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»Daisy Duck hat gesiegt«

aus DER SPIEGEL 11/1996

SPIEGEL: Frau Streeruwitz, Sie sind als Theaterautorin mit starken Meinungen bekanntgeworden. Goethe bezeichnen Sie als »Kriegstreiber« und Shakespeare als »Langeweiler«. Also weg mit ihnen von der Bühne?

Streeruwitz: Denen täte eine Pause von zehn Jahren doch nicht schlecht. Angeblich spielt man Goethe und Shakespeare, weil sie irgendwas allgemein Menschliches repräsentieren, das man aus der Zeit, in der sie schrieben, herauslösen kann. Daran glaube ich nicht. Klassiker sind für mich die Langeweile des Phallus zwischen den Orgasmen. Da denke ich oft: »Mein Gott, Bursche, mach es endlich, dann ist eine Ruh''.«

SPIEGEL: Sie inszenieren selber fürs Theater, in dieser Woche soll Ihre Version von Edward Bonds »Trauer zu früh« in Köln herauskommen - auch kein ganz frischer Autor. Was reizt Sie an diesem Stück?

Streeruwitz: Ich mag das Anarchische an Bond. In diesem Stück kommen dauernd Leute auf die Bühne geschossen und machen die wildesten Dinge, und es wird nicht erklärt warum. Als sei das alles ganz normal.

SPIEGEL: »Trauer zu früh« stammt aus dem Jahr 1969, aus einer Zeit, die den Tod der Kleinfamilie verkündete . . .

Streeruwitz: . . . der ja leider nicht eingetreten ist. Deshalb ist dieses Stück heute sinnvoll. Die Hochzeit in Weiß zum Beispiel ist heute in den Medien allgegenwärtig. Dabei hat man doch inzwischen begriffen, daß in einem Leben mindestens fünf bis acht intensive Beziehungen - oder große Lieben - möglich sind. Trotzdem wird weiter dieses Bild der einen, einzigen richtigen Liebe propagiert, und das führt dazu, daß jede Liebesbeziehung unter dem Gewicht der Erwartungen zusammenbricht.

SPIEGEL: In Ihrem Roman »Verführungen« beschreiben Sie einen solchen Zusammenbruch: Die Heldin ist Mutter von zwei kleinen Töchtern, sie ist verlassen von ihrem Mann, wird im Job ausgebeutet und quält sich mit einer aussichtslosen Liebesbeziehung. Da ist, schon weil Sie selbst ja zwei Töchter großziehen, offenbar ein autobiographischer Bezug.

Streeruwitz: Glücklicherweise kümmert sich heutzutage nicht mal mehr die Literaturwissenschaft um diese Frage. Und darüber bin ich froh.

SPIEGEL: Könnte es die Leser nicht trotzdem interessieren?

Streeruwitz: Darauf kann ich keine Rücksicht nehmen. Aber wenn''s Ihnen hilft: Selbstverständlich fließt Material des eigenen Lebens in jedes Werk.

SPIEGEL: Ihr Buch ist ein krasses, radikal humorfreies Gegenstück zu solch launiger weiblicher Durchhalteprosa, wie sie etwa Hera Lind mit Erfolg verfaßt. Was war Ihr Ziel beim Schreiben?

Streeruwitz: Das reale Frauenleben, etwa das Gebären und Großziehen der Kinder, hat in der Kunst keinen Platz, und diese humorigen Bücher für den Strand schwindeln sich ununterbrochen über diese Tatsache hinweg. Der Alltag der Frauen ist in Deutschland nicht genug literaturfähig. Ich wollte mit meinem Text dieses Tabu brechen.

SPIEGEL: In einer Poetik-Vorlesung, die Sie kürzlich in Tübingen gehalten haben, behaupten Sie, Frauen besäßen keine eigene Sprache und könnten sich deshalb nur einer geborgten bedienen. Wäre nicht Schweigen die einzig richtige Konsequenz?

Streeruwitz: Nein, das Stumm-Werden ist der Auftrag der Männer an die Frauen. Wer schweigt, fügt sich dem patriarchalischen Prinzip. _(Das Gespräch führten die Redakteure ) _(Doja Hacker und Wolfgang Höbel. )

SPIEGEL: Ihr Buch ist also ein Aufbegehren gegen dieses Schweigegebot?

