Kulturleben in Zeiten von Corona Die Elbphilharmonie ist weiterhin voll

Noch gehen die Menschen in Deutschland zu Konzerten - auch wenn es einzelne Rückgänge und regionale Unterschiede gibt. Unter Veranstaltern geht die Angst vor der Corona-Leere um.
Innenansicht der Hamburger Elbphilharmonie

Innenansicht der Hamburger Elbphilharmonie

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UKAS/POOL/EPA/REX/Shutterstock

Ende Februar schlug der Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft Coronavirus-Alarm: "Wir beobachten bereits seit einigen Tagen einen erheblichen Einbruch bei den Kartenverkäufen", erklärte der geschäftsführende Präsident Jens Michow in einer Pressemitteilung. Und weiter: "Sofern wir zukünftig Veranstaltungen aufgrund behördlicher Anordnungen ausfallen lassen müssen, droht zahlreichen Veranstaltungsunternehmen der wirtschaftliche Kollaps."

Das klang nach Panikmache - und kam nicht bei allen 450 Mitgliedsunternehmen des Verbands gut an. Im Gespräch mit dem SPIEGEL bemühte Michow sich dann auch, die Lage anders zu schildern - aus dem "erheblichen Einbruch" wurde etwa ein "spürbarer Rückgang der Verkaufszahlen".

Was macht die Angst vor Corona mit dem kulturellen Leben, konkret: Besuchen weniger Menschen Konzerte, Theater und Opernhäuser? Tatsächlich zeigt sich die Lage insgesamt durchwachsen.

So stöhnt die Branche in der Schweiz und Italien längst wegen Dutzender gekippter Veranstaltungen, die noch versichert sind. Nun fürchten deutsche Veranstalter, dass auch hierzulande massenweise Konzerte ausfallen. Zu spüren bekamen die Entwicklung bereits zwei börsennotierte Konzerne. Die Aktienkurse von CTS Eventim, Europas größter Firma für den Onlineverkauf von Tickets, und des Veranstalters DEAG Deutsche Entertainment AG, der Events aus den Bereichen Rock, Klassik und Jazz organisiert, gingen in den Keller.

Klaus-Peter Schulenberg, Gründer und Vorstandschef von Eventim: "Hier läuft alles stabil. Im Januar und Februar lagen unsere Verkaufszahlen über dem Vergleichszeitraum des Vorjahres", sagt er dem SPIEGEL. Auch die jüngsten Buchungszahlen ließen - anders als in Italien - nicht auf einen Einbruch schließen.

Was nicht heißt, dass es so bleibt. Die Zurückhaltung in der Bevölkerung ist an anderen Orten deutlicher spürbar, selbst an kleineren Veranstaltungsorten wie dem Piano Salon Christophori, einem der alternativen Klassik-Treffs in Berlin. Chef Christoph Schreiber sagt: "Wir verzeichnen bis auf ein paar Highlights einen sehr deutlichen Rückgang der Besucherzahlen. Schwierig für uns und die Künstler."

Dabei gibt es auch regionale Unterschiede, die den Schluss zulassen: je mehr bekannte Fälle, desto stärker die Zurückhaltung. In Hamburg, wo offiziell bislang nur wenige Corona-Kranke gezählt wurden, heißt es etwa aus der Elbphilharmonie: "Die Konzerte sind weiterhin voll, ein Besucherrückgang ist nicht zu spüren."

"Dispenser für Desinfektionsmittel vor und hinter der Bühne"

Anders in Nordrhein-Westfalen, wo das Virus bislang bei mehr als 300 Menschen nachgewiesen wurde. Auf der Website des Mitte März beginnenden Beethoven-Fests in Bonn hieß es kürzlich: "Es gibt noch Restkarten für fast alle Konzerte." Dass dies extra betont wird, ist ungewöhnlich. Das Festival solle wie geplant über die Bühne gehen, sagt Sprecherin Barbara Dallheimer. Es werde "Dispenser für Desinfektionsmittel vor und hinter der Bühne" geben. "Auf veränderte Lagen" werde in Absprache mit den Behörden "besonnen und angemessen" reagiert.

Kürzlich schlossen die Düsseldorfer Symphoniker und ihr ungarischer Chefdirigent Ádám Fischer ihren international hochgelobten Gustav-Mahler-Zyklus mit der sechsten Sinfonie ab. Beide Konzerte waren mit knapp 1800 Leuten schon länger ausverkauft. "De facto hatten wir bedauerlicherweise eine No-Show-Quote von etwa zehn Prozent", sagt Tonhalle-Sprecherin Marita Ingenhoven. Annähernd 200 Plätze blieben also leer. "Ob künftig ein Konzert stattfindet oder nicht, wird nach den Empfehlungen der behördlichen Stellen entschieden."

Wie sehr staatliche Verbote von Großveranstaltungen zu Buche schlagen, erlebt gerade die Oper Zürich. In der Schweiz sind Events mit mehr als 1000 Leuten untersagt worden - zunächst bis 15. März. Um den Spielbetrieb aufrechtzuerhalten, reduziert das Musiktheater die Zahl der Plätze vorübergehend von 1200 auf 900; das Theater Basel sagte bis Mitte März sämtliche Vorstellungen ab.

Michow hofft, dass es in Deutschland gar nicht erst so weit kommt und auch Tourneen stattfinden können. "Die zahlreichen monatelangen Vorbereitungen, das Schalten von Anzeigen, die Verpflichtung von Security- und Technik-Personal oder die Miete für Lichtanlagen und Tonanlagen - das alles kostet sehr viel Geld."

Die Veranstalter erhielten nichts zurück, wenn Konzerte aufgrund behördlicher Anordnungen ausfielen. Eine Rückabwicklung sei nur bei Verträgen möglich, deren Erfüllung aus Gründen höherer Gewalt unmöglich geworden sei. "Man kann sich leicht vorstellen, was da bei einer Tournee mit 20 bis 30 Orten zusammenkommt. Das geht in die Millionen."

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Kinobetreiber übrigens geben sich - jedenfalls nach außen - gelassen. Hans-Joachim Flebbe, Gründer von Cinemaxx und Inhaber der Luxuskinokette Astor Film Lounge, sagt: "Das Publikum hat sich nicht von der Hysterie anstecken lassen. Unsere Zahlen sind stabil." Sein Leitspruch laute: "Corona gibt es bei uns nur in Flaschen." Er meint damit das Bier, das in seinen Kinos feilgeboten wird.

Einzig bei Liveübertragungen, etwa aus der New Yorker Metropolitan Opera, seien Einbrüche beim Ticketverkauf zu verzeichnen. "Diese Veranstaltungen sprechen ein vorwiegend älteres Publikum an. Die sind ohnehin ängstlicher, was Grippewellen angeht."

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