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Das Einhorn brüllt, der Löwe tanzt

aus DER SPIEGEL 34/1979

Soviel verrät der erste, rasche Blick auf den Titel: Es kann nicht Margaret Thatchers Greater Britain sein, das in diesen »Englischen Ansichten« auftauchen wird. Denn falls Mrs. Thatcher an irgend etwas »ein bißchen Lust« empfindet (außer an der Handhabung und Durchsetzung von Macht), so bestimmt kein bißchen an irgendwelchen Untergängen. Wahrscheinlich wünschen sie und ihre Wähler sich dringender nichts für ihr Land als etwas Helmut Schmidtsche Stabilität und Solidität, und so verständlich das sein mag -- einen deutschen Zuschauer kann ein solches Programm schwerlich faszinieren. »Für den Deutschen, der England liebt«, so schrieb kürzlich Ralf Dahrendorf in seinem SPIEGEL-Essay (20/1979), »bedeutet Frau Thatchers Wahlsieg eine eigentümliche Abkehr des Landes von sich selbst.«

Karl Heinz Bohrer, kern Zweifel, »liebt« England so gut wie Dahrendorf, wenn auch mit anderer Emphase, mit flammenderen Farben, vehementeren Akzenten. Aber letztlich gibt es für solche Liebe jenseits der eigenen Landesgrenzen immer nur den einen gleichen Grund: die Unzufriedenheit mit den Zuständen zu Hause. Die hat Bohrer seinen englischen Essays auch heftig und unüberhörbar eingeschrieben.

Damit stellen sich die Lageberichte des Londoner Korrespondenten der »FAZ« in jene große, lange Tradition kulturkritischer Auslandskorrespondenzen, die von Tacitus bis Heine oder Joseph Roth reicht. Als Tacitus das Modell seines reineren Germaniens konstruierte, war sein »eigentliches« Thema ja die Verkommenheit Roms; was Heine aus Paris berichtet, ist immer auch Polemik gegen den Mief rechtsrheinischer Zustände; wenn Bohrer nun die milden und wilden Wonnen englischer Dekadenz feiert, so liegt darunter, auch unausgesprochen, stets eine Stimmung von Ungeduld, ja Verachtung angesichts der unheilbaren Gesundheit unserer Bundesrepublik. Sein Englandbuch wird dadurch spannend, daß es »im Grunde« ein Deutschlandbuch ist.

Dekadenz also, auch wenn das Wort für unsere Ohren immer noch französisch klingt, wäre der beste Inbegriff jener britischen Phänomene, die Bohrer vor allem faszinieren. Auf der Insel, »singulär in ihrer keuschen Lage«, seit Jahrhunderten beobachtet als »Seismograph der westlichen Welt«, haben bürgerliche Demokratie und bürgerlicher Kapitalismus sich zuerst in aller Breite und Kontinuität durchgesetzt. Machen die Engländer uns nun auch vor -- das ist die Frage, die sich seit ein oder zwei Jahrzehnten stellt -, wie der Zusammenbruch der modernen Zivilisation sich (politisch, wirtschaftlich) vollzieht, wie er (moralisch und ästhetisch) durchgestanden werden kann?

Für Bohrer jedenfalls, den deutschen Zuschauer, ist Verfall mit allen seinen Begleiterscheinungen der Apathie, der Frivolität, der Aggression, des Phantasie- und Lustgewinns der bewegende Vorgang auf der englischen Bühne. Ob Gewerkschaftspolitik, Gesichter in der Ü-Bahn, ein monumental verrottender viktorianischer Friedhof, Stratforder Shakespeare-Inszenierungen -- willkürlich und unwillkürlich ordnen sich alle seine Bilder und vor allem ihre Interpretationen zur Musterschau des Niedergangs, dem hier ohne Wehmut und Weinerlichkeit mit Leidenschaft und Vergnügen zugesehen wird. Und das nicht etwa, weil Bohrer zu jenen gehört, denen grundsätzlich dann warm ums Herze wird, wenn Dachstühle zusammenkrachen, die Fundamente bersten oder (sein eigenes Bild) ein Schiff »sich langsam zur Seite legt«. Wofür er allerdings Sympathie bekennt, das ist die englische »Befremdung vor der Zukunft«.

