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KINO Das Ende vom Anfang

»Crazy«, die Verfilmung des Buchs von Benjamin Lebert, schildert mit schöner Gelassenheit das Drama des Erwachsenwerdens.
aus DER SPIEGEL 23/2000

Es ist ein sonniger Sommertag am See, und weit draußen auf einem Holzfloß hat es der jugendliche Held endlich geschafft, allein zu sein mit der schönen Malen. Doch noch bevor er die tiefsinnigen Sätze sagen kann, die er sich in vielen Stunden zurechtgelegt hat, ist es wieder vorbei mit dem Glück zu zweit. Denn er ist nicht der Einzige, der das Mädchen da draußen liegen sah; und so beginnt wieder das alte Spiel aus supercoolem Jungsgehabe, wildem Mädchengekreische und tobsüchtiger Wasserspritzerei.

»Crazy« ist ein Film über das Erwachsenwerden. So was gibt es im deutschen Kino eher selten, im amerikanischen Kino dagegen bilden »Coming of Age«-Filme ein eigenes, oft höchst erfolgreiches Genre. Es gibt darin Meisterwerke wie Peter Bogdanovichs »Die letzte Vorstellung« von 1971 oder Francis Ford Coppolas »Rumble Fish« von 1983, aber auch lustigen Schrott wie den jüngst von Millionen jungen deutschen Kinobesuchern gestürmten »American Pie«.

Der große Brüller in »American Pie« ist eine Szene, in der einer der jungen Helden in eine Apfeltorte onaniert und dabei von seinem Vater ertappt wird; der mutmaßliche humoristische Höhepunkt für viele jüngere »Crazy«-Zuschauer dürfte der Onanie-Wettstreit einer Jungsrunde sein, bei dem ein Keks eine sehr zentrale Rolle spielt. Sieht ganz so aus, als müssten sich die Produzenten des Films nicht groß um seinen Erfolg sorgen.

Nebenbei ist »Crazy« die Verfilmung jenes Überraschungsbestsellers, der vor etwas mehr als einem Jahr das Feuilleton in einen Fachkongress für Jugendfürsorge verwandelte: Da hatte der damals 16-jährige Benjamin Lebert aufgeschrieben, wie es ist, in ein Internat abgeschoben, hoffnungslos verliebt und mit einer spastischen Lähmung der linken Körperhälfte geschlagen zu sein - und sein Buch »Crazy« verkaufte sich in sechs Monaten 130 000-mal.

Ein paar Kritiker - darunter Elke Heidenreich im SPIEGEL - fanden Leberts Geschichte toll; andere moserten, dem Werk fehle es an literarischer Qualität. Der eigentliche Streit aber drehte sich darum, durch welche wilden Verschwörungsränke »Crazy« zum Erfolg gepuscht worden sei und welch fatale Wirkung die Vermarktungsmaschinerie auf die Psyche des jugendlichen Autors haben könnte.

Lebert ist mittlerweile 18 und hat, das belegen seine Interview-Äußerungen zum Filmstart von »Crazy«, sowohl den Erfolgsrummel als auch die Bedenkenträgerei offenbar gut überstanden, die verkaufte Buchauflage geht mittlerweile auf die 300 000-Marke zu, und der Film schert sich - wiewohl für deutsche Verhältnisse ein echter Schnellschuss - um alle »Crazy«-Hysterie erfreulich wenig.

In schöner Gelassenheit bietet der Regisseur Hans-Christian Schmid, 35, der sich durch Filme wie »Nach fünf im Urwald« und »23« als kluger, wohl temperierter Kino-Erzähler ausgewiesen hat,

seinen Helden Raum für die Schilderung ihrer kleinen, geschlossenen Internatsbinnenwelt. Ganz allmählich freundet sich der schüchterne Neuling Benni (Robert Stadlober) mit seinem lebhaften Zimmergenossen Janosch (Tom Schilling) an, und ganz selbstverständlich verknallt er sich wie fast alle seiner Kameraden in die schöne Malen (Oona Devi Liebich).

Bennis Leiden unter dem eigentlich gutwilligen Mathelehrer, seine Begegnungen mit den zerstrittenen Eltern und der großen Schwester, die Streiche im Internat - das zeigt Schmid nicht als großes Drama, sondern als nur manchmal abenteuerliche Alltagsgeschichte. Und weil er nicht auf Typisierung und schnelle Lacher setzt, sondern sich ganz auf seine staunenswert geschickt zusammengesuchten jungen Schauspieler verlässt, vergisst man auch als Lebert-Leser bald die Buchvorlage zu diesem Film.

Dabei zeichnet Schmids Arbeit eine ähnliche Unbekümmertheit aus wie Leberts Internatsbericht. Nicht der Blick und das Urteil der (erwachsenen) Außenwelt sind wichtig, sondern allein die kleinen und größeren Sorgen, welche die Verwirrungen der Pubertät so mit sich bringen. Was »Crazy« im Film wie im Buch auszeichnet, ist die Genauigkeit, mit der da die alterstypischen Weltfragen nach dem Sinn des Lebens, der Freundschaft und der Liebe gestellt werden - und das Wissen, dass diese schöne, schwierige Zeit des Anfangs unerbittlich zu Ende geht. Natürlich wissen die »Crazy«-Helden, dass all ihre Weltfragen schon tausendmal gestellt wurden. Aber ist irgend jemandem jemals eine wirklich schlüssige Antwort eingefallen? WOLFGANG HÖBEL

* Mit Tom Schilling.

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