Lukas Bärfuss

Corona in der Schweiz Das Kapital hat nichts zu befürchten, der Mensch schon

Lukas Bärfuss
Ein Gastbeitrag von Lukas Bärfuss
Ein Gastbeitrag von Lukas Bärfuss
Bloß das Ende vom gemeinsamen Toblerone-Fondue? In der Schweiz, in der sonst alles perfekt funktioniert, ist es offenbar besonders schwierig, in einer Wirklichkeit anzukommen, in der überhaupt nichts mehr funktioniert.
Schweiz und Corona: Nein, Panik war Mitte der Woche nicht zu verspüren.

Schweiz und Corona: Nein, Panik war Mitte der Woche nicht zu verspüren.

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Lina Moreno/ DER SPIEGEL

Geschlossene Gesellschaft

Was macht Corona mit dem Leben? In dieser Reihe schreiben Künstler, Autorinnen und Denker über die großen Fragen in der Krise.

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Jene, die meinen, es sei unangebracht, mitten in der Krise darüber zu räsonieren, wie die Schweiz auf diese Pandemie vorbereitet gewesen sei, haben natürlich recht. Allerdings nicht, weil diese Diskussion und jede Kritik an den Behörden in diesen schweren Zeiten unpatriotisch ist. Die Frage stellt sich einfach nicht.

Das Land, das haben wir nun begriffen, war weder gut noch schlecht, sondern überhaupt nicht auf das Virus vorbereitet.

Die Ausbreitung der Krankheit ist hierzulande außer Kontrolle geraten. Deshalb verfolgt die eidgenössische Politik nun eine Strategie der maximalen Eindämmung - nicht von Covid-19, sondern der Information über das, was in den nächsten Tagen und Wochen auf die hiesige Bevölkerung zukommen wird.

Zum Autor

Lukas Bärfuss
Lukas Bärfuss

Der Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss, geboren 1971, lebt in Zürich. Er wurde bekannt durch Stücke wie "Die sexuellen Neurosen unserer Eltern" (2003) und Prosawerke wie den Ruanda-Roman "Hundert Tage" (2008) sowie das autobiografisch grundierte Bruder-Porträt "Koala" (2014). Unter seinen Essays sorgte vor allem der 2015 in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" veröffentlichte Text "Die Schweiz ist des Wahnsinns" für viel Aufregung in seinem Heimatland. Im vergangenen November erhielt Bärfuss die wichtigste deutschsprachige Literaturauszeichnung, den Georg-Büchner-Preis.


So meinte der zuständige Chefbeamte im Bundesamt für Gesundheit anlässlich der Pressekonferenz am Montag dieser Woche, man werde versuchen, die entsprechenden Daten zu analysieren, um danach vielleicht eine Prognose machen zu können.

Das passt zu der von der Onlinezeitschrift "Die Republik" verbreiteten Meldung,  dass es in seinem Amt kein elektronisches Meldesystem gibt. Man misstraut dem neumodischen Kram und vertraut lieber auf die Methoden der Vergangenheit: Die Krankenhäuser melden die Fälle per Fax, eine bewährte Technologie aus dem letzten Jahrhundert. Und weil manchmal ein bisschen viel Formulare in Bern eintreffen und man zu wenig Personal hat, wiegt man Formulare zuerst, bevor man sich ans Zählen macht. Das klingt wie ein Scherz? Frechheit! Die Schweiz produziert schließlich die präzisesten Waagen der Welt.

Rechnen ist in dieser Krise ganz und gar unnötig, das ist schon richtig. Es reicht, den Blick in den Süden zu wenden. Falls man den Mut dazu hat.

Die Schweiz hat nach Italien pro Kopf weltweit die höchsten Fallzahlen. Und wie es das wettbewerbsfähigste Land des Universums gewohnt ist, tut man einiges, um dem Nachbarn auch diesen Platz in der Rangliste streitig zu machen. Italien, das ist für den Schweizer schließlich die Vergangenheit, kulturell und wirtschaftlich. Gesundheitlich allerdings beschreibt das Bel Paese seit einer Weile unsere eigene Zukunft.

Der Vorsprung beträgt zwei Wochen. Damals stand Italien dort, wo die Eidgenossenschaft an diesem Dienstag steht, nämlich bei 9000 Fällen. Und es gibt keinen Grund zu glauben, der Schweiz würde es besser gehen. Im Gegenteil. Während in Italien am vorletzten Wochenende schon seit acht Tagen die Ausgangssperre galt, hatten die Schweizerinnen und Schweizer noch die Skigebiete gestürmt.

In einem Land, in dem sonst alles perfekt funktioniert, ist es offenbar besonders schwierig, in einer Wirklichkeit anzukommen, in der überhaupt nichts mehr funktioniert. Das geht sogar der höchsten Schweizerin so, der Bundespräsidentin. Die Lage sei ernst, meinte sie anlässlich der Pressekonferenz, an der sie doch noch den nationalen Notstand ausrief. Wie ernst, das ermaß sich an ihrer dringenden und unerhörten Aufforderung, für einmal auf den Ausflug mit der Wandergruppe und auf den Jass-Abend, dem Schweizer Äquivalent zur Skatrunde, zu verzichten. Das sei schmerzhaft, meinte die Landesherrin mit Nachdruck und Verständnis, aber leider unvermeidlich.