Wobei wieder dazuzudenken wäre, daß er eine ähnliche Sensibilität in seiner, unserer so geschichts- wie zukunftslosen Bundesrepublik vermißt. In diesen neuen »Betrachtungen eines Unpolitischen« lauten die Fronten also denkbar anders als in Thomas Manns berühmt-berüchtigtem, inzwischen gut sechzig Jahre veralteten Buch. Das Helmut Schmidtsche »Modell Deutschland« hat ja genau jenen materialistisch-pragmatischen, westeuropäischen Zivilisations-Standard erreicht, gegen den Thomas Manns Polemik damals sein Kultur- und Kaiserreich verteidigen wollte. Dieses BRD-weder-Vaternoch-Mutterland funktioniert, tüchtig, respektabel, geistlos. Es ist, so ließen sich Bohrers Vorwürfe zusammenfassen, ein Land ohne jede emotionelle und intellektuelle Ausstrahlung, ohne Interessantheit und Charme, ein Land ohne Kultur geworden. Oder, noch altmodischer und pathetischer ausgedrückt: Es hat seine Seele verraten.

Und plötzlich leuchtet ein, was erst absurd erscheint: daß ausgerechnet ein so teutonischer Kopf wie Bohrer sich auf eine Liebe zum entschlossen antiteutonischen England einlassen, einschwören konnte. Denn in einem englischen Stil sind, trotz ihres Themas und ihrer Sympathien, seine englischen Essays wahrhaftig nicht geschrieben, nicht trocken, leicht, witzig, nahe am Konversationston. Die Lust am Spekulieren treibt Bohrers Sprache oft zu Nebel- und Wolkenbildungen, die sich gewittermäßig verdichten, bis Thesen, Fragen, Urteile wie Blitz und Hagelschlag und Donner den Dunst durchschlagen.

Welche Lektionen also könnten die Zustände, die Stimmungen und Haltungen auf der Insel der aus der Art geschlagenen Heimat erteilen, in diesen siebziger Jahren, die Bohrer einmal beiläufig die »traurigen« nennt, ein anderes Mal die »zukunftslosen«? Bewundernd, auch befremdet bemerkt er immer wieder das starke, auch den englischen Alltag durchdringende Geschichtsbewußtsein, eine noch die Bilder des Fernseh-Wetterberichtes prägende nationale »Mythologie«, dieses oft schon narzißtische Starren in den Spiegel der eigenen Vergangenheit. Gerade während des tagtäglich fühlbaren Zusammenbruchs der alten eigenen Größe versichert sich also England wieder der eigenen nationalen Identität. Mit anderen Worten: Dort drüben reagiert man auf Verluste, ganz gleich, ob mit Trauer oder Trotz oder Hohn, mit fatalistischer Kälte oder lässigem Achselzucken. England also erlebt seine Dekadenz und bringt sie zum Ausdruck, mit dem »Charme. einer untergehenden Bourgeoisie oder einer anarchistisch-selbstbewußten Arbeiterschaft«. Die Deutschen dagegen. so lautet wieder die unterirdische Gegenrechnung, erleben nichts mehr, auch nicht, was sie verloren haben. Sie arbeiten, sozusagen besinnungslos, und führen der europäischen Mitwelt als wesentliche Werte ihres neuen nationalen Images »Effizienz (früher Tapferkeit), Intelligenz, Ordnung« vor. Kein Wunder, daß ihre Nachbarn sie längst für »Satrapen des häßlichen Amerikaners« halten.

Solche Argumentationssalven kann Bohrer aus zwei englischen Perspektiven abschießen, aus einer proletarischen (denn daß die deutschen Kollegen so beflissen funktionieren, gilt in der organisierten englischen Arbeiterschaft längst als Monstrosität und Rätsel), aber auch aus einer aristokratischen (denn Effektivität und Energie, Schuften für und Hingabe an eine Aufgabe, das gilt im Maßstab der englischen Gentlemen-Eliten nach wie vor als denkbar unfein: Stil hat nur, wer die »Lässigkeit des souveränen Nicht-Fachmanns, des mit Anmut Herrschenden« bewahrt).

So weit, so gut und wohl auch überzeugend. Nur fällt nun doch auf, wie sehr in diesem britischen Dekadenzpanorama die breite, dicke, mittlere middle dass fehlt, mit ihrer farblosen Vernünftigkeit, die plötzlich an Mrs. Thatchers Weg zurück nach oben zu hoffen glaubt (oder zu glauben hofft).

