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Das Geheimnis des schwarzen Loches

SPIEGEL-Reporter Fritz Rumler über das Münchner Erfolgs-Stück »München leuchtet« *
aus DER SPIEGEL 11/1984

Er hat''s halt gern, der CSU-Oberbürgermeister Erich Kiesl, wenn »unser München richtig leuchtet«. Drum rief er, just am Faschingsdienstag, seine »lieben Münchnerinnen und Münchner« zum Handeln auf: Sie sollten »halt alle mitmachen für ein sauberes München«.

Vorbild sei da, fuhr der OB im amtlichen »Münchner Stadtanzeiger« fort, sein Dackel »Wasti«. Der habe es eingesehen: »Es muß ja nicht mitten auf dem Gehsteig sein.« Auch Zigarettenschachteln und Schokoladenpapier gehörten da nicht hin; man möge »unsere Stadt wie eine gute Stube behandeln«. Dazu »Ein Vergelt''s Gott schon im voraus«.

Nicht weit weg vom Münchner Rathaus stehen die »Münchner Kammerspiele«, ein Juwel im Jugendstil, die gute Stube unter den städtischen Theatern, reich an Tradition und Erfolgen und den Münchnern lieb und teuer; runde 20 Millionen Mark im Jahr beträgt die städtische Subvention.

Just am Faschingsdienstag ging da zum 16. Male etwas über die Bühne, das Kiesls »Wasti« von den krummen Beinen hauen müßte. Denn da wurde nicht nur auf den Gehsteig gemacht; ganz München schaut da wie ein Sauhaufen aus, das Rathaus wie ein Unrathaus, und »Wastis« Herrchen muß sich »Knödelgesicht« heißen lassen.

Was ja noch lieb ist; andere bekannte Gesichter laufen unter »Heimatverbrecher« und »Bauterroristen": Das Panorama eines Weißwurst-Dallas entrollt sich, böse, witzig, knochenhart, ein Spezi-Filz mit protzigen Parvenus, herzroher Loden-Jovialität, zotiger Klerisei und halbseidener Bussi-Schickeria, innig und im Kreuz-Stich durchwoben mit politischer Korruption.

Ein bayrischer Bau-Löwe namens Schergmeier hat in diesem Bühnen-München die Stadt und ihre Räte, Banken und den Bayernfunk fest im Griff; mal hier eine Bestechung, mal da eine Erpressung, und zum Finale werden er und seine Kumpane hoch geehrt: Sie kriegen den München-Orden »München leuchtet«.

Das Bühnenwerk, dito »München leuchtet« genannt, ist keinesfalls von fremdländischer Frevelhand verfaßt. Bewährte bayrische und eingebayerte Nothelfer, bekannt von Film ("Kehraus") und Fernsehen ("Scheibenwischer"), hatten sich wieder brüderlich zusammengetan - Gerhard Polt, Dieter Hildebrandt, Gisela Schneeberger, Otto Grünmandl, die Drei von der »Biermösl Blos''n« und Polts Regisseur Hanns Christian Müller.

Ihr stammspezifisches Gemeinschaftswerk, brettl-satirisches Volkstheater, steht nun schon zwei Monate im Programm der »Münchner Kammerspiele«. An die 12 000 Menschen haben es bereits gesehen, stets ist es ausverkauft, von fünf Uhr früh an belagern Hungrige den Vorverkauf.

Das kommt an deutschen Bühnen nicht alle Tage vor. Doch viel wundersamer ist die Wirkung, die das Werk und sein Erfolg auf den CSU-Stadtvater und die angeschossenen Verbände hat; nämlich keine, scheint es.

Kein schwarzer Aufschrei, da werde per Subvention die gute eigene Stube beschmutzt, kein Geheule getroffener Dackel, auch lurcht nicht gesundes Volksempfinden: Unter allen Gipfeln ist Ruh''.

Das kann nur die berühmte Langmut der legendären »Liberalitas Bavariae« sein - oder verordnete Ruhe vor dem Sturm: Das Geheimnis um das schwarze _(Mit Dieter Hildebrandt, Gerhard Polt, ) _(Gisela Schneeberger, Otto Grünmandl. )

Loch wird sich bald lüften. Am kommenden Sonntag ist in München Kommunalwahl, die CSU bangt um ihre absolute Mehrheit, und Erich Kiesl hat einen störenden, delikaten Grundstück-Deal mit einem Spezi am flinken Bein: mit einem Münchner Brau- und Baulöwen namens Schörghuber; Ruhe heißt da die erste Bürgermeisterpflicht.

