100. Folge »Coronavirus-Update« Lagerfeuer mit Christian Drosten

Seit eineinhalb Jahren informiert Christian Drosten im NDR-Podcast »Corona-Update« über die Pandemie. Sind mittlerweile eigentlich alle Fragen geklärt? Eine Würdigung zur 100. Folge.
Christian Drosten: »Ich möchte ja kein Journalist werden«

Christian Drosten: »Ich möchte ja kein Journalist werden«

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Pool / Getty Images

Manchmal, vor allem, als das öffentliche Leben beinahe komplett stillstand, hat man ganz genau hingehört. Ist seine Stimme belegt? Ist da etwa ein Kratzen? Versteckt sich Sorge hinter den Silben? Zuversicht? Oder gar Angst? Aber meistens musste man sich eingestehen, dass nichts davon zutraf. Christian Drostens Stimme warf bloß die eigenen Emotionen zurück. Denn während man selbst zwischen Hysterie und Gelassenheit mäanderte, blieb er immer relativ cool. Vermutlich ist genau das auch ein Grund für den wahnsinnigen Erfolg seines »Coronavirus-Updates« .

Seit eineinhalb Jahren informiert der Virologe in dem Podcast über die Pandemie. Er erklärte Hospitalisierungsquoten und extrakorporale Membran-Oxygenierung (die Ecmo), Impfnebenwirkungen, Mutanten und Sequenzierung im Labor. Vor allem im Frühjahr 2020, als die Straßen plötzlich leer und die Wohnzimmer voll wurden, bot der NDR-Podcast Halt in einer ansonsten recht haltlosen Zeit.

Häufiges Fehlurteil

Nun wurde die 100. Folge des Formats ausgestrahlt. Drosten erklärt darin, dass er dieses Projekt als zum Teil und mit Erfolg erledigt ansieht. Und auch wenn Drosten irgendwann außerhalb des Updates zu einer omnipräsenten Medienfigur wurde, die durchaus mal nervte: Man muss ihm da zustimmen.

In einer Zeit voller Um- und Abbrüche wurde das gemeinsame Hören des »Updates« für viele zu einem Lagerfeuermoment: Wer im Frühjahr 2020 in Küchen oder Wohnzimmer sah, wird Tausende entdeckt haben, die ohne Sicherheitsabstand vor der Bluetooth-Box klebten. Insgesamt wurde der Podcast bis heute 117 Millionen Mal abgespielt.

Dabei kommt es in der Bewertung des Podcasts häufig zu einem Fehlurteil, richtig scharf auf neues medizinisches Wissen waren wohl die wenigsten im Publikum. Klar, unser virologisches Vokabular mag sich in den vergangenen Monaten durch das »Coronavirus-Update« enorm verbessert haben. Und auch das Verständnis für Kurvendiagramme, exponentielle Steigung und Aerosolforschung war vermutlich nie so groß wie 2020. Aber, mal im Ernst: Wer kann jetzt noch den 7-Tage-R-Wert erklären?

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Das Interesse, sich weiterhin mit der Pandemie auseinanderzusetzen, wird im Moment wieder geringer. Und mit ihm wird auch ein Teil des Wissens verschwinden. Denn natürlich waren wir nie eine Nation von Virologen, sondern haben unser Kurzzeitgedächtnis mit nützlichen Fakten vollgepackt, als stünde eine Physikklausur bevor. Die meisten Menschen haben sich nicht plötzlich für Medizin interessiert, sondern bloß für das Überleben.

»Ich möchte ja kein Journalist werden. Ich bin Wissenschaftler und bleibe das auch.«

Christian Drosten

Dazu hat das »Coronavirus-Update« einen großen Beitrag geleistet. Drosten erklärte Kompliziertes etwas weniger kompliziert. Aber besonders niedrigschwellig war der Podcast nie. Sollte er auch nicht sein, wie Drosten, die Virologin Sandra Ciesek, die sich im Podcast mit ihm abwechselt, und die NDR-Redakteurin Korinna Hennig immer wieder erklären: Das »Update« war nie als Servicejournalismus gedacht und auch nicht als Gelegenheit, das politische Geschehen zu kommentieren.

Auch wenn er davon immer wieder in Versuchung geführt worden sei, wie Drosten in der aktuellen Folge zugibt. »Ich möchte ja kein Journalist werden. Ich bin Wissenschaftler und bleibe das auch.« Es sollte ein Wissenschaftspodcast sein, der seine Zuhörerinnen und Zuhörer lieber über- als unterfordert.

Nun scheinen die wichtigsten Fragen über Covid-19 (fürs Erste) geklärt. Das sehen offenbar auch Drosten und Ciesek so. Der Zwei-Wochen-Rhythmus bleibt, sie reden weiter, bloß kürzer (statt über einer Stunde soll der Podcast zukünftig 30 Minuten lang sein) und ohne überbordende Erläuterungen von Forschungsliteratur. Vielleicht ist das auch ein Glück. Man muss dann weniger zurückspulen.

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