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SYLVIA PLATH Daddy Panzer-Mann

aus DER SPIEGEL 40/1966

Ihr junger Ruhm ist nur Nachruhm: Die englischsprechende literarische Welt wurde auf die amerikanische Poetin Sylvia Plath erst aufmerksam, als sie sich umgebracht hatte.

Am 11. Februar 1963 wurde die junge Lyrikerin tot in ihrer Londoner Wohnung gefunden; sie hatte die Gashähne aufgedreht und den Kopf in den Herd gesteckt. Dieses »private Auschwitz« (so »Time") war das psycho-logische Ende im dreißigsten Jahr eines psycho pathischen Lebens. Um Sylvia Plath bildete sich »der Mythos eines poetischen Märtyrertums« ("Newsweek").

Die Tochter eines im ostpreußischen Grabow geborenen Professors für Entomologie (Insektenkunde) an der Boston University und einer Amerikanerin war ein Sprach-Wunderkind. Als Dreijährige sagte sie Hunderte lateinischer Insektennamen auswendig her - ihrem Vater zum Gefallen.

Der Professor starb, als Sylvia zehn Jahre alt war. Sein Tod schlug dem sensiblen Kind ein Trauma fürs Leben. Alles, was sie hinfort tat, so erklärte Sylvia Plath später, tat sie unter einem Zwang. Durch ihre Lyrik geistert die übermächtige Vaterfigur als ein intellektueller Tyrann mit »einer Liebe zu Folterbank und Schraube«.

Als Teenager schrieb Sylvia Gedichte und Geschichten, die in US-Zeitschriften wie »Mademoiselle« und »Seventeen« gedruckt wurden. Damals schon war ihr die Poesie ein Mittel zur psychischen Abreaktion - aber nur ein unzulängliches Hilfsmittel.

Denn mit 19, nach einem unglücklichen Monat als Gast in der Redaktion einer New Yorker Frauenzeitschrift - Sylvia versuchte vergebens, sich wie ihre Freundinnen mit leichter Liebe zu amüsieren -, verkroch sie sich im Haus ihrer Mutter in Wellesley (Massachusetts) unter der Veranda und schluckte 50 Schlaftabletten.

Nach drei Tagen wurde Sylvia Plath gefunden, erwachte im Krankenhaus und (so rekapitulierte, sie in einem Gedicht): »Sie mußten rufen und rufen und die Würmer von mir klauben wie klebrige Perlen.«

Ins Normalleben zurückgerufen wurde die Seelenkranke mit langwierigen Schock-Behandlungen. Unter dem Pseudonym Victoria Lucas hat sie später auch ihre weiteren Selbstmordversuche beschrieben; der Ton ist lakonisch: »An diesem Morgen versuchte ich mich aufzuhängen"*.

Das autobiographische Buch, kurz vor Sylvias Freitod in England erschienen, endet mit der Entlassung der Romanheldin aus dem Sanatorium. Die Autorin Sylvia Plath ging nach ihrer Entlassung aus der Klinik mit einem Fulbright -Stipendium nach England und heiratete in Cambridge den britischen Dichter Ted Hughes. Es begann ein Doppelleben: Tags war Sylvia Hausfrau und versorgte ihre zwei Kinder, Frieda und

Nicholas; nachts schrieb sie Gedichte, deren Verse Angst, Haß und Todessehnsucht bekennen - Ich zerbreche nun in Stücke, die wie Keulen umherfliegen ... Der Blutstrahl ist Poesie, unstillbar.«

Erst zerbrach die Ehe mit Hughes; dann zerbrach Sylvia Plath. Sechs Monate lang schrieb sie noch ihre Gedichte - wie in Rage, oft sechs pro Nacht. Am 4. Februar 1963 kam sie mit ihren Kindern zu Freunden. Sie blieb sechs Tage. Dann ging sie allein in ihre Wohnung zurück und vergaste sich.

Vor ihrem Selbstmord, nach der Veröffentlichung ihres Gedichtbands »The Colossus«, war Sylvia Plath den Literatur-Beobachtern nicht sonderlich aufgefallen. Eine Woche nach ihrem Tod bereits kursierte in Londons literarischen Zirkeln ihr nachgelassenes Poem »Daddy« als Sensation - es ist ein Haßliebegesang auf ihren deutschen Vater, den sie zum »panzer-man« mit »Meinkampf look« dämonisiert:

... Daddy, ich habe dich töten müssen. Du starbst,

bevor ich Zeit hatte - Marmorschwur,

ein Sack voll Gott ... Ich konnte nie mit dir reden. Die Zunge blieb stecken.

Ich steckte in einer Stacheldrahtschlinge. Ich, ich, ich, ich, Ich konnte kaum sprechen.

Ich hielt jeden Deutschen für dich. Und diese obszöne Sprache,

Eine Maschine, eine Maschine, Die mich wie einen Juden fortstößt.

Ein Jude nach Dachau, Auschwitz, Belsen. Ich begann wie ein Jude zu reden.

Mir scheint, ich könnte gut ein Jude sein ... Ich war immer in Panik vor dir, Du mit deiner Luftwaffe,

deinem Würdenträger -Sermon

Und deinem korrekten Schnurrbart Und deinem Arier-Auge, strahlend blau. Panzer-Mann, Panzer-Mann, oh du -

Nicht Gott, sondern ein Hakenkreuz, So schwarz, daß kein Himmel hindurchbricht, Jede Frau betet einen Faschisten an, Den Stiefel im Gesicht, das rohe-rohe Herz eines Scheusals wie du ...

Ich war zehn, als sie dich begruben. Mit zwanzig versuchte ich zu sterben, Um zu dir zurückzufinden, zurück, zurück ... Die Endzeile dieses »phantastischen,

ödipalen, blechtrommelnden Kinderlieds« (so ein amerikanischer Kritiker) kündigte das Ende aller Versuche an, zurückzufinden: »Daddy, Daddy, du Bastard, ich hab's geschafft.«

Zehn Monate nach Sylvias Selbstmord und der Entdeckung ihres lyrischen Vatermords zählte der Londoner Verlag Faber & Faber, der unter dem Titel Ariel« die posthum gesammelten Plath -Gedichte publizierte, eine für Lyrik ungewöhnlich hohe Auflage: 15 000 verkaufte Bände. In diesem Jahr wiederholte sich der Erfolg in Amerika: »Ariel« wird von US-Rezensenten als bedeutender Beitrag zu einer wieder mit Herzblut geschriebenen modernen Lyrik gefeiert.

Poet und Professor Robert Lowell im Vorwort zur amerikanischen »Ariel« -Ausgabe: »Sylvia Plaths Gedichte spielen russisches Roulett - mit sechs Patronen in der Revolvertrommel.«

* Victoria Lucas: »The Bell Jar«. Verlag Wilalm Heinemann, London; 260 Seiten; 18 Shilling.

Lyrikerin Sylvia Plath: »Jede Frau betet einen Faschisten an«

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