Streeruwitz: Natürlich. Die Sprache darin ist ja schwer beschädigt. Kaum ganze Sätze, und im ganzen Buch nur zwei Nebensätze. Es ist der Versuch, die beschädigte Chronik eines beschädigten Lebens herzustellen.

SPIEGEL: Ihre Hauptfigur Helene stellt sich ziemlich merkwürdig an. Was treibt jemanden um, der dauernd auf einen Anruf wartet und dabei regelmäßig den Telefonstecker rauszieht?

Streeruwitz: Sie verhält sich subversiv gegen sich selbst. Sie macht es unmöglich, daß der Mann anruft, und damit findet diese Geschichte nicht statt, die sie auch gar nicht haben könnte.

SPIEGEL: Nicht die kleinste Hoffnung auf Liebesglück?

Streeruwitz: Aber ich bitte Sie! In einem dermaßen bedrängten und gehetzten Leben, in dem für Reflexion auf sich selbst keine Minute Zeit ist, da bleibt nur dieses Taumeln zwischen all diesen Welten.

SPIEGEL: Männer kommen im Buch wie in Ihren Stücken ausnahmslos schlecht weg. Selbst der freundliche Autofahrer, der die Heldin bei strömendem Regen mitnimmt, ist nur auf die schnelle Nummer aus. Warum können Mann und Frau bei Ihnen nicht zueinanderkommen?

Streeruwitz: Betrachten Sie es doch positiv: _(* In München. )

Die Frau hat die Stärke wegzugehen. Sie entscheidet für sich. Auch ihren Liebhaber nimmt sie sich, wenn sie Lust hat.

SPIEGEL: Danach ist ihr stundenlang kotzübel.

Streeruwitz: In diesem spezifischen Fall. Außerdem ist das die bedrängte Situation einer 30jährigen, über eine Frau meines Alters hätte ich vielleicht anders geschrieben.

SPIEGEL: Freudvoller?

Streeruwitz: Sicher. Es ist schon angenehm, ein Alter erreicht zu haben, in dem man für eine Psychoanalyse nicht mehr geeignet ist - entweder man hat sich selbst repariert, oder man läßt es ganz bleiben.

SPIEGEL: Würden Sie sich denn analysieren lassen, wenn ein Therapeut das doch noch für sinnvoll hielte?

Streeruwitz: Auf keinen Fall. Ich hätte immer Angst, daß in meinem Bewußtsein und in meiner Arbeit eine Stimme mitschwingt, die nicht von mir ist. Das ist auch der Grund, warum ich keine Drogen nehmen würde.

SPIEGEL: Sie verhalten sich abstinent gegenüber allem, was schädlich ist und Spaß macht?

Streeruwitz: Ich trinke schon mal ein Glas Wein. Aber die Abhängigkeit von einer Droge macht spießig. Der Süchtige ist ja ein vollkommen Angepaßter, patriarchalisch unterworfen. Ich will nicht abhängig sein, weder von einem Mann noch vom Zwang, Zigaretten holen zu gehen oder die Weinration für den Abend zu sichern. Und ich halte Selbstzerstörung für keinen großen Schritt in die Freiheit, auch wenn das überlieferte Bild der Boheme uns sagt, ein Künstler müsse saufen, rauchen und ins Bordell gehen, wenn er was schaffen will. Das ist kompletter Unsinn.

SPIEGEL: In Ihrer Vorlesung preisen Sie ausgerechnet die Comicfigur Daisy Duck. Warum?

Streeruwitz: Weil sie die Konventionen des sogenannten Datings bricht, diese Regeln, die man in jeder amerikanischen Erfolgsserie nachprüfen kann. Das funktioniert so: Beim ersten Dinner getrennte Rechnungen und keine Verpflichtungen für beide Seiten. Geht die Frau auf die zweite Verabredung ein, was sie durch einen Abschiedskuß bei der ersten andeutet, dann muß der Mann zahlen, und die Frau hat ja gesagt. Das ist unerträglich. Nur zu wissen, welche Tischmanieren jemand hat, halte ich nicht für Grund genug, mit ihm ins Bett zu gehen. Daisy hat dieser Reglementierung bis jetzt widerstanden. Sie hat Verabredungen mit Gustav Gans und mit Donald, und sie hat sie immer wieder. Das zweite Mal ist lange vorbei. Daisy hat über die Konvention gesiegt.

