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Das Buch meines Lebens

Der Norweger Knut Hamsun (1859 bis 1952) protokolliert in seinem Roman die psychische und körperliche Krise eines jungen Intellektuellen.
aus DER SPIEGEL 24/2008

Das »Buch meines Lebens« gibt es nicht, kann es auch nicht geben. Dazu habe ich seit meiner Kindheit zu viele Bücher gelesen. Und heute, mit 82 Jahren, lese ich immer noch. Das bedeutet, dass das Buch, das man gerade aufschlägt, zur augenblicklichen Hauptsache wird. Aber es gibt ein Kriterium, das vermutlich jeder leidenschaftliche Leser kennt: Das ist der zündende Funke. Es gibt viele interessante Bücher, in die man sich hineinlesen muss. Aber ich bilde mir ein, dass alle Bücher, die mich gefesselt haben, es gleich mit dem Anfang taten, weil da jemand sprach, der schon mit den ersten Sätzen seine Berechtigung zu sprechen bewiesen hatte.

Das Buch, das mein Beispiel ist und das ich nach dem Krieg zufällig in die Hand bekam, hat einen doppelten Anfang. Es beginnt in einem mächtigen Saga-Ton, der ankündigte, dass im Folgenden eine extreme Erfahrung zu erwarten sei: »Es war in jener Zeit, als ich in Kristiania umherging und hungerte, in dieser seltsamen Stadt, die keiner verlässt, ehe er von ihr gezeichnet worden ist.« Darauf nun folgt der Anfang der Geschichte: »Ich lag wach in meiner Dachstube und hörte eine Uhr unter mir sechsmal schlagen; es war schon ziemlich hell, und die Menschen fingen an, die Treppen auf- und niederzusteigen.« Der Mann, der dort im Bett liegt, ist schon halb verhungert, aber ungebrochen. Der Tag, der nun beginnt, ist eine bizarre Tour de Force irrer Selbstbehauptungsversuche. Hamsun nannte es später »das Mysterium der Nerven in einem verhungerten Körper«. So waren Menschen noch nie geschildert worden.

Als Hamsun 1888 mit dem unfertigen Manuskript bei der Kopenhagener Zeitung »Politiken« auftauchte, war er zerlumpt und körperlich am Ende. Der Redakteur Brandes wollte ihm das Skript ungelesen zurückgeben. Aber als er in die Augen seines Gegenübers blickte, konnte er es nicht. Und als er es las, begriff er, dass er einen literarischen Solitär in der Hand hatte.

Für mich war diese Schilderung eines Überlebenskampfes ein augenöffnendes Buch, weil ich damals gerade mit dem Schreiben begonnen hatte. Ich empfand es als Maßstab der inneren Legitimation. Für die eigenen Phantasien war niemand verantwortlich außer einem selbst.

Wellershoff, 82, lebt als Schriftsteller in Köln.

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