droht. Jetzt sind es nicht Flüchtende, die Gesellschaften ins Chaos stürzen, sondern ein Virus, das aussieht wie ein mäßig interessantes Stoffdesign.

Jetzt droht stattzufinden, worauf sich Prepper vorbereiten, wovor Populisten warnten - das Ende der Welt, wie wir sie kannten. Auf unbestimmte Zeit scheint es, als wären wir verlassen, hilflos. Und vielleicht ist diese Unklarheit das Schwierigste. In Zeiten, in denen doch jeder alles zu wissen scheint, vielen Wissenschaftlerinnen, Medien und Politikerinnen misstraut und nur sich selbst glaubt. Aber seien wir mal ehrlich: Allein, nachts im Bett, wissen doch die meisten, dass sie nichts wissen. Und das ist das Schlimmste.

Erst war die Krankheit weit entfernt, dann etwas, das nur Alte bekamen. Die früher Geborenen erinnern sich vielleicht an die letzte weltweite Seuche, die man nur bestimmten Bevölkerungsgruppen zuschrieb, und vor der man sich in Sicherheit der moralisch Überlegenen wähnte. Welch fatale Fehleinschätzung, die sich nicht wiederholen sollte.

In unserer komplett globalisierten Welt, die man lange so genossen hat, mit ihren (für die westlichen Länder) grenzenlos verfügbaren Waren, den Reisen und der praktischen Abfallentsorgung. Ein Geflecht aus Abhängigkeiten, das jede komplette Grenzschließung und Abschottung lächerlich hilflos erscheinen lässt.

Und nun? Wird aus faszinierter Beobachtung und Sorglosigkeit Panik - wie in allen Horrorfilmen. Doch so wie in den meisten Medien und im Netz negative Nachrichten die stärkste Beachtung finden, sind Horrorfilme eben nicht die Kunstform für Trost und Menschlichkeit.

Die Menschlichkeit, an der viele in letzter Zeit Zweifel hatten. Da Politikerinnen und Politiker ermordet und bedroht, Flüchtige ins Meer zurückgestoßen, Menschen beschimpft, Hass und Verachtung zum normalen Umgangston geworden sind. Man glaubte, in der schrecklichsten aller Zeiten zu leben, zwischen zynischen Waffenherstellern und gierigen Großkapitalisten. Doch die schrecklichste Zeit auf Erden war immer. Und doch existieren wir weiter.

Leute verlieben sich, vermehren sich, bauen Häuser und haben Träume, weil die meisten bei aller Skepsis dem Nächsten gegenüber an das seltsame "Gute" glauben. Das hat Gemeinschaften durch die schrecklichsten Krisen getragen. Denn nie waren die Brutalsten, die als einsame Sieger nach Katastrophen übrig blieben, sondern die Gemeinschaft, deren Mitglieder sich halfen. Alleine werden wir also nicht überleben. Und wenn, lohnt sich das?

Allein, nachts im Bett, wissen doch die meisten, dass sie nichts wissen. Und das ist das Schlimmste.

Gerade wenn man Angst hat, hilft es, die anderen zu sehen, sich zu helfen, anzulächeln, zu schauen, ob jemand Hilfe braucht oder Trost. Vielleicht geht die sogenannte gespaltene Gesellschaft, die es im Moment überall zu geben scheint, befeuert von wirtschaftlichen Interessen, gestärkt aus dieser Zäsur hervor.

Möglicherweise beginnen größere Teile der Bevölkerung den Parteien, die jetzt zu laut von Eigenverantwortung reden, zu misstrauen . Vielleicht begreifen viele, dass sie alleine nichts sind, es nicht hilft, nicht wärmt, nicht glücklich macht, nach Schuldigen zu suchen, den anderen zu verachten, zu erniedrigen.

Ich hoffe darauf. Auf das seltsame Gute, auf den Zusammenhalt, und etwas mehr Nähe. Bei allem gebotenen körperlichen Abstand.

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