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NIKI DE SAINT PHALLE Dame ohne Unterschenkel

aus DER SPIEGEL 41/1966

Was für ein Verbrechen, unser Tor zu verriegeln!« rufen die Männer von Athen. Mit Feuer und Rammbalken wollen sie den Eingang ihrer Burg wieder öffnen - vergebens.

Das Tor liegt zwischen den Schenkeln einer Frau, die auf der Bühne des Kasseler Staatstheaters ruht. Die Dame dient - seit letztem Sonntag - als Spielplatz für eine Aufführung der Aristophanes-Komödie »Lysistrata«.

Um das 2377 Jahre alte Sex- und Pazifisten-Stück zeitnah zu bringen, verwirklichte »Lysistrata« -Regisseur Rainer von Diez, 26, weitere modische Einfälle: Er bestellte eine prosaische Übersetzung beim Happenisten und Tabellenlyrik-Erfinder Claus Bremer; außerdem muß sich die große Liegende von original britischen Rock'n'Roll -Musikern auf dem Busen beaten lassen.

Die Hauptattraktion des Lustspiels jedoch ist diese Figur selbst: Vor einen blauen Rundhorizont gelagert, ist sie einziger Bühnenschmuck, Symbol der Burg von Athen und eine Schöpfung der französischen Malerin und Bildhauerin Niki de Saint Phalle, 36.

Die adlige Künstlerin, die zeitweilig mit Schrotpatronen Gemälde schoß, hat schon Anfang dieses Jahres einmal für die Bühne gearbeitet: Dem Pariser Choreographen Roland Petit entwarf sie für ein Ballett noch tragbare Pappkameradinnen.

Für Kassel hingegen griff die Künstlerin ("Ich bin verrückt nach Größe") auf Großes zurück - auf die Stockholmer Riesenskulptur »Sie«, die Niki de Saint Phalle gemeinsam mit ihrem schweizerischen Lebensgefährten Jean Tinguely und dem finnischen Bildhauer Per-Olof Ultvedt angefertigt hatte:

Gemessen an dem 27 Meter langen Weib von Stockholm, wirkt die Kasseler Plastik mit 8,50 Meter Länge und 3,60 Meter lichter Höhe mädchenhaft und unfertig.

Denn das Gestell aus Latten, Maschendraht, Holzwolle und bemaltem Leinen ist nicht nur ohne Kopf, Schultern, Arme und Unterschenkel; es hat auch keinen Abschluß nach hinten.

Dafür besitzt das Kasseler »Sie« -Modell andere, für das Theater wichtige Qualitäten: Die Dame ohne Unterschenkel kann in sechs Teile zerlegt und so zwischen Malsaal und Bühne hin- und hertransportiert werden; sie gewährt den Schauspielern Ausblicke aus dem Nabel sowie aus der rechten Brust; ferner einen effektvollen Auftritt zwischen den gespreizten Beinen.

Auf die Idee, die Stockholmer Riesendame auf die Bretter zu legen, verfiel Rainer von Diez im Juli dieses Jahres, als er Photos der schwedischen Skulptur sah. Das Sex-Symbol paßte ihm zu seiner »Lysistrata« - und er suchte die Erfinderin.

Diez fand sie in einer Gastwirtschaft in Soisy sur Ecole bei Paris, in der Niki de Saint Phalle mit Jean Tinguely wohnt und für eine konfuse nachabstrakte Kunst streitet ("Nouveau Réalisme"). Als sie vom Inhalt des alten Stücks erfuhr - mittels Ehestreik zwingen die Frauen von Athen ihre kriegerischen Männer zum Frieden -, war die Künstlerin dabei: »Das Stück entspricht meiner Absicht, die Leute zum Denken zu bringen - Vietnam und so.«

Als erstes Denk-Modell schickte Niki de Saint Phalle dann eine 30 Zentimeter große Gipspuppe ab nach Kassel; eine Woche vor der Premiere kam die Bühnenbildnerin selbst.

Die Künstlerin bemalte den mittlerweile - nach komplizierten statischen Berechnungen - erbauten weißen Frauenleib mit eigener Hand: Den Eingang der Skulptur umrandete sie rot, ums Brustloch strich sie schwarz rot-gelbe Kringel.

Außer dem Bühnenbild schnitt Niki de Saint Phalle auch noch die Kostüme - für die Schauspielerinnen bunte Miniröcke und knappe Büstenhalter - und blieb bis zur Premiere am Ort.

Die Künstlerin in Kassel über ihre neue Theater-Leidenschaft: »Ich liebe die Faszination der ersten Nacht. Das ist viel spannender als die Vernissage in einer Ausstellung.«

Bühnenbildnerin Niki de Saint Phalle, Burg von Athen: Beat auf dem Busen

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