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»Dann hauen wir ab und sagen danke«

SPIEGEL-Redakteur Rainer Weber über die Krise bei den deutschen Bhagwan-Anhängern *
aus DER SPIEGEL 41/1985

Mit nichts beschäftigen Deutschlands Sanyasin sich derzeit lieber, als Außenstehenden ihre heile Geschäftswelt beschwörend vor Augen zu führen. »Business as usual, Geschäfte wie üblich«, meldet aus Köln Anand Bahulya. Der Name heißt soviel wie »Segnungen des Wohlstands«. Bahulya ist Finanzverwalterin.

Als gäbe es keine größeren Probleme in ihrer Welt, läßt die deutsche Ausgabe der »Rajneesh Times« elf blendend gelaunte Sanyasin über die Frontseite hopsen und fragt neckisch: »Welche Farben stehen uns zur Verfügung?« Antwort: »Bhagwan sagt, die Farben des Regenbogens.«

Mit neuer Farbenpracht freilich ist es nicht weit her. Nicht mal ein Dutzend Schüler Bhagwans haben in dessen deutscher Hochburg Köln den Schritt zur neuen Selbstverantwortlichkeit gewagt. Schüchterne Versuche enden bei Lila und Rostbraun.

Groß in Mode sind Sprüche, je wurstiger, desto besser. Swami Anand Geetam, früher Reinhard Frantz, zeigt Galgenhumor: »Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich's völlig ungeniert.« Doch die Lässigkeit kann schnell wieder verschwinden.

»Verwundungen« habe der Eklat bei ihm bewirkt, läßt sich ein Swami aus. »Knoten im Bauch« verspürt Swami Ramateertha, 35, bürgerlich Robert Doesch, gelernter Arzt und Leiter der Kölner Kommune. Die Gemüter seien »shaky« geworden - durcheinander.

Wer in Abhängigkeit von einem Meister lebt, der seinen Schülern nur zuruft, er sei »verrückt« und das Ganze nur ein Spiel, dem kommt jede scheinbar logische Erklärung gerade recht. Des Bhagwans neue Kleiderordnung rationalisiert sich ein Kellner mit düsteren Visionen zurecht: Er äußert »Angst« vor Zeiten, da die Sanyasin verfolgt würden wie »noch jede religiöse Minderheit«.

Paranoia, jene krankhafte Angst vor dem äußeren Feind, die jedes totalitäre System zum Überleben braucht, kehrt sich gelegentlich um in Wutausbrüche einerseits, inniges Streicheln und Klammern andererseits. So kommt es zu Ausbrüchen von Kritik und Selbstkritik, deren Intensität jeder kommunistischen Splittergruppe zur Ehre gereichen würde.

Die »Awareness«, die Wachheit, sei »den Bach runter«, klagt eine Ma und berührt den wunden Punkt: »Alles, was aus Oregon kommt, wird grundsätzlich erst mal geglaubt. Dabei wird völlig vergessen, daß nichts von alledem bewiesen ist.«

Fast täglich eilen Hunderte von Kölner Sanyasin in die Zentrale zur Vollversammlung. Die Veranstaltungen sind Kritik-Selbstkritik-Ritual. Sie sind aber auch Trostrunden für seelisch Angeschlagene, ebenso wie das tägliche Video mit neuen Auftritten des Meisters, das in gemeinsamer Andacht konsumiert wird.

Vorige Woche begehrten Bhagwan-Anhänger Rechenschaft über die Finanzen ("sehr gesund"), forderten mehr »Transparenz« und diskutierten, wieder mal, das Thema, das zur Obsession geworden ist - den Schutz vor Aids. Schon jetzt muß jeder Sanyasin sich einem Aids-Test unterziehen. Zum Schutz der Bediensteten in Diskotheken und Kneipen werden Trinkgläser nach dem Spülen keimfrei gemacht.

Die Sanyasin werten die Dauerpalaver als »Umbruchdiskussion«, die zu Sheelas Zeiten so nicht möglich gewesen wäre. Es soll klingen, als sei, endlich, der große Neuanfang möglich.

Fragt sich bloß, wie. Zunächst soll das »Mama«-System verschwinden, dem zufolge die organisatorischen Leiter auch für das Seelenheil des Fußvolks verantwortlich waren - Machtfülle in einem System, das auf psychosoziale Beziehungen gebaut ist.

Sicher scheint, daß Bhagwans Anhängerschaft sich kaum von heute auf morgen ins Nichts auflösen wird. Denn nur in dem Gemeinschaftsmodell der Kommunen und Wohngemeinschaften können sich die Sanyasin geborgen fühlen. Daß sie nach Verlassen der Gegenwelt hilflos und entwurzelt wären, ahnen alle. Die Psychowracks der Ausgeschlossenen und Aussteiger belegen es.

Der Philosoph Peter Sloterdijk, der lange Zeit selbst Sanyasin war und das Erfolgsbuch »Kritik der zynischen Vernunft« geschrieben hat, sieht sogar einen gesellschaftlichen Bedarf für Psycho-Genossenschaften: »Die Legitimität solcher Kommunen wächst in dem Maße, in dem gesellschaftliche Systeme unfähig werden, die Lebenswelt der Individuen mit zu berücksichtigen.«

Wenigstens einer in der Kölner Kommune erlaubt sich ähnliche Spielereien mit dem Zynismus wie sein Meister. Wohlgefällig schätzt Swami Geetam den Wert der Kölner Diskothek ab. »Wenn wir die verkloppen, dann kommen für jeden ein paar Riesen rum.« - »Und dann?«

»Dann hauen wir ab und sagen: Danke schön, das war's.«

Rainer Weber
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