Katholizismus-Drama Hochstapler im himmlischen Auftrag

Der Film "Corpus Christi" erzählt von einem jungen Polen, der aus dem Knast entlassen wird und sich erfolgreich als Priester ausgibt. Das Drama mit makellos schönen Bildern war dieses Jahr in der Oscarauswahl.
Darsteller Bielenia als Ex-Häftling Daniel: "Lasst alles raus!"

Darsteller Bielenia als Ex-Häftling Daniel: "Lasst alles raus!"

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Arsenal

Zum Witz und zum Elend des Katholizismus gehört es, dass er auch denen in den Knochen steckt, die sich mutig mit den großen und kleinen Lügen der Glaubenspraxis beschäftigen. Der Regisseur Jan Komasa zeigt in seinem packenden Film "Corpus Christi" eine Dorfgemeinschaft, in der Hass und Raffgier regieren und in der die christliche Tugend der Vergebung vergessen scheint.

Er präsentiert frömmelnde Menschen, die dreinblicken wie ausgesetzte Küken, als sie beim Gottesdienst eines Tages ohne die kirchlichen Rituale auskommen sollen und zum stillen Gebet aufgefordert werden. Er zeigt Sex zwischen einem Mann im Priestergewand und einer jungen Frau. Trotz solcher ketzerischen Anflüge aber zeichnet sich Komasas Film durch eine gottselige Inbrunst und ästhetische Strenge aus, die man fast unweigerlich katholisch nennen muss.

Daniel (Bartosz Bielenia) beim Tanz mit der Dorfgemeinschaft: erst zögerlich, dann begeistert

Daniel (Bartosz Bielenia) beim Tanz mit der Dorfgemeinschaft: erst zögerlich, dann begeistert

Foto: MACH / Arsenal

"Corpus Christi" beginnt in einem Jugendknast, der wie die Vorhölle wirkt. Der Häftling Daniel, gespielt von dem Schauspieler Bartosz Bielenia, scheint in der mörderischen Hackordnung der Gefangenen halbwegs zurechtzukommen. Vom Gefängnispfarrer hat er sich als Ministrant einspannen lassen und singt mit überraschend zarter Stimme. Der Priester gibt sich fortschrittlich und verkündet, dass Gott auch auf dem Knastbolzplatz gegenwärtig sei. Trotzdem muss er dem Berufswunsch des Häftlings Daniel eine Abfuhr erteilen. "Kein Priesterseminar wird einen Verurteilten aufnehmen", sagt der Kirchenmann.

Der Film lässt offen, welches Verbrechen der mit einer hageren, asketischen Gestalt und leuchtenden blauen Augen geschlagene Daniel begangen hat. Als er nach seiner Haftentlassung zu einem Sägewerk in der polnischen Provinz geschickt wird, wo er sich als Arbeiter verdingen soll, leistet er sich in der nahe gelegenen Dorfkirche eine kleine Lüge – und schon wenig später darf er als Ersatzmann für den erkrankten Gemeindepfarrer zum ersten Mal einen Gottesdienst leiten.

Selbstgewählte Märtyreraufgabe

Erst zögerlich, dann begeistert stürzt sich Daniel in die Hochstaplerrolle. Er nimmt den Gläubigen die Beichte ab, hält unkonventionelle Kurzpredigten und forscht mit der Hilfe der jungen Marta (Eliza Rycembel), die im Dorf aufgewachsen ist, nach den Einzelheiten eines scheußlichen Autounfalls. In einer improvisierten Kapelle auf offener Straße gedenken die Angehörigen ihrer beim Unfall getöteten Kinder.

"Lasst alles raus!"fordert der Held im Priestergewand einmal die Trauernden auf, dann sieht man die Dörfler brüllen, aufstampfen und die Fäuste zum Himmel recken. Es ist die wildeste Szene eines Films, der mit großer Ruhe und Eindringlichkeit die Brüche in einer Gemeinschaft untersucht, die Daniel unbedingt heilen möchte. Ob er bei seiner selbst gewählten Märtyreraufgabe scheitert oder doch obsiegt, das bleibt dem Urteil der Zuschauerinnen und Zuschauer überlassen.

"Corpus Christi" hat es im Kampf um die diesjährigen Oscars in die Auswahl um den besten internationalen Film geschafft und basiert auf der realen Geschichte eines jungen Polen, der sich 2011 ein paar Monate lang in einer Landgemeinde als Priester ausgab.

Daniel und Pinczer (Tomasz Zietek): ein erlösungssattes Kinoerlebnis

Daniel und Pinczer (Tomasz Zietek): ein erlösungssattes Kinoerlebnis

Foto: Arsenal

Natürlich kann man den Film für ein ziemlich typisches Produkt des polnischen Kunstkinos halten. "Wir sind zutiefst begraben in dieser Art der Geschichtserzählung. Wir lieben es, unsere Narben zu präsentieren. Es treibt uns an und stiftet Identität", sagt der Regisseur Komasa im Presseheft. Wer sich in seinem Land dem frömmelnden Mainstream widersetze, "wird als seelenloser Verräter gebrandmarkt".

Wirklich ergreifend ist der Film weniger wegen seiner Botschaft, sondern dank seiner großartig zurückgenommenen Darsteller und einer klaren, schönen und in einigen Szenen schroff-brutalen Bildsprache. "Ich habe niemandem wehgetan", behauptet der Hochstapler Daniel einmal. Von dem Film, der seine Abenteuer schildert, lässt sich das nicht sagen: "Corpus Christi" ist ein schmerzhaftes, aber auch erlösungssattes Kinoerlebnis.

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