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Das Buch des Grauens

aus DER SPIEGEL 48/1989

Boehlich, 68, lebt als Kritiker und freier Publizist in Frankfurt.

Autoren wecken Erwartungen bei ihren Lesern. Sie schrieben, heißt es, ja doch immer nur dasselbe Buch, in immer neuen Variationen; und weil das geglaubt wird, besteht die Trägheit darauf, in jedem neuen Buch wiederzufinden, worin die alten einen eingeübt hatten, und zwar vollständig, bis hin zu denselben Bildern, demselben Verhältnis zur Wirklichkeit und denselben Themen. Gabriel GarcIa Marquez hat solche Erwartungen meist erfüllt, vom »Obersten, der niemand hat, der ihm schreibt« über die »Hundert Jahre Einsamkeit«, den »Herbst des Patriarchen« und die »Chronik eines angekündigten Todes« bis hin zur »Liebe in den Zeiten der Cholera« - lauter Angebote an die Sucht nach dem, was »magischer Realismus« sein soll.

Gewiß, da war auch die Reportage über Miguel LittIn; die konnte man als Gelegenheitsarbeit und Nebenwerk abtun. Das geht nun schlecht bei dem Buch über Simon BolIvar, das als großes Ereignis angekündigt und in Riesenauflagen auf den Markt geworfen worden ist, auf das die spanischsprechende Welt aufgeregt wartete, um dann lauthals ihrer Enttäuschung Ausdruck zu geben. Sein Fehler scheint zu sein, daß es eben nicht das Buch ist, das alle erwartet hatten: kein richtiger Roman, aber auch keine richtige Biographie. Das Markenzeichen des Autors, die wilde Erfindungsgabe, sucht man vergebens, phantastisches Zubehör ist allenfalls mit der Lupe zu entdecken. Was neun von zehn Lesern nicht missen wollen, die oberflächliche Spannung, fehlt diesem Werk. Ein irritierendes Buch.

Es mußte irritieren, auch wenn die Irritation der Lateinamerikaner und Spanier sich der nicht wird vergleichen lassen, der die Deutschen ausgesetzt sein werden. BolIvar ist hierzulande nicht viel mehr als ein fremder Name, mit dem sich keine reale, aber auch keine verfälschte Vorstellung verbindet; wer ihn kennt, kennt ihn aus Büchern, die weitaus ernster zu nehmen sind als die lateinamerikanischen Schulbücher, aus denen die große Masse zwischen dem RIo Grande und dem Kap Hoorn ihr Unwissen beziehen muß. Ihr ist er allgegenwärtig, wenn auch nur als Mythos.

Er und nur er ist der Befreier, der der spanischen Fremdherrschaft ein Ende bereitet hat, aber mit ihm beginnen auch alle die Schwierigkeiten des Halbkontinents, aus denen es einen Ausweg nicht zu geben scheint und die anderen, es sei denn den Nordamerikanern, nicht in die Schuhe geschoben werden können. Alles hat mit ihm seinen Anfang genommen, die Bruderkriege, die Bürgerkriege, die endlose Folge von Diktatoren - mit ihm oder mit seinem Gegenspieler Santander, dem GarcIa Marquez nicht sonderlich gewogen ist. Wieviel oder wie wenig der einzelne von ihm weiß - es kommt keiner an ihm vorbei. Er ist in Südamerika ungleich gegenwärtiger als bei uns der Prinz Eugen oder Blücher oder Bismarck. Vielleicht, weil er gescheitert ist.

Von diesem Scheitern handeln die 360 Seiten, die den Titel tragen: »Der General in seinem Labyrinth«. Sie sind eine Fiktion, das wohl, aber eine Fiktion, die auf eine vertrackte Weise aus der Wirklichkeit destilliert ist. Vor allem aus den vielen tausend öffentlichen und privaten Schreiben Simon BolIvars, aber auch aus zeitgenössischen Berichten und späterer Literatur. Man merkt dieser Fiktion beinahe Seite für Seite die Selbstrestriktion an, möglichst nichts zu sagen, was sich nicht belegen ließe, den Befreier mit seinen eigenen Worten sprechen zu lassen. Nur selten setzt sich die Phantasie durch wie in der unglaublichen Geschichte von Miranda Lindsay, die BolIvar auf Jamaika das Leben rettet, sich ihm aber verweigert und ihm 15 Jahre später wieder begegnet, mit einem Wunsch, der ihn um seine Sinne bringen müßte, den er aber im Besitze aller seiner Sinne erfüllen wird.

In dieser Episode können diejenigen, die immer wieder das Alte wollen, den alten GarcIa Marquez wiedererkennen, um ihn sonst um so bitterer zu vermissen - weil er ihnen etwas anderes auf eine andere Weise erzählen wollte. Wenn man so will, doch seine alte Geschichte von Liebe und Einsamkeit und Tod. Mit der Vorstellung des Todes beginnt das Buch, mit dem endlichen Tode endet es. Dazwischen liegen scheinhaft nur die sieben Monate zwischen seinem Aufbruch von Bogota und seinem Sterben in San Pedro Alejandrino, während doch tatsächlich sein ganzes Leben vorüberzieht, die unvorstellbar reiche Jugend, die Reisen in Europa, die kurze Ehe, die Frauengeschichten, die Mißerfolge, aber auch die glanzvollen Siege von Boyaca (1819), Carabobo (1821), Pichincha (1822) und Ayacucho (1824), durch die nacheinander Kolumbien, Venezuela, Ecuador und Peru befreit wurden.

