Margarete Stokowski

Coronafolgen Freedom Day oder nicht, Long Covid ist ein ernstes Problem

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Bald fallen die Coronamaßnahmen, noch mehr Menschen werden sich infizieren und Long Covid bekommen. Aus eigener Erfahrung warnt unsere Kolumnistin: Das wollen Sie auf keinen Fall.
Folgen von Long Covid: Über Monate leiden – und manchmal länger

Folgen von Long Covid: Über Monate leiden – und manchmal länger

Foto: fizkes / iStockphoto / Getty Images

Nur noch fünfmal schlafen bis Freedom Day! Oder für alle, die Long Covid haben: noch fünfmal schlafen und ungefähr 15-mal hinlegen und an die Decke starren. Apropos liegen, ich weiß, ich liege Ihnen jetzt seit zwei Jahren in den Ohren damit, wie falsch ich die deutsche Coronapolitik finde. Zu kurzsichtig, zu sehr am Wohlergehen der sogenannten Wirtschaft interessiert und zu wenig an Kindern, Alten, Armen, Kranken, Frauen, Obdachlosen, Toten, medizinischem Personal, Sie wissen schon.

Aber wissen Sie, was mich außerdem fertig macht? Dass in all den politischen Entscheidungen, die jetzt getroffen werden, wider besseres Wissen die Tatsache überhaupt keine Rolle spielt, dass so viele Leute nach einer Infektion oft noch sehr lange unter Long Covid oder Post Covid leiden.

10 bis 15 Prozent der Menschen, die sich infizieren, leiden nach der akuten Infektion unter Long Covid, manchmal ein paar Monate, manchmal wesentlich länger. 10 bis 15 Prozent klingt erst mal nicht viel, aber 10 bis 15 Prozent von über 17 Millionen Infektionen (in Deutschland) sind leider insgesamt doch viel. Auf einer Infoseite des Gesundheitsministeriums  heißt es: »Die einzige Möglichkeit, um sich vor Long-COVID zu schützen, besteht darin, eine Infektion mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 zu vermeiden.« Sie wissen es. Und sie nehmen es in Kauf.

Long Covid ist eine Krankheit, die bisher zu wenig erforscht ist, weil es sie noch nicht allzu lange gibt, einerseits. Andererseits hat Long Covid große Ähnlichkeiten mit ME/CFS, auch als »chronisches Fatigue-Syndrom« bekannt, wobei »Fatigue« für viele Leute einfach so klingt, als wär man dann ein bisschen müde, obwohl Leute mit dieser Krankheit oft schwerbehindert sind . ME/CFS gibt es schon länger, und Leute, die darunter leiden, fordern seit Jahren mehr Forschung dazu. Aber vor allem: Auch wenn – oder: gerade weil – man noch nicht viel über Long Covid weiß, weiß man doch genug , um sagen zu können, dass die Idee, eine Infektion sei etwas, das man eigentlich ganz gut wegstecken kann, wenn man halbwegs gesund und dreimal geimpft ist, nicht ganz hinhaut, gelinde gesagt.

Ich war halbwegs gesund und dreimal geimpft und habe jetzt Long Covid. Und aus den Gesprächen, die ich in den letzten Wochen geführt habe, kann ich Ihnen berichten, dass es im Großen und Ganzen zwei Gruppen gibt: Leute, die selbst Long Covid haben oder jemanden kennen, der es hat, und solche, die die Sache nicht ernst nehmen. Und in der zweiten Gruppe sind leider auch einige Ärztinnen und Ärzte.

Es gibt zwei Gruppen: Leute, die selbst Long Covid haben oder jemanden kennen, der es hat, und solche, die die Sache nicht ernst nehmen.

Auch wenn Ärztinnen und Ärzte bisweilen nicht viel tun können, wäre es das Mindeste, die Leute gründlich zu untersuchen. Die erste Ärztin, bei der ich war, fand, das sei bei mir nicht nötig, so eine Infektion könne halt auch mal sechs Wochen dauern, ich solle halt genug Wasser trinken und Schmerztabletten nehmen. Ich war dann noch mal bei einem anderen Arzt, der mich ausführlich untersucht hat. Die Long-Covid-Kliniken und -Sprechstunden sind derweil so ausgelastet, dass man bei vielen überhaupt erst einen Termin bekommt, wenn man seit sechs Monaten krank ist. Sechs Monate, in denen man unter Umständen arbeitsunfähig ist, so viel zum Thema »Aber die Wirtschaft!«. Der Wirtschaft tut es auch nicht gut, wenn Hunderttausende  im Alter von 20 bis 50 zu Long-Covid-Zombies werden . »Je länger die Patienten mit diesen Symptomen sich plagen, desto eher ist die Chronifizierungsgefahr gegeben und desto schwerer sind diese Menschen dann auch wieder in ihren Alltag und ihren Beruf einzugliedern«, hat die Ärztin und Long-Covid-Expertin Jördis Frommhold auf der Bundespressekonferenz neulich erklärt. Heißt: Je öfter man sich überanstrengt, je öfter man sogenannte Crashes (Zusammenbrüche) hat, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Sache chronisch wird.

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Dass es besonders oft Frauen sind, die unter Long Covid leiden, macht die Sache nicht einfacher. Sobald Frauen über 40 sind und von Long-Covid-Symptomen berichten, können sie damit rechnen, dass ihnen erklärt wird, dass das vielleicht einfach nur die Wechseljahre sind. Dummerchen!

