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FERNSEHEN Das Böse ist schön

»Vampira«. Ein Film von George Moorse. ARD. Mittwoch, 8. Dezember, 22.00 Uhr (Farbe)
aus DER SPIEGEL 50/1971

George Moorse, 35, der amerikanische Filmemacher in München, arbeitet in einer Traumfabrik: Er inszeniert hauptsachlich Alpträume.

Mit kühlen Kameraeinstellungen und elektronischen Blue-Box-Tricks schildert er eine Welt psychischer Abgründe, geheimer Kastrationsängste, subtilen Terrors und grotesker Science-fiction-Phantasien: Menschen verfangen sich in undurchschaubaren Agentennetzen, gehen an ihren eigenen Trieben zugrunde oder werden in einem riesigen Konzentrationslager am Südpol interniert.

Moorse, der Sohn eines amerikanischen Kavalleristen, hatte sich in seiner Jugend mit antiken Geheimwissenschaften beschäftigt, bei George Grosz zeichnen gelernt, Happenings veranstaltet, Gedichte geschrieben und eine Zeitlang zum New Yorker Rockmusik-Underground gehört. Nach mehrjährigen Trampfahrten durch Europa debütierte er dann in Deutschland (mit dem TV-Experiment »Inside Out«, der Musiksendung »London Pop« und dem Spiel. film »Kuckucksjahre") als Regisseur.

Ob in Kinofilm, Fernsehspiel oder Show -- stets will Moorse »das Unbewußte als Motor aller Politik« zeigen. Dafür hat er sich nun etwas ganz besonders Makabres ausgedacht: In seinem 45-Minuten-Film »Vampira"« der am Mittwoch dieser Woche von der ARD gesendet wird, läßt er Vampire zur Schwarzen Messe mit Werwölfen, der Erlkönigin, einem buckligen Prinzen und dem Teufel aus Gräbern und Särgen steigen. Denn wir müssen, sagt Moorse, »den Mut haben zur Phantasie und dazu, unsere Träume zu leben«.

In seinem Traumspiel rezitiert ein Sprecher Vampirgeschichten aus alten Folianten, dazwischen werden Spielszenen eingeblendet: Ein Toter streicht das Cello; Nachtmahre versammeln sich zu schaurigem Schäferidyll auf dem Friedhof, schreiten unter düsteren Kandelabern durch ein Spukschloß und überqueren in einer Gespensterstadt Straßen, die nach den verstorbenen Rock-Stars Janis Joplin und Jimi Hendrix benannt sind.

Eine fahle Schöne mit spitzen Krallen wird über einen Weiher gerudert, um sich im Feuer mit dem Satan zu vermählen; verhexte Soldaten erschießen sich gegenseitig; ein mit Höllendrogen vergifteter Schloßbewohner rast auf einem schwarz drapierten Motorrad in den Tod.

Dieses »Lehrstück über die Faszination des Bösen« wird von Moorse und seinem Kameramann Gerard Vandenberg (Moorse: »Er dreht schon, wenn ich noch träume") mit zerdehnten Bewegungsabläufen und kulinarischen Bildsequenzen dargeboten. Moorse will damit sagen: Das Böse ist schön. »Es ist«, so zitiert Drehbuchautor Moorse den Philosophen Sartre. »immer dieselbe Geschichte: Leidenschaft verwandelt sich in Ekel, Gutes erzeugt Böses ... Die Hölle ist in uns selbst.«

Moorse, ehemals Student der Philosophie und der Altphilologie, hat diese Erkenntnis schon in früheren Filmen illustriert -- beispielsweise in »Abaelard und Héloise« (der scholastische Philosoph des 12. Jahrhunderts wurde für seine unerlaubte Liebe entmannt) und in seiner Kinobearbeitung der Kleist-Novelle »Der Findling": Ein wohlhabender Bürger nimmt ein Findelkind auf und bringt mit dieser guten Tat Unheil über seine Familie.

Niemals zuvor jedoch wurde die Neigung des Filmemachers zum Unheimlichen, seine Ästhetik der Immoralität so deutlich wie in »Vampira. Auch Motive aus der bildenden Kunst und die Filmmusik hat Moorse diesmal noch intensiver und sinnvoller angewandt als bisher.

So wie er im Spielfilm »Lenz« Breughelsche Winterlandschaften in Bewegung gesetzt und für »Abaelard« die gemalten Phantasien des Wieners Ernst Fuchs zu elektronischen Dekors verarbeitet hatte, ließ sich Moorse für »Vampira« von Arnold Böcklins Gemälde »Die Toteninsel« inspirieren. Einzelne Sequenzen dieses »grausamen Märchens mit kafkaesken Zügen« (Moorse) erinnern überdies an die Bilder von Caspar David Friedrich und Gustav Klimt.

Während Moorse sich für die Filmmusik seines »Abaelard« noch mit Industrie auf nahmen der englischen »Third Ear Band« behalf und in die Show »Babylon« Rock- und Jazz-Schallplatten einblendete, holte er zur Produktion der »Vampira« eine Popmusik-Band ins Studio: Das Berliner Ensemble »Tangerine Dream« improvisierte auf elektronischen Instrumenten somnambule Zeitlupenklänge. Und dieser Soundtrack, so Moorse, »steigert die Assoziationsfähigkeit des Zuschauers und erhöht die Spannung des Films«.

Ob dem TV-Publikum die Horror-Elegie freilich gefallen wird, ist fraglich. Denn eine derart subtile und makabre Unterhaltung hat das deutsche Fernsehen bislang noch nicht gezeigt. »Wir handeln uns«, sagt der WDR-Unterhaltungschef Hannes Hoff, »dafür bestimmt wieder einmal Ohrfeigen ein.«

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