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Das Buch meines Lebens

In seinem 1958 erschienenen Roman erzählt Giuseppe Tomasi di Lampedusa (1896 bis 1957) aus dem Leben des sizilianischen Fürstenhauses Salina zwischen 1860 und 1910.
aus DER SPIEGEL 22/2008

Niemand weiß, wie viele Bücher er im Leben schon gelesen hat. Wenn ich mir meine Regale ansehe und dazu die laufenden Meter addiere, die an Büchermärkte gegangen sind, dann ist es alles andere als eine leichte Aufgabe, aus all den wunderbaren Werken, die den Weg in mein Herz fanden, das eine auszuwählen, das ich mit dem Titel »Buch meines Lebens« krönen würde. Als Sozialdemokrat im 21. Jahrhundert steht mir jedoch eines näher als viele andere: Lampedusas »Der Leopard«, ein Buch, das vor genau 50 Jahren erschienen ist und das ich sehr früh in die Hände bekam - insofern hat es schon aus biografischen Gründen ein gewisses Privileg vor allen anderen. Dieses Buch hat und ist eine recht dramatische Geschichte. Lampedusa erlebte die Veröffentlichung seines einzigen Romans nicht mehr. Angeblich war es »unpublizierbar«. Für E. M. Forster war »Il Gattopardo« sogar »one of the great lonely books«. Irrtum - »great« ja, »lonely« dann aber zum Glück nicht: Der Roman wurde schließlich ein Welterfolg und von Luchino Visconti mit dem in Würde gereiften Burt Lancaster, dem jungen Alain Delon und natürlich der umwerfenden Claudia Cardinale kongenial verfilmt. Worum es geht: Vor dem weiten historischen Panorama der politischen und gesellschaftlichen Epochenwende im Italien des 19. Jahrhunderts, als der Adel ab- und das Bürgertum aufstieg, entfaltet sich ein kaleidoskopischer Spannungsbogen zwischen Bewahrung und Veränderung - mit so ziemlich allen Facetten menschlicher Eigenarten. Im Grunde dreht sich alles um den Satz einer der Hauptfiguren: »Wenn wir wollen, dass alles bleibt, wie es ist, dann ist es nötig, dass alles sich verändert.« Kommt einem irgendwie bekannt vor. Am Ende steht die Gewissheit: Niemals ändern werden sich - die Menschen. Ist das ein Trost oder Grund für Fatalismus? Darauf gibt Lampedusa keine Antwort. Vielleicht stellen wir ja mal wieder nur die falsche Frage ...

Peer Steinbrück, 61, ist stellvertretender Bundesvorsitzender der SPD und Finanzminister.

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