Slavoj Zizek

Europa in der Krise Wenn Corona auf das Putogan-Virus trifft

Slavoj Zizek
Ein Gastbeitrag von Slavoj Zizek
Ein Gastbeitrag von Slavoj Zizek
Die Corona-Epidemie und eine neue, durch Russland und die Türkei befeuerte Flüchtlingskrise könnten eine verheerende Kraft entwickeln. Populisten und Rassisten reiben sich die Hände.
Putin (r.) trifft Erdogan: Obacht, wem man dieser Tage die Hand schüttelt

Putin (r.) trifft Erdogan: Obacht, wem man dieser Tage die Hand schüttelt

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MICHAEL KLIMENTYEV/SPUTNIK/KREMLIN POOL/EPA-EFE/Shutterstock

Von einem perfekten Sturm spricht man, wenn eine ungewöhnliche Kombination verschiedener Faktoren dazu führt, dass es zu einem Ereignis großer Gewalttätigkeit kommt. Die einzelnen Kräfte ergeben dann zusammen eine Energie, die sehr viel größer ist, als wenn man nur die einzelnen Teile aufsummieren würde. Der Begriff wurde von dem Reporter Sebastian Junger popularisiert, der 1997 in einem Bestseller die Geschichte einer Wetterlage über dem Nordatlantik erzählte, die nur alle hundert Jahre vorkommt - ein Hochdruckgebiet, das von den Great Lakes kam, traf auf einen Sturm über Sable Island und kollidierte mit dem Hurrikan Grace, der aus der Karibik kam. 1991 war das und führte dazu, dass das Fischerboot "Andrea Gail" spurlos im Ozean verschwand.

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Ulrich Baumgarten/ picture alliance

Slavoj Zizek, Jahrgang 1949, ist einer der bekanntesten Philosophen der Gegenwart. Der in Ljubljana geborene Denker war 1990 in Slowenien Präsidentschaftskandidat. Hegel, Marx und Lacan haben seine Werke maßgeblich beeinflusst. Er bezeichnet sich als eurozentrischen Marxisten.

Weil sie sich überall auf der Welt ausbreitet, wird über die Coronavirus-Pandemie oft gesagt, im Umgang mit ihr säße die Menschheit nun in einem Boot. Es gibt aber eine Menge Anzeichen dafür, dass vor allem das Boot "Europa" das Schicksal der "Andrea Gail" ereilen könnte. Denn drei Stürme nähern sich dem Kontinent und könnten ihre zerstörerische Kraft kombinieren.

Die ersten beiden sind dabei nicht spezifisch europäisch: Erstens die Corona-Epidemie selbst, die Quarantäne, das Leid und der Tod, den sie mit sich bringen wird. Und zweitens die ökonomischen Konsequenzen, die sie schon hat und noch haben wird. Wobei Europa schon hiervon stärker betroffen sein wird als andere Weltregionen. Die europäische Wirtschaft stagniert und ist außerdem sehr stark mit dem Rest der Welt vernetzt und von ihm abhängig.

Doch zu diesen beiden Stürmen kommt nun ein dritter: Im Bild der Krankheit gesprochen können wir ihn den Putogan-Virus nennen. Er hängt direkt mit der neuen Explosion der Gewalt zwischen der Türkei von Recep Tayyip Erdogan und dem Assad-Regime zusammen, das direkt von Wladimir Putins Russland unterstützt wird. Ein Konflikt, für den beide Seiten das Leid von Millionen Flüchtlingen ausnutzen.

Als die Türkei anfing, Tausende von Immigranten an die griechische Grenze zu bringen, rechtfertigte Erdogan diese Maßnahme mit humanitären Gründen: Sein Land könne die wachsende Zahl von Flüchtlingen nicht mehr bewältigen. Diese Entschuldigung ist allerdings von geradezu atemberaubendem Zynismus: Die Türkei ist ja selbst Teil des syrischen Bürgerkriegs und deshalb mitverantwortlich dafür, dass die Menschen fliehen müssen. Nun möchten die Türken, dass Europa ihnen einen Teil der Last abnimmt, das heißt, den Preis für diese rücksichtslose Politik zahlt. Die Scheinlösung, auf die Russland und die Türkei sich bei ihren Verhandlungen geeinigt hatten, dass beide Parteien auf ihrer Seite für Frieden sorgen und sich ansonsten in Ruhe lassen, ist in sich zusammengefallen. Was nichts daran ändert, dass Russland wie die Türkei immer noch in einer geradezu idealen Lage sind, Druck auf Europa auszuüben: Beide Seiten kontrollieren einen wichtigen Teil der Ölzufuhr Europas - und den Zustrom von Flüchtlingen. Beides können sie benutzen, um Europa zu erpressen.

