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Darja Kasatkina Für den Seelenfrieden

aus DER SPIEGEL 30/2022
Foto:

Gao Jing / Xinhua / eyevine / ddp

Die beste russische Tennisspielerin, Darja Kasatkina, 25, Weltranglisten-Zwölfte, hat sich als homosexuell geoutet. In einem Gespräch mit dem russischen Blogger Witja Krawtschenko, der sie in Barcelona besuchte, erklärte sie, dass sie eine Freundin habe und das nicht länger verheimlichen wolle – so ein Leben sei »unmöglich«. Auf die Frage, ob sie bedaure, dass das Thema in ihrer Heimat ein Tabu sei, antwortete sie: »Ach, es gibt so viele Themen, die tabu sind in Russland, manche davon sind wichtiger als dieses.« Homo­sexualität stand dort bis 1993 unter Strafe, bis 1999 wurde sie als Geisteskrankheit klassifiziert. Kasatkina findet Offenheit wichtig, für den eigenen Seelenfrieden, aber auch, um Jüngere zu unterstützen. Niemand würde sich aussuchen, schwul oder lesbisch zu sein, es sei schließlich viel einfacher, als Hetero zu leben – vor allem im homophoben Russland. Kasatkina klagt jedoch nicht über ihre Lage, sie hat im Blick, dass es vielen Menschen deutlich schlechter geht als ihr. Sehr häufig denke sie an die vom Krieg in der Ukraine betroffenen Menschen, deren Sorgen und Leid treibe sie täglich um, sagte sie. Sie wünschte, diesen Krieg beenden zu können – und wisse natürlich, dass das nicht in ihrer Macht steht. Die Vorstellung, das eigene Zuhause zu verlieren, zerbombt, ausradiert, sei ihr Albtraum schlechthin. Auf die Frage, ob sie keine Angst habe, dass ihr das in Russland widerfahren könne, dass sie ihr Haus dort verliere, weil sie sich geoutet hat, schweigt sie. Dann verbirgt sie ihr Gesicht in den Händen. Und weint.

ks
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