SPIEGEL: Und jenseits von Daisy Duck ist der Feminismus für Sie gescheitert?

Streeruwitz: Es sieht heute so aus. In den siebziger Jahren hätte der Kurs verändert werden können, und das ist nicht wirklich passiert. Im Beruf muß eine Frau heute immer noch wesentlich besser sein als ein Mann, um in der Männerwelt als »gleich gut« durchzugehen. Und beherrscht sie die Methoden der Männerwelt, mokiert sich der Mann. Eine weitere Radikalisierung ist notwendig. Und die Frage, was mit den Kindern sein soll, ist weiterhin ungelöst.

SPIEGEL: Verstehen Sie sich selbst als feministische Polizistin auf der Jagd nach patriarchalischem Unrat, etwa nach Verstößen gegen die politisch korrekte Sprache?

Streeruwitz: Nicht ausschließlich feministisch. Ich begreife mich eher als eine Spezialistin für einfache Sprache. Achten Sie mal darauf, wie in politischen Reden gegen das Gebot der Klarheit verstoßen wird. Die eigentliche Aussage - also etwa die Ankündigung, Gelder zu kürzen - wird im Nebensatz versteckt, der Hauptsatz gibt sich beruhigend und milde. Daraus folgt, daß der ganze Satz zur glatten Lüge wird. Die Nazis haben diese Art des Lügens noch perfekter beherrscht, durch sie ist die Sprache dermaßen mißbraucht worden, daß man sie heute nicht mehr verwenden kann, ohne die Beschädigung der Sprache zu reflektieren. Jedenfalls nicht in Dramen und Romanen. Dort kann man sich der Wahrheit inzwischen nur noch durch Stammeln nähern.

SPIEGEL: Eine Gesellschaft von Stammlern, die sich nur bruchstückhaft artikulieren, wäre für Sie ein Fortschritt?

Streeruwitz: Unsere Sprachen leisten viel, um Analysen zu erstellen, aber Ausdruck kann vielem nicht verliehen werden. Außer durch Kitsch. Auch die Sprachlosigkeit der Männer ist groß. Stammeln wäre in vielen Situationen der richtigere - und ehrlichere - Ausdruck. Für funktionale Texte sieht es anders aus. Ich trainiere klare Sprache zum Beispiel, indem ich nebenbei ganz gute Gebrauchsanweisungen schreibe.

SPIEGEL: Gebrauchsanweisungen?

Streeruwitz: Ja, zum Beispiel habe ich eine für ein Bügeleisen verfaßt, aber auch eine für Kosmetik.

SPIEGEL: Im Theater wollen Sie ebenfalls klare Verhältnisse schaffen. Was darf, wenn''s nach Ihnen geht, noch gespielt werden, außer Streeruwitz?

Streeruwitz: Büchner und Horvath beispielsweise. Weil diese Autoren das patriarchale Prinzip überhaupt nicht befördern und weil bei denen die Sprache schon beschädigt ist, vorausahnend. Außerdem denke ich, alle neuen Stücke müßten ausprobiert werden.

SPIEGEL: Eines Ihrer Lieblings-Haßobjekte ist die Oper. Sie würden am liebsten alle Opernhäuser schließen?

Streeruwitz: Natürlich. Was glauben Sie wohl, weshalb die Manager irgendwelcher Großkonzerne bei Kongressen immer in die italienische Oper gehen? Da kriegen sie ihre Befeuerung, am nächsten Tag ihre Bilanzbereinigung zu machen und wieder 20 000 Arbeitsplätze abzubauen. Im übrigen ist die Oper für mich eine Exerzierkunst. Meine Großmutter, eine Bäuerin in der Steiermark, sagte immer, wenn sie eine Koloratur-Arie im Radio hörte: »Is scho wieda oane in die Durn gschprunga.« Hochdeutsch: »Ist schon wieder eine in die Dornen gesprungen.« Genau so ist es. Ich glaube nicht an eine Kunst, in der der Mensch auf einen kleinen Teil seiner selbst reduziert wird.

SPIEGEL: Frau Streeruwitz, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führten die Redakteure Doja Hacker und Wolfgang Höbel.* In München.

Doja Hakker
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