Samira El Ouassil

Hamstern und Flanieren Lest das hier, ihr Leichtsinnigen!

Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
In dieser nie dagewesenen Krise zeichnet sich ein frühlingshaftes Freiheitsparadox der Unbelehrbarkeit ab: Je sozialer sich jemand im Park oder auf der Party präsentiert, desto weniger ist er es.
Leuchtschrift über geschlossenem Klub: Was stimmt nicht mit den unbelehrbaren Party-Lebensmüden?

Leuchtschrift über geschlossenem Klub: Was stimmt nicht mit den unbelehrbaren Party-Lebensmüden?

Foto: HAYOUNG JEON/EPA-EFE/Shutterstock

Kein Endzeit-, Quarantäne- oder Zombiefilm hatte bisher vorhergesehen, dass die gefährlichsten Widersacher für die flüchtenden, sich verbarrikadieren Protagonisten nicht die Untoten oder Gesetzlosen, sondern die fauchenden Klopapierhorter, die Quarantäne-mit-Urlaub-verwechselnden Innenstadt-Junkies und die gastrobesessenen, koffeinrünstigen Kontaminationsherde um die 30 sein würden.

Bei den Virus-Ausbruchsfilmen zeigt man zu Beginn meist dramatische Montagen internationaler Berichterstattung. Weltkarten, die sich rot einfärben. Überwachungsvideos von Laboraffen. Bei unserem Film sähe man zuerst Bilder vom Après-Ski-mäßig überfüllten Viktualienmarkt; vom sonnenbeschienenen, lebhaft bevölkerten Bürgerpark in Berlin  oder von den dortigen Bars, die trotz Verbot die Scheiben zukleben und heimlich per Klopfzeichen die Türen aufmachen.

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In dieser nie dagewesenen Krise zeichnet sich ein frühlingshaftes Freiheits-Paradox der Unbelehrbarkeit ab: Je sozialer sich in der aktuellen Lage ein Individuum im öffentlichen Raum präsentiert, desto weniger ist es das.

Was stimmt denn bitte nicht mit den renitenten Viktualienmarkt-Flaneuren und obstinaten Party-Lebensmüden, frage ich mich wütend, irritiert wie ratlos. Wieso spielen all diese Leute, in diesem von Viren und Gesellschaft ko-produzierten Ausnahmezustand-Blockbuster so gerne die Rolle der Endzeit-Hohlköpfe? Was haben diese hedonistischen Ichlinge an dem wahrlich nicht schweren Konzept des "Abstandhaltens" nicht verstanden? Freunde, wie rücksichtslos kann man denn sein?

Vielleicht ist es eine wilde Mischung aus bourgeoisem Widerstandskampf und trotzkindischer Verdrängung. Vielleicht die antiautoritäre Rebellion des kleinen Mannes, der sich von so ein paar biochemischen Prozessen nicht diktieren lässt wie man zu leben hat. Während die Klopapier-Hamsterer gerade in einer großen analen Phase zu stecken scheinen, befinden sich die extrovertierten Hugo-Trinker und massenangesammelten Eislecker in der krisenhaften Regression offenbar noch in einer oralen Phase.

Bei der augenscheinlichen Verletzlichkeit unserer Gesellschaft ist das Austesten der eigenen Immunität und Unverwundbarkeit umso ignoranter, da es mit dieser egozentristischen Pose gerade die Fragilsten komplett verdrängt und vergisst: die Alten, die körperlich Eingeschränkten, die Kranken.

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Das Credo "Ich lasse mir meine Freiheiten von der Vernunft nicht einschränken" wird hier zum "Ich lasse mir meiner Freiheit von den Schwächsten nicht einschränken”. Tja, willkommen im Kontaminations-Darwinismus.

Samira El Ouassil
Foto:

Stefan Klüter

1984 in München geboren, ist Schauspielerin und Autorin. Für ihre medienkritische Kolumne »Wochenschau« auf uebermedien.de wurde sie mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet. Jüngst wurde sie vom »Medium Magazin« zur Kulturjournalistin des Jahres gekürt. Im Oktober 2021 veröffentlichte sie zusammen mit Friedemann Karig den Bestseller »Erzählende Affen«.