Für Oscar Wilde und Blake und Shakespeare, für Punk, für destruktive Labour-Intellektuelle und Präraffaeliten? für ein Cup-Final und den schnellen, blasierten Witz einer Club-Konservation, für alle. Wonnen tief oben und tief unten im Unter- und Überbau dieser Gesellschaft ist reichlich Platz in Bohrers britischem Pandämonium, auch für die Grabmäler längst verrotteter Viktorianer. Nicht dagegen für die vielen Überlebenden dieser Ära. Dieses puritanische Spießertum? das noch immer steife Rückgrat der Nation, gibt für Bohrers Blick und seine Botschaften ins bundesrepublikanische Arbeitslager nichts her. Es ist, so läßt sich diese auffallendste Lücke seines Buchs sehr knapp erklären, schlichtweg kein ästhetisches Phänomen.

Denn in Bohrers Essays wird die Welt vor allem als eine ästhetische Veranstaltung verstanden, als Zeichensystem und Inszenierung. Er sucht nach fruchtbaren, sprechenden, anschaulichen Details des englischen Lebens und geht von denen dann interpretierend »aufs Ganze«. Zum System, zum abstrakten, von Widersprüchen gereinigten Begriffsapparat aber darf dieses Ganze nicht werden. Erfahrbar, anschaulich soll es bleiben. Deshalb dieser starke Eindruck von Inszenierung, von Ideentheater, der von diesen Essays ausgeht. Selbst rein journalistische Unternehmungen wie eine Reise nach Nordirland und Dublin, in die Lager der IRA und ihrer Sympathisanten, werden nicht als Reportagen aufgezogen, sondern lesen sich wie bühnenhafte Szenen- und Gedankenfolgen. Shakespearesche Unwetter ziehen sich da zusammen, Shakespearesche Helden, Schurken, Räsonneure kommen zu Wort.

Leicht wäre es, aber auch müßig, die Bohrerschen Lockbilder mit anderen zu ergänzen, mit vermeintlich richtigeren zu korrigieren. »Englische Ansichten« verspricht der Untertitel, und »Ansichten« bedeutet ja beides: »Meinungen« und »Aspekte«. Bohrers Thesen verheimlichen nie, daß sie engagiert, subjektiv, auch offen für Widersprüche sind, vor allem aber bestimmt von dem Interesse, die Leser zu Hause zu reizen mit dem Zeitgeist und den Vergangenheiten einer anderen und, wie Bohrer behauptet, gerade in ihrer Dekadenz produktiveren Kultur.

Auch hierzu ließen sich freilich Gegenrechnungen aufmachen. Auf den Feldern des Kinos, der Literatur, der Philosophie, ja selbst des Theaters zum Beispiel läßt sich die Vitalität und internationale Ansteckungskraft der aktuellen englischen Produktion und die Sterilität der deutschen schwerlich beweisen. Doch selbst solche rechthaberischen Korrekturen verblassen, wenn man Bohrers Buch vor allem als Pamphlet begreift, als Klage und Provokation, adressiert an ein aus seiner Geschichte, genauer: aus seiner Geistesgeschichte so erbärmlich und fast bewußtlos herausgefallenes Deutschland. Nur zu diesem Zweck, glaube ich. läßt er auf seiner Bühne das britische Einhorn brüllen, den britischen Löwen taumeln und tanzen.

Unpolitisch an diesen neuen Betrachtungen zum alten Thema Kultur und Zivilisation ist ihre Perspektive. Denn auf eine Rückkehr des (nennen wir's ruhig so) deutschen Geistes zu sich selbst scheint Bohrer ja zu hoffen -wozu sonst die kräftige Predigt? Doch geschehen soll die offenbar allein aus den Kräften des Geistes, durch Akte idealistischer Selbstbesinnung. Solche plötzliche Morgenröte oder kräftige Abendröte allein im Überbau -- wie, warum und wann sollte die heraufdämmern? Oder, etwas realistischer gefragt: Wie könnten die politischen und ökonomischen Bedingungen für eine unverhoffte Renaissance oder auch nur ehrliche Dekadenz deutscher Kultur aussehen?

Eine peinliche Frage: Zu ihrem und unserem Glück kann sie im Augenblick niemand genau und verbindlich beantworten.

Reinhard Baumgart
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