Mal sind Putin und Erdogan Gegner, dann wieder Verbündete, dann wieder Gegner. Doch niemand sollte sich von diesem tödlichen Tanz täuschen lassen: Beide sind Teil des gleichen geopolitischen Spiels - auf Kosten des syrischen Volkes. Und beide haben nicht nur keinerlei Interesse am Leid des syrischen Volkes. Schlimmer noch: beide nutzen es für sich aus. Putin und Erdogan sind sich so ähnlich, dass man sie zu einer Figur zusammenstecken kann: Putogan.

Es wäre ein Fehler, zu fragen, wer die größere Verantwortung für das Leid in Syrien trägt: Erdogan oder Putin und Assad. Sie nehmen sich nichts und sollten als das behandelt werden, was sie sind: Kriegsverbrecher, die ein Land zerstören, um ihre Ziele zu erreichen. Und eines ihrer wichtigsten Ziele ist es, das vereinte Europa zu schwächen. All dies machen sie in einem Augenblick, in dem eine globale Epidemie droht, also Zusammenarbeit noch dringlicher wäre als sonst. Eigentlich gibt es nur einen Ort, wo diese Männer hingehören: vor das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag.

Das Problem, wenn man es mit einer Situation zu tun hat, in der drei Stürme sich nähern: Sie können ein perfekter Sturm werden. Eine neue Flüchtlingswelle, wie die Türkei sie organisiert, kann in Zeiten von Corona katastrophale Folgen haben. Bislang wurde der Coronavirus ja nicht mit Flüchtlingen und Migranten verbunden - wenn es Rassismus gab, dann, weil die Bedrohung durch die Epidemie mit dem Asiatischen Anderen assoziiert wurde. Aber wenn das passiert, wenn die Flüchtlinge mit Corona verbunden werden - was unweigerlich passieren wird, es wird Coronafälle unter Flüchtlingen geben, man denke nur an die Lebensbedingungen in den Flüchtlingslagern: Etwas Besseres kann den europäischen Populisten und Rassisten gar nicht passieren. Endlich werden sie ihre Forderungen nach Schließung der Grenzen mit wissenschaftlichen, medizinischen Gründen untermauern können. Wer sich an einer menschenfreundlichen Lösung der Krise versucht, wird sich Panik und Angst gegenüber sehen. Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán hat es gerade in einer Ansprache schon angedeutet: Ungarn könnte das Modell werden, dem Europa dann folgen wird.

Um diese Katastrophe zu verhindern, muss Europa etwas Unmögliches versuchen: Es muss rasch seine Handlungsfähigkeit vergrößern. Insbesondere Deutschland und Frankreich müssen sich eng abstimmen. Und dann sollte Europa handeln. Gegen die Erpressung durch Putogan, für die Flüchtlinge.

Gregor Gysi hat neulich in einer Fernsehdebatte einen bemerkenswerten Satz gesagt. Ein Diskussionsteilnehmer bestand darauf, dass das Elend der Dritten Welt doch nicht sein Problem sei, dass er keine Verantwortung für die Armut dieser Länder trage. Anstatt fremden Ländern zu helfen, sollten wir unser Geld für die Lösung unserer eigenen Probleme ausgeben, das Wohlergehen unserer Bürger. Gysis Antwort war: Wenn wir keine Verantwortung für die Armen in der Dritten Welt übernehmen, dann werden diese Armen zu uns kommen. Das mag für manche Ohren zynisch klingen. Aber es ist der aktuellen Situation angemessen. Der abstrakte Humanismus, der immer an die europäische Großzügigkeit und das schlechte Gewissen appelliert, irgendwie an den Problemen der Welt mitschuldig zu sein, wird nichts ändern. Angesichts eines perfekten Sturms braucht es mehr.