Es sind Ärztinnen und Ärzte, aber oft auch andere Leute, die die Sache völlig unterschätzen und Sachen sagen wie: »Oh Mann, ja, ich bin auch oft müde, aber so ein kleiner Mittagsschlaf wirkt Wunder«. Gern auch irgendwas mit »psychosomatisch«, wobei das in dem Fall synonym verwendet wird mit »Das denkst du dir aus« oder »Jammer nicht«. Oder: »Wahrscheinlich hast du nur Eisenmangel« / »Sind wir nicht alle erschöpft nach zwei Jahren Pandemie und jetzt ist auch noch Krieg…?« / »Also, ich fahre täglich Fahrrad und meine Infektion war nach drei Tagen vorbei!« – Ja, super, meine halt nicht.

Long Covid ist so wenig Müdigkeit, wie Depression einfach nur schlechte Laune ist.

Falls es Sie interessiert: Ich habe jetzt seit knapp zwei Monaten täglich Kopfschmerzen und bin von jeder Kleinigkeit erschöpft, ich habe immer wieder Schwächeanfälle für mehrere Stunden und dazu ein fiebriges Kribbeln, null Hunger oder Appetit, mein Gehirn funktioniert nicht richtig (Vergesslichkeit, Konzentrations-, Wortfindungsstörungen), und ich schlafe oft 14 Stunden und bin danach absolut nicht erholt, sondern genauso kaputt wie am Tag davor, und nein, Kaffee hilft da nicht und grüner Tee auch nicht.

Ich dusche nur lauwarm, weil heiß duschen zu anstrengend ist, an Sport oder Radfahren ist nicht zu denken, manchmal laufe ich zum Supermarkt, zu dem ich zehn Minuten brauche, und liege danach zwei Stunden völlig erledigt im Bett und kann nichts machen, außer vielleicht ab und zu einen Schluck Wasser zu trinken und ansonsten zu warten. Dinge, die ich sonst an einem Tag geschafft habe, muss ich jetzt auf eine ganze Woche verteilen. Ich friere ständig, vielleicht weil ich unfreiwillig abgenommen habe, und meine Konzentration ist so gut, dass ich gerade nachgesehen habe, ob ich das mit dem Frieren nicht schon oben geschrieben habe.

Ich muss lachen, wenn ich daran denke, dass ich als »genesen« gelte.

Ich muss lachen, wenn ich daran denke, dass ich als »genesen« gelte, und ich muss lachen, wenn mir Leute Bücher empfehlen, weil ich ja jetzt so viel Zeit habe. Oder mir raten, einfach schön zu verreisen, weil ich mich dann sofort frage, wer dann mein Gepäck tragen würde — ich nämlich sicher nicht. Texte lesen klappt nur extrem begrenzt und nie länger als eine halbe Stunde, und wenn ich Hörbücher höre, muss ich ständig zurückspulen, weil ich mich nicht genug konzentrieren kann. Vorher habe ich Hörbücher oft in doppelter Geschwindigkeit gehört und damit locker mal zwanzig Bücher im Monat geschafft, jetzt eher so eins in zehn Tagen (schlecht für die Hörbuchwirtschaft!). Wenn ich eine Flasche nicht aufkriege, frage ich meinen Freund (schlecht für den Feminismus! Scherz.).

Andere haben Depressionen, Haarausfall, Lungenprobleme, Gliederschmerzen, Geruchs- oder Geschmacksstörungen, Schlafstörungen. Sie gründen online Selbsthilfegruppen, um sich darüber auszutauschen, was hilft oder dass sie es endlich geschafft haben, mal eine halbe Stunde spazieren zu gehen, ohne zusammenzubrechen.

Ich bin krankgeschrieben, aber weil ich freiberuflich arbeite und keine Zusatzversicherung habe, bekomme ich erst ab der 7. Woche Krankengeld, das heißt, das Ganze ist nicht nur unangenehm, sondern auch richtig teuer und in meinem Fall noch erträglich, weil ich vorher gut verdient habe, für andere aber richtig problematisch. Und die goldene Zeit der Coronahilfen ist vorbei.

Während ich all das schreibe, liegt die bundesweite Inzidenz über 1500, Tendenz steigend, und bald wird gelockert. Das heißt, es werden sich wieder mehr Leute infizieren und es werden noch mehr Leute Long Covid bekommen und wie hirntot im Bett liegen. Freiheit!

Ein Leser, der auch Long Covid hat, hat mir geschrieben, ich soll mal bitte die Bundesregierung darauf hinweisen, dass das Medikament BC 007, das bei Long Covid helfen könnte, schneller erforscht werden soll, aber ich konnte mich nicht genug konzentrieren, um mich da einzulesen, also kann ich an dieser Stelle nur die Bundesregierung bitten, mal selber zu googeln.

Alle ernst zu nehmenden Expertinnen und Experten warnen davor, zu glauben, dass mit dem Ende der Maßnahmen am 20. März die Pandemie vorbei ist . Schön, wenn Leute wieder ohne Maske ins Konzert gehen können, ja klar. Nicht schön, wenn sie es damit bezahlen, später ein halbes Jahr mit Long Covid dusselig auf dem Sofa zu liegen. Deutschland habe die höchste Inzidenz in Europa und »Geimpfte sind jetzt oft unvorsichtig«, warnte Karl Lauterbach vor ein paar Tagen auf Twitter . Ja, weil Ihre Politik dafür sorgt, dass Leute denken, Corona ist vorbei.

»Endlich! Am 20. März kehren wir zur Normalität zurück«, twitterte neulich der FDP-Politiker Olaf in der Beek . Ein sehr mysteriöses »wir«! Wir, die wir Long Covid haben, gehören schon mal nicht dazu.

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