Auch der bereits erwähnte Chefbeamte gab sich Mühe, der Bevölkerung die Dramatik mit anschaulichen Bildern zu verdeutlichen. Er sprach von den Kriegssirenen, die jetzt heulen würden, natürlich nur redensartlich. Auf die Frage, was die Eltern mit den Kindern anfangen sollten, meinte der Mann dann erläuternd, ein Institut der Europäischen Union habe eine Studie veröffentlicht, die deutlich mache, wie wenig es bewiesen sei, dass Kinder eine entscheidende Rolle bei der Übertragung spielen würden und folglich eine Richtgröße von ungefähr fünf Kindern angemessen sei - solange man den Nachwuchs dringend zum Social Distancing ermahne und selbstverständlich die Hände gut wasche.

Ein Direktor ganz nach hiesigem Geschmack. Von europäischen Studien lassen wir uns nur etwas vorschreiben, wenn es uns in den Kram passt. Dem Kindergeburtstag stand also nichts im Weg, einfach auf das Toblerone-Fondue musste man verzichten.

Man fühlt sich nach wie vor vorbereitet. Schließlich hat die Schweiz das zweitteuerste Gesundheitssystem der Welt, seltsamerweise aber trotzdem bloß etwas mehr als tausend Intensivpflegebetten. Und in einem Land, von dem es heißt, die wahre Macht liege nicht bei der Politik, sondern bei der Wirtschaft und dort vor allem bei der pharmazeutischen Industrie, in diesem Land mussten bereits vor einer Woche die ersten Medikamente rationiert werden. Es waren nicht etwa die hoch spezialisierten Arzneimittel, es waren die allergewöhnlichsten der gewöhnlichen Hausmittelchen, Paracetamol, Aspirin und alle anderen fiebersenkenden Analgetika.

Es ist wahr: Jede schmerzvolle Erfahrung hat auch eine positive Seite, sie macht einen unweigerlich klüger. Dies allerdings nur, falls sie einen vorher nicht umbringt. Und genau das wird vermutlich leider zu vielen meiner Landsleute widerfahren. Es wird wahrscheinlich unnötig viele Tote geben, und die meisten werden nicht an einem Virus aus China sterben, ersticken werden sie an der helvetischen Ausprägung der menschlichen Dummheit, an jener Krankheit, die hier auch in besseren Zeiten grassiert, am allgegenwärtigen Geiz nämlich.

Was mag die Ursache sein für diese fatalistische Blindheit, die suizidale Sorglosigkeit? Vielleicht ist das Land zu lange von Schwierigkeiten verschont geblieben. Wir Schweizer haben in den vergangenen Generationen für die eigene Existenz ein Gefühl wie Bruce Willis im Film "Unbreakable" entwickelt. Wir halten uns und unsere Gesellschaft für unzerstörbar. Gleichzeitig zeigt sich in dieser Verantwortungslosigkeit auch eine Verachtung der wirtschaftlich Erfolgreichen für jene, die auf der Strecke bleiben.

Unnötig verlorene Menschenleben wird dieses Land verkraften. Sterben, so die herrschende Gleichgültigkeit, müssen wir schließlich alle. Deshalb die stets nachgeschobene und sehr beruhigende Bemerkung, der an diesem Virus Verstorbene sei alt oder gesundheitlich vorgeschädigt gewesen. Schade wäre es nur um die Jungen, Starken und Gesunden.

Was den Schweizer nachhaltiger und tiefer ängstigt, ist der drohende wirtschaftliche Abstieg. So sorgt sich der Betriebsleiter einer Fabrik im Bündnerland, die Beatmungsgeräte herstellt, ganz gegen seine Natur über die ständig steigenden Preise für seine Produkte. Nicht etwa, weil er befürchtet, dass sie für die Krankenhäuser unerschwinglich werden. Nein, exorbitante Preise seien für seine Marke reputationsschädigend. Der Manager will nicht als Krisengewinnler dastehen.

Und einige Professoren von der Eidgenössischen Technischen Hochschule gehorchen derweil dem ersten Reflex der Marktliberalen, wenn es ebendieser Markt nicht mehr richten kann: Wie schon während der Bankenkrise 2008 singen sie plötzlich den Choral der segensreichen Staatshilfen. Neu und kreativ an ihrer Forderung ist nur deren Höhe - sie beträgt frivole hundert Milliarden Schweizer Franken. Man fragt sich, ob irgendeiner dieser Ökonomen jemals auf die Idee kommen wird, diese ohne Zweifel benötigten Mittel in einer anderen Kasse zu suchen, zum Beispiel in jener der Banken am Zürcher Paradeplatz.

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Nein, das Kapital hat nichts zu befürchten. Dieses Virus wird zwar mit einigen Gewissheiten aufräumen. Das weltweite Privateigentum allerdings wird, so viel ist sicher, hierzulande auch in Zukunft Asyl finden. Denn ganz im Gegensatz zu flüchtenden Menschen übertragen Sach- und Geldwerte keine ansteckenden Krankheiten.

Und deshalb gewährt man auch den Malern und den Gipsern eine Ausnahme von den geltenden Hygieneregeln: Die Handwerker können den Sicherheitsabstand nicht einhalten. Eigentlich müsste man die Baustellen deswegen schließen. Aber das wäre unverhältnismäßig. Erstens ist das Baugewerbe systemrelevant, und zweitens handelt es sich bei dieser Berufsgruppe in erster Linie nicht um Schweizer, sondern um Ausländer.

Es stimmt schon, rechnen ist zwar augenblicklich schwierig und unpatriotisch. Aber kalkulieren muss der Schweizer natürlich trotzdem.