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Reinhard Baumgart über Herbert Achternbusch: "Hülle" DA GING DIE KUNST DRAUF

Herbert Achternbusch, 31, lebt in Starnberg. »Hülle« ist sein erstes Buch.
aus DER SPIEGEL 46/1969

Jetzt habe ich drei Erfolgs- und Prestigeromane der Saison schon durchgestanden. einen Graß, einen Updike, einen Peter Härtling, und wußte am Ende durchaus zu unterscheiden, welcher mir nur langweilig, welcher mir eher ärgerlich, welcher mir langweilig und ärgerlich vorgekommen war -- aber: was soll nur solche Lektüre? Daß Lesen neue Aufmerksamkeiten reizen statt alte besäuseln, daß es schlichtweg Spaß machen kann, habe ich erst wieder bei Achternbusch erfahren, von dem ich bis dahin nicht viel mehr wußte, als daß er am Starnberger See wohne.

Martin Walser, der diese schmale Neuheit offenbar für Suhrkamp entdeckt hat, schrieb für den Suhrkamp-Herbstprospekt zehn Zeilen Achternbusch-Werbung. Achternbusch, mißtrauisch genug, schrieb in sein Buch seinen eigenen 23-Zeilen-Klappentext. Beide sind mit dem, was sie da anzeigen sollten, etwa gleich schlecht zu Rande gekommen. Ein merkwürdiger Krampf hemmte diese Schreibhände. Jetzt spüre ich den auch.

Irgend etwas über dieses Buch zu formulieren, fällt schwer, denn sein erstes Gütezeichen ist gerade, daß da fast nie über oder von etwas die Rede ist, daß in diesen drei, vorsichtig gesagt, Prosastücken ("Zigarettenverkäufer«, »Hülle«, »Rita") »ganz einfach« eine Rede abläuft. Zum Beispiel (jetzt kommt durchaus keine Glanzstelle, nur eben ein Schnappschuß) so: Sporer spielt mit seinen Hanseln den Bayerischen Defiliermarsch. Langsam komme ich die Treppe herunter, das ist wie von Delfi aufs Meer schaun. Alle: O mein Papa, wie ist er herrlich anzuschaun.

Erraten: Oktoberfest. Aber nicht etwa seine Beschreibung. Es findet hier statt, mit Rede, Gegenrede, Volksgesang, Verkaufsgesprächen. ein Gerempel ohne Steigerung, Höhepunkte, Symbolik. Lauter Tatsachen reihen sich aneinander, durcheinander, und auf dieser Basis aus Sprache steht keine Dekoration, kein Überbau.

Hier versucht jemand das Schlichteste und letztlich Unmögliche: sich selbst, seine Erfahrungen unmittelbar zu Papier zu bringen, ohne den Umweg übel- den schönen Schwindel von erfundenen Geschichten oder mit dem strengeren Schwindel der Selbstreflexion, »einfach« das Inwendige nach außen zu kehren, zu Sprache zu machen, das Auswärtige nach Innen zu wenden, zu Sprache zu machen. Das gelingt ihm manchmal nahezu ganz, oft haut er wuchtig oder nur fade daneben. Vollkommen kann diese Quadratur eines Kreises nicht aufgehen.

So läuft er als Zigarettenverkäufer über die Oktoberwiesn, ein Arbeitender durch die Freizeit der anderen. Er rührt die schäbigen Erfahrungsreste aus Schul-, Kunstakademie-, Frankreichreise-Zeiten auf und um. Oder er sitzt in einem Café (Kafe, sagt er, er hat noch mehr solche Marotten) am Münchner Viktualienmarkt und versucht, eine 55jährige sogenannte »Frau Rita«, die dort auch immer einsitzt, sich zurechtzulegen in Worten, um sich vorzustellen, wie das ist, »Frau Rita« sein, doch am Ende wird sie von seinen Worten nur verschlungen. Außer Achternbusch passiert in diesen »Erzählungen« nichts. Wenn er seine Absencen hat, haben sie auch welche. Wenn er ganz da ist, kann man ihn fast schon riechen.

Das sind also, um Verwechslungen vorzubeugen, keine »Felder« oder »Ränder« à la Jürgen Becker, keine melancholisch gestanzten Nachschriften von Erinnerung. Bei Achternbusch ist gerade die Distanz zwischen Jetzt und Damals eingezogen, alles wie gleich nah, scharf, unordentlich. Eine Aufmerksamkeit, die man genausogut Bewußtseinslosigkeit nennen könnte. denn er sucht und hat keine Übersicht. Mit seinem Geschriebenen läßt sich folglich gar nichts beweisen. Keine Ideologie könnte sich daran Herz oder Hände wärmen.

Das sind auch, eine weitere, vielleicht notwendige Unterscheidung, keine witzig geordneten Alltäglichkeiten, keine kritisch gegeneinander ausgespielten Sprachfertigteile, wie etwa Wolf Wondratschek ("Früher begann der Tag mit einer Schußwunde") sie herstellt. Hier wird Sprache nicht zum Beweisstück, mit dem sich frei hantieren läßt, Sie entsteht vor unseren Augen beim Reden, bleibt also von dem, der redet, schwer zu unterscheiden, bleibt unfertig wie er, in Bewegung. Da wird so gar nichts greifbar schönes Rundes, kein pralles Individuum, keine komplette Ansicht von Welt (ob »barock« oder »hip") auf uns zu transportiert. Kein bayerischer Henry Miller also, kein Starnberger Arno Schmidt,

Dauernd läßt er sich zusehen beim Schreiben, das sich immer nur ruckweise, zwischen Kinderhinternabwischen und Virginiaanzünden vorwärtsbewegt. Da versuche noch einer seine Finger dazwischenzukriegen, zwischen dieses Leben und dieses Geschriebene. Kein Gebilde entsteht, kein Werk, in ungerührtem Abstand zum Alltagsmatsch. Man wird »einfach« eingetunkt in dieses Achternbuschleben und -schreiben. Ö-ko-nomie! höre ich unsere beamteten Kritiker schreien. Er hat sie nicht. Die Kunst hat sie:

Als ich nämlich von moderner Kunst so viel verstanden hatte, daß Ich mir eine eigene Manier anlegen konnte, was hatte ich nicht alles ausprobiert, heiratete ich, da ging natürlich die Kunst drauf, weil so eine Ehe der Kunst überlegen ist ... Da soll ich einen Aufbau im Kopf haben, das fällt doch beim nächsten Kinderscheiß alles zusammen.

Sicher, im »Tasso« und »Tonio Kröger« Ist das schon sublimierter ausgedrückt worden. Wer diese drei Sprachbündel lesen will, wird auch nachher nicht klüger, reifer, ergriffener sein als vorbei, aber entweder bornierter oder neugieriger. Nur: Da es sich nicht um Kunst mit dem arroganten Anspruch auf halbewige Dauer handelt, sondern um etwas ganz und gar Vorläufiges, Verderbliches, sollte man, wenn schon, dann schnell zugreifen. Bücher seien vergänglich wie Bananen, behauptete Sartre. Auf dieses mindestens trifft das zu.

Reinhard Baumgart
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