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FILM Danny Rose ohne Dornen

»Broadway Danny Rose«. Spielfilm von Woody Allen. USA 1984. Schwarzweiß; 82 Minuten. *
aus DER SPIEGEL 34/1984

Wenn Leute älter werden und nicht mehr so viel erleben, dann sitzen sie manchmal so herum, in Kneipen oder auf Parkbänken (in New York, wenn sie Künstler oder Juden oder beides sind, in Delikatessenläden), und erzählen: »Wißt ihr noch?« oder »Hab'' ich euch schon erzählt?« oder »Kennt ihr die Geschichte?«

Woody Allen, der bald fünfzig wird (es gibt Schlimmeres, wenn auch nicht viel), also älter, beginnt seinen neuen Film »Broadway Danny Rose« in so einem New Yorker »Deli«, wo dick und behäbig gewordene oder grämlich eingefallene Komiker herumsitzen und sich Künstler-Anekdoten erzählen. Von Witzen, mit denen sie die größten Lacher hatten; von stotternden Bauchrednern, die leider niemand verstanden hat; von einem Luftballonfalter, der seine aufgeblasenen Gummis zu Tieren knickte, von Papageien in Matrosenkleidern.

Die längste Geschichte handelt von einem italo-amerikanischen Schnulzensänger, das heißt, sie handelt eigentlich von seinem New Yorker Agenten Danny Rose. Und die wird in Rückblenden erzählt und ergibt den Schwarzweiß-Film, denn Woody Allen ist der Agent, der den Spaghetti-Schnulzier, ein Mario Lanza für den Ball der einsamen Herzen, betreut.

Der halbseidene Schlagersänger, ein verfettet-graumeliertes Riesenbaby, ist hoffnungslos »out«, hat eine Großfamilie, die dauernd Nudeln verschlingt, und eine Geliebte, die so platinblond ist wie die fuffziger Jahre, in denen er »in« war. Woody Allen/Danny Rose, selbst ein Underdog, glaubt mit dem Wahnsinn des Winkel-Agenten an das Comeback seines Sängers, der zu allem Überfluß auch noch säuft.

Doch wider alle Vernunft hat der auf einmal wirklich die Chance eines Comebacks. Man macht in Nostalgie, angejahrte Muttis schwelgen in italienischen Erinnerungen - auch in Deutschland gab es ja ein Rudi-Schuricke-Revival. Als der Sänger endlich seine große Auftritts-Chance im Waldorf-Astoria mit Fernsehen und so haben soll, spielt seine Freundin verrückt, indem sie auf die Frau eifersüchtig wird, und das nur, weil sie die Frau für eine Freundin hält.

Sie will das Konzert boykottieren, an dem sie gemeinsam mit Woody Allen als seelische Korsettstange teilnehmen sollte, der Sänger fängt daraufhin an, seinen Kummer zu ertränken. Man muß fürchten, daß er am Abend bestenfalls noch lallen kann. Letzte Rettung: Woody sucht die Geliebte umzustimmen.

Prompt gerät er in eine italienische Mafia-Familie, die ihn für den Freund der Freundin hält und umbringen will. Woody und Mia Farrow (die fast den ganzen Film lang zur Platinbraut aufgetufft und mit Sonnenbrille unkenntlich gemacht ist) erleben allerlei Gefahren, die für einen selbst schrecklich, für Filmzuschauer aber komisch sind.

Dann ist Undank der Welt Lohn. Der Sänger hat Erfolg, nimmt sich einen berühmten Agenten und zischt mit Mia Farrow ab nach Hollywood. Woody Allen bleibt allein in New York und feiert mit seinen gescheiterten Künstlern Thanksgiving, Weihnachten, Silvester oder was ähnlich Rührendes.

Da kommt Mia Farrow zurück, sie war in all dem Ruhm und Glanz einsam und fühlte schmerzhaft ihre Undankbarkeit Woody gegenüber. Woody Allen schickt sie noch einmal weg, doch dann kommt unerbittlich das Happy-End.

Allens neuer Film nimmt sich aus wie ein Querschnitt durch alle erfolgreichen Woody-Allen-Filme. Daß der Versager der eigentliche Herzensbrecher ist, stammt aus »Mach''s noch einmal, Sam«.

Daß er sein Liebesleid in Schwarzweiß und in New York erfährt, kennt man aus »Manhattan«. Daß die andern Amerikaner meist zu dick und immer zu scheußlich angezogen sind, ist eine Wiederholung von »Stardust Memories«.

So ist der Film ein Sammelsurium von Woody-Allen-Situationen, der seine Figur ein bißchen kokett bemitleidet, was für einen Komiker schlimmer ist, als fünfzig zu werden. Früher ging Woody Allen mit sich selbst scheinbar wie sein ärgster Feind um, und das Publikum liebte ihn dafür, den Verlierer als Sieger. Wenn ihn das Publikum jetzt noch liebt, dann bestenfalls, weil es nicht merkt, daß die Melancholie der Rührung gewichen ist.

Natürlich gibt es ein paar hinreißende Witze (wäre ja auch gelacht) und ein paar komische Szenen. Etwa, wenn die Gangster Woody Allen und Mia Farrow aufeinander fesseln und die beiden sich durch rhythmische Schlangenbewegungen zu befreien versuchen. Was für die zwei angstschweißtreibende Schwerstarbeit zur Befreiung aus der Todesgefahr ist, sieht für den Zuschauer aus wie die Demonstration eines Liebesakts für Fortgeschrittene, der eingewickelte Doppelrittberger a la Houdini.

Woody Allen und Mia Farrow, schmerzhaft aneinander gefesselt - das ist auch eine komische Pointe auf die Privatbeziehung der beiden. Schade, daß Woody Allen so in diesem Film sonst nur selten über sich lacht.

Und statt dessen seine großen Augen weit und gerührt aufreißt und sagt: Was bin ich doch für ein nettes, menschenfreundliches, komisches und liebenswertes Kerlchen! Eben Danny Rose.

Hellmuth Karasek _(Mit Woody Allen und Mia Farrow. )

Mit Woody Allen und Mia Farrow.

Hellmuth Karasek
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