Zur Ausgabe
Artikel 86 / 103
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Das Buch meines Lebens

In seinem 1953 erschienenen Roman »Der lange Abschied« erzählt Raymond Chandler (1888 bis 1959) von dem Detektiv Philip Marlowe, der im Los Angeles der frühen fünfziger Jahre ermittelt.
aus DER SPIEGEL 19/2008

Mit dem Buch meines Lebens ist das gar nicht so einfach, da gibt's ein paar Kandidaten, also organisiere ich ein kleines Boxturnier, und damit's richtig dreckige Kämpfe werden, ist Charles Bukowski mein Ringrichter. »Der große Gatsby« geht früh auf die Bretter, eigentlich schade, aber Bukowski freut sich. Noch mehr freut er sich, als Papa Hemingway ausgezählt wird. Thomas Mann, Hesse und die üblichen Verdächtigen dürfen nur zuschauen, die kriegen die billigsten Plätze in den hinteren Reihen, aber nur, damit sie keine Blutspritzer abbekommen. Ladies and Gentlemen, the winner is ... »Der lange Abschied« von Raymond Chandler.

»Das Mädchen warf ihm einen Blick zu, der ihm eigentlich mindestens vier Zoll wieder aus dem Rücken hätte dringen müssen.« Das sind Siegersätze, meine Damen und Herren! Zugegeben, die »Rote Ernte« von Dashiell Hammett hat einen verdammt engen Kampf geliefert, und ich war kurz davor, Hammett den Siegerkranz zu überreichen. Aber der gute Philip Marlowe wäre dann noch einsamer und unglücklicher, als er ohnehin schon ist. Er bewegt sich in einem Sumpf aus Korruption, Verbrechen und Lügen, ein melancholischer und zynischer Einzelkämpfer, der mir in vielen Jahren ein Vorbild war, Whiskey trinkend, Schach spielend, der letzte Romantiker, der in der Liebe und im Leben immer wieder enttäuscht wird, aber nie aufgibt. »Der lange Abschied« ist ein Desillusionierungsroman, ein Roman über den Verlust einer Freundschaft, über das Vereinsamen in einer Gesellschaft, die nur aus Fassaden besteht und in der das Gute und die Menschlichkeit nur noch winzig kleine Lichtpunkte sind. »Der lange Abschied« ist Postmoderne, bevor es den Begriff gab. Stilistisch ist dieses Buch von einer absoluten Kühle und Klarheit, die für mich in der modernen Literatur unerreicht bleibt. Die Schlusssätze zitiere ich immer wieder wie ein Mantra: »Ich habe keinen von ihnen allen wiedergesehen - außer den Bullen. Von denen Abschied zu nehmen, ist noch kein Mittel erfunden worden.« Was für ein Kampf!

Meyer, 30, ist Schriftsteller und lebt in Leipzig. Für seinen Erzählungsband »Die Nacht, die Lichter« erhielt er in diesem Jahr den Preis der Leipziger Buchmesse.

Zur Ausgabe
Artikel 86 / 103
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.