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FERNSEHEN / Telemann DAMENBESUCH

aus DER SPIEGEL 28/1962

Erklären wir zuvörderst die Schuldfrage: Da war der Eichmann-Prozeß, über den sie während der ersten Verhandlungswochen berichtete. Sie, Vera Elyashiv aus Tel Aviv, Redaktionsmitglied der israelischen Zeitung »Davar«.

Da waren, in Jerusalem, die deutschen Fernsehreporter Peter Schier -Gribowsky und Joachim Besser, die ihr, Vera, nach feierabendlichen Wortgefechten vorschlugen, doch einmal die Bundesrepublik zu besuchen und ihre Erlebnisse auf einem TV-Film festzuhalten.

Und da war der damalige Intendant des Norddeutschen Rundfunks, Walter Hilpert, der den Vorschlag seiner Sendboten zur Einladung ausweitete und der zögernden Israeli zusicherte, daß sie ihre Meinung, sollte selbige noch so sehr des Schmeicheltones entraten, »ungeschminkt« publizieren dürfe.

So kam sie denn im vorigen Spätherbst herbeigeflogen und sah sich um. Nicht mit den Augen der Liebe, wie es Wöchner der Brüderlichkeit und andere christliche Versöhnungsfestordner wunschträumen, nein, mit dem Blick einer

jüdischen Intellektuellen, die während des Hitler-Krieges Gelegenheit hatte, gewisser Unerquicklichkeiten des deutschen Wesens innezuwerden.

Das Resultat solcher Umschau hieß: »Mit den Augen einer Israeli, Beobachtungen in der Bundesrepublik«, und klatschte am 3. Juli backpfeifenvehement ins - leider

- Zweite Programm.

»Ist das neue Deutschland wirklich neu?« fragte Vera Elyashiv -

und aus allen Lebenswinkeln der Republik kollerten die Antworten.

»Wenn es heute nochmals zur Diktatur käme, würde ich ins Militär gehen und die Sachen an mir vorübergehen lassen«, meinte ein Kind aus der Klasse eines jener 200 000 amtierenden Pädagogen, die voreinst »im Geiste Goebbels' und Rosenbergs erzogen wurden«. Veras Kommentar: »Können Mitläufer gegen Mitläuferei erziehen?«

»Kamen die falschen Juden gegangen, haben den Heiland im Garten gefangen«, antwortete der Fragenstellerin ein christ-katholisches Lehr- und Lesebuch. Kommentar: »Alle Veranstaltungen der Kirchen ... für Toleranz sind begrüßenswert. Aber ihre Hauptaufgabe sehe ich im Nachprüfen, welche Rolle die christliche Lehre im Rassenwahn gespielt hat.« Weitere Gesprächspartner waren:

das Wirtschaftswunder und seine

Teilhaber, die schlagenden Verbindungen, die Rechtsradikalen, das Pressewesen, die Exponenten Gerstenmaier, Erhard, Mende, Ollenhauer, Adenauer ...

Vera Elyashiv: »Ich fand

praktisch keine politische Führung.« Und: »Ich fand einen Gegensatz zwischen dem, was tatsächlich geschieht, und dem, was man dem Volk darüber sagt.«

Ach, hätte man doch wenigstens den Heinrich von Brentano vor ihr versteckt, der da ausplauderte:

»Wir wollen dieses Deutschland ...

in Europa integrieren ... und ich meine: Das wird auch die Frage der Wiedervereinigung erleichtern.«

Dabei hatte die Tele-Touristin das Peinlichste gar nicht vorgeführt: die endlosen Palaver darüber, ob diese oder jene Frage nicht besser unterbleiben solle; die Weigerung vieler Befragter, »unvorbereitet«, das heißt ohne vorherige Absprache mit einem Kollektiv, Antwort zu stehen, oder all jene verbalen Unbedachtsamkeiten, welche der Gastreporterin als atypische Einzeläußerungen erschienen.

Veras Fazit: »Ich fand

kein neues Deutschland . . . »

Was tut nun ein Kulturvolk, dem so übel vorgespielt wurde? Es kränkt sich. Zumindest so lange, bis ihm die - gleichfalls attackierte

- Zeitung seines Vertrauens bescheinigt, daß »in diesem Film einem Teil dieses Volkes Unrecht getan wird«; bis es liest: »Da hat ein Häuflein von Oppositionellen mit der selbstzerfleischenden Lust am deutschen Untergang die Hand darüber gehalten; der Film, von Freund Kuby gedreht, könnte nicht anders sein« ("Die Welt").

Wie man doch als Tochter Zions aufpassen muß, daß man nicht unter die falschen Finger gerät!

Indes: Hätte »Freund Kuby« wirklich seine Hand im Lichtspiele gehabt, wäre die Bundeswehr wohl kaum als »bestes Experiment im neuen Weststaat« belobigt worden. Und hätte der Film, der alt- und neudeutsche Untertanenfeigheit anprangert, dem größeren »Teil dieses Volkes« Unrecht getan - der Ansager hätte hinterher schlicht »Gute Nacht« gesagt. So aber sagte er mit grundeisbedeckter Stimme: »Die Auffassung der Autorin spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Norddeutschen Rundfunks wider.«

Merke: »Als ich nach Deutschland kam, fürchtete ich die schlechten Deutschen. Jetzt, da ich es verlasse, fürchte ich die guten« (Vera Elyashiv).

Vera Elyashiv

telemann

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