Und das Absurdeste: Dieser Egoismus wird anscheinend mit Erwachsensein und Selbstbestimmung verwechselt. Offenbar ist man stolz auf die Coolness, angesichts der als hysterisch abgestempelten Pandemie seine urbane, sonnenbebrillte Lässigkeit zu bewahren. Schlürf, leck. Jedoch ist die ethische Sabotage genau das Gegenteil von Eigenverantwortung und somit von Mündigkeit. Betonte Gleichgültigkeit ist kein Ausdruck von Freiheit. Denn die Erkrankungen, die aus Rücksichtslosigkeiten entstehen werden, schränken die Freiheit erst ein.

Es ist bemerkenswert, dass Angela Merkel am Mittwoch in ihrer Rede an die Nation die von vielen herbeispekulierte Ausgangssperre nicht verhängt hat, besonders im Vergleich zu den europäischen Nachbarländern. Sie appellierte an unsere Selbstdisziplin und Verantwortlichkeit und machte so den Schutz der Gesellschaft zu einer individuellen Aufgabe, nicht nur zu einer kollektiven.

In Anbetracht der hedonistischen Eisdielen-Résistance, die den gebotenen Einschränkungen unerschrocken den Aperol Spritz entgegenhält, weiß ich nicht, ob wir dieser nationalen Probe in Pflichtbewusstsein standhalten werden, ich bezweifle es so sehr, wie ich es mir wünsche. Es wäre historisch, wenn man uns in dieser Krise nicht gesetzlich zwingen müsste, ethisch zu handeln.

DER SPIEGEL

In seinem Buch "Totalität und Unendlichkeit: Versuch über die Exteriorität” schrieb der französische Philosoph Emmanuel Lévinas: "Indem der Andere die Freiheit zur Verantwortung ruft, setzt er sie ein und rechtfertigt sie."

Verantwortung für sich und andere zu übernehmen, ist die erwachsenste Form der Freiheit. Es gibt gesundheitliche Risiken vor denen wir uns individuell nicht schützen können und die eine kollektive Anstrengung erforderlich machen, damit wir uns und alle sich selbst schützen können - eine spieltheoretische Konstellation. Und den persönlichen Entschluss, als aufgeklärter Citoyen aus der eigenen Zivilität heraus dieser Verantwortung freiwillig nachzugehen, halte ich für die größere Mündigkeit und für den nobleren Freiheitsgedanken als die Abhängigkeit von der kollektiven, bestrohhalmten Innenstadt-Party-Performance.

Sascha Lobo hat in seiner Kolumne aber natürlich Recht, wenn er die Diskrepanz kritisiert, von der Kassiererin wie selbstverständlich eine lückenlose Anwesenheit zu erwarten und ihre Ausbeutung in Krisenzeiten als Kollateralschaden hinzunehmen. Es stimmt auch, dass es für Privilegierte einfacher ist, daheim zu bleiben als für andere. Und auch die zu erwartende steigende Gewalt gegen Frauen machen die Forderung #staythefuckhome für Betroffene eher zu einem Echtzeit-Horror als zu einer solidarischen Herausforderung.

Außerdem halte ich selbstverständlich nichts davon, Müttern auf Spielplätzen wutentbrannt nachzustellen oder Fotos von Menschengruppen hochzuladen und darüber dann abzulästern - obwohl ich das hier im Grunde auch tue, aber eben ohne Paparazzi-Pranger-Fotos.

Es geht mir hier jedoch vor allem um die Aufgeklärt-Unbelehrbaren. Die Leichtsinnigen. Die, die anders könnten. Wie überzeugen wir sie? Einige sehen offenbar das Problem einfach noch nicht. Das könnte einerseits daran liegen, dass eine exponentielle Steigerung derart abstrakt ist, dass die Gefahr der Ausbreitung unterschätzt wird. Packt man noch ein bisschen gesundheitliche Selbstüberschätzung hinzu ist die Fehlwahrnehmung perfekt.

Ich brauchte etliche Kurven, Schachbretter mit Reiskörner auf den Feldern und die wundervollen Grafiken von der Washington Post , um die enorme Viralität von Covid-19 ansatzweise begreifen zu können. Andererseits trauen einige Menschen der Politik und den Medien einfach grundsätzlich nicht. Das ist ein strukturelles Problem, welches wir auch irgendwann lösen sollten, aber bis dahin verlassen sich die besonders Uneinsichtigen noch zu sehr auf den Rat des Kollegen dessen Schwägerin mal mit dem Steuerberater einer Apothekerin aus war - oder aber auf die engsten Peergroups: auf Freunde und Familie. Und das ist unsere Chance den Aufstand der viralen Widerstandskämpfer von innen zu zerschlagen: indem wir subversiv und unermüdlich Nachhilfe leisten, erklären, aufklären, informieren.

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

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