Wieder lauter fremde Namen für uns, mit denen wir nichts verbinden, die uns wenig sagen - ein Mißstand, dem die deutsche Ausgabe durch einen Anhang abzuhelfen sucht -, wenn wir nichts wissen von der Geschichte Lateinamerikas, den Bedingungen seiner Befreiung und den Gründen seines späteren Elends. So viel hat da die Waagschalen gesenkt und gehoben: die Fesselung Spaniens durch Napoleon ebenso wie Spaniens Mühen, sich von Napoleon zu befreien, das Bündnis zwischen England und Spanien, ebenso wie Englands Interessen, vor allem in der Karibik, die Egalitätserklärung der Französischen Revolution ebenso wie die Identifikation der amerikanischen Oberschicht mit Spanien, ein unleugbarer Antibonapartismus wie die Faszination durch Napoleon, die aus BolIvar einen nach höchsten Ehren verlangenden Bonapartisten gemacht hat.

Genau sie war es aber auch, die ihn zusammen mit seinem Ehrgeiz, seinen hochfliegenden politischen Konzeptionen und seinem Sendungsbewußtsein so einsam machte, daß er für GarcIa Marquez interessant wurde. Der hat von seinem eigenen Buche als einem Buch des Grauens gesprochen, und wer dieses Grauen nicht spürt, für den ist die Lektüre verloren. Es entsteht durch die Spannung von öffentlichem Ruhm und verborgenem Haß. »Hier will uns keiner haben«, heißt es von Zeit zu Zeit. Nicht nur, daß keiner BolIvar haben will, es traut ihm auch keiner. Hat er wirklich auf alle öffentlichen Ämter verzichtet, verläßt er wirklich Kolumbien, wird er sich wirklich nach Europa begeben, oder sind das alles nur wieder Finten auf dem Wege zum wirklichen Ziel, Kaiser von Amerika zu werden, eines Amerika, das nicht nur die nördlichen Länder des ehemaligen Vizekönigreichs von Neugranada wieder vereinte, sondern das geeint wäre von Mexiko bis Chile?

Derselbe Mann, der sich fast zwanghaft unaufhörlich geäußert hat, hat sich immer hinter seinen Äußerungen versteckt, ohne irgendeinen wissen zu lassen, was er genau meinte. Das macht die Deutung seiner Person so beschwerlich. GarcIa Marquez löst das Problem auf seine Art, indem er den Diener Jose Palacios sagen läßt: »Was mein Herr denkt, weiß allein mein Herr.«

Immerhin läßt er erkennen, was BolIvar seiner Meinung nach gedacht hat, durch Auswahl. Gedanken eines tief Verzweifelten in der zunehmenden Gewißheit des Todes, der nicht weiß, wie er aus seinem Labyrinth herauskommen soll, dem nicht verborgen ist, daß die anderen mit den Füßen zerstören, was er und die Seinen mit den Händen aufgebaut haben, daß er der eben hergestellten Ordnung nur den Rücken zu kehren braucht, und schon beginnen die Bürgerkriege, daß mit anderen Worten alles für die Katz war, daß er das Meer gepflügt hat, daß man ihn am liebsten los wäre für immer, an seinen Tod glaubt, bevor er gestorben ist, daß die Unabhängigkeit nicht gebracht hat, was sie bringen sollte, daß sie »Scheiße« ist und das undankbare Vaterland eine Hure. »Puta patria«, schreit er.

Gleichzeitig aber verlangt es den Mann, der zum Skelett abgemagert ist, dessen riesenhaftes Vermögen auf einen kleinen Rest zusammengeschmolzen ist, in jedem wachen und halbgesunden Augenblick, alles wieder von vorn zu beginnen, neue Kriege zu führen, um seine eigenen Visionen Wirklichkeit werden zu lassen. Bis zuletzt will er nicht am Ende sein, schon gar nicht am Ende einer »Reise ohne Ende nach nirgendwohin«, dem negativen Gegenstück zu der lebenslangen Reise, mit der die »Liebe in den Zeiten der Cholera« endet.

Dieses angeblich so spannungslose Buch, in dem die Handlung nie frei strömt, weil sie nicht mehr wichtig ist, sondern in dem Stückchen auf Stückchen folgt wie die Erinnerungsschübe eines Delirierenden im Wechsel von Wahn und Wirklichkeit, erzählt freilich nicht nur die Geschichte der letzten Reise oder des ganzen Lebens von BolIvar, es erzählt auch, wovon es nie spricht: die Geschichte Lateinamerikas nach BolIvar, von ihm vielleicht in falsche Bahnen gelenkt, weil es die richtige Bahn womöglich gar nicht geben konnte.

Der »General in seinem Labyrinth« muß gelesen werden als die reale Rückseite des fiktiven »Herbstes des Patriarchen«, als neuer Versuch, sich der Figur des Diktators anzunähern. Kaum dient das Werk, wie manche befürchten, der Verklärung Fidel Castros, eher versucht es, dem Bild, das im früheren Roman der Patriarch war, sein Urbild gegenüberzustellen. f
*GESCHICHTE-1 *
*VERLAGSHINWEIS:

Gabriel GarcIa Marquez: »Der General in seinem Labyrinth« Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 360 Seiten; 38 Mark

Walter Boehlich
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