Zwar weiß man in der CSU, daß die Leute, die in die »Kammerspiele« gehen, »uns eh'' nicht wählen«. Aber muß man denn die Pferde scheu machen, wenn man die Kuh vom Eis haben will? Friede sei erst mal das Geläute, die Rute kann man später, nach der Wahl, immer noch ziehen.

Stinken tut''s dem Oberbürgermeister schon gewaltig, daß sein Wahlkampf und sein Revier unter dem zweimonatigen sauren Dauerregen aus den »Kammerspielen« stehen; den Groll läßt er nur intern heraus, und seine fachmännische Kritik an »München leuchtet« - nämlich: »ganz langweilig, ganz schlecht« - ist ganz objektiv: Er hat noch keine Aufführung gesehen.

Der Bayer, der sich gern als liberaler »Weizsäcker des Südens« sieht, kann vor allem schwer verkraften, daß ein anderes bayrisches Standbild, Gerhard Polt, ihm den Tort antut. Er behilft sich mit der Deutung, der gute Polt werde »wie ein Tanzbär am Nasenring« geführt - von wem?

Natürlich von dem »Politclown Hildebrandt«, der ja bekanntlich im schlesischen Bunzlau das Licht der Welt erblickte und auch sonst in schlechter Gesellschaft zu finden ist; beispielsweise in der »Basiskartei Zersetzung« des »Militärischen Abschirmdienstes« (MAD).

Und nun spielt der Tanzbär Polt auf der Bühne ausgerechnet den allmächtigen Baulöwen Schergmeier, der mit dem Kiesl-Freund Schörghuber nicht nur physiognomische Ähnlichkeit hat. Denn dieser Josef Schörghuber kann, wie der Theater-Schergmeier, in München auch viele in Bewegung setzen.

Zunächst einmal kontrolliert er die Hälfte von Münchens Energie-Versorgung, den Bier-Fluß, als Herr der Paulaner-Salvator-Thomas-Hacker-Pschorr-Brauereien. Am bekanntesten freilich ist er als Baulöwe, und in dieser Eigenschaft hat er dem Freund Kiesl offenbar einen Bärendienst erwiesen.

Die Affäre ist stadtbekannt und zeitungsnotorisch, kurz: Schörghuber konnte ungemein günstig Stadtgrund erwerben (230 Mark pro Quadratmeter) und nach zwei Jahren zum Teil ungemein günstig verkaufen (930 Mark pro Quadratmeter). Kiesls Gegenkandidat bei den Kommunalwahlen, der SPD-Altoberbürgermeister Georg Kronawitter, spricht deshalb von einem »Baulandgeschenk« an Schörghuber von 20 Millionen Mark.

Im Wahlkampf, der durch den synchron laufenden Fasching endzeitliche

Dimension gewann, warf Kronawitter dem Erich Kiesl immer wieder genüßlich vor, er »verschörghubere« das schöne München. Maskiert als Dienstmann Alois Hingerl, eine Ludwig-Thoma-Figur, streute er am Rosenmontag kleine Dosen mit »Münchner Heimaterde« unters Volk.

Wahrhaft: Das Kabarett ist tot, es lebe die Regierung. Tatsächlich brauchte die »Münchner leuchtet«-Truppe für ihre Dallas-Version von München nichts zu erfinden. Die Eier des Kolumbus, um mit Hitler zu sprechen, liegen da auf der Straße. Vor mehr als einem halben Jahrhundert, als dieser Hitler noch in München herumstromerte, hat schon mal einer der Stadt ein Licht aufgesteckt: Lion Feuchtwanger.

Dessen wild gehaßter Schlüsselroman »Erfolg« faßte handelnde und behandelte Personen Anfang der 20er Jahre zu einem vitriolischen München-Panorama zusammen; mit den Paten, die »aus dem Hintergrund dirigieren«, mit den Patenkindern »aus dem dumpfen Stoff des Landstrichs, schlau, eng, ohne Horizont, winklig wie die Täler ihrer Berge«.

Feuchtwanger wollte keine »Einzelgesichter«, sondern »Typen« zeigen, sein Buch gebe »nicht wirkliche, sondern historische Menschen«. Die »München leuchtet«-Bruderschaft hat sich von Feuchtwanger anregen lassen, die Augen aufgemacht und Zeitungen gelesen.

Denn das ist ja nun wieder das Schöne an der guten Stube: Daß die Bosse- und Bussi-Schickeria sich gerne ausstellt, in die Klatschspalten drängt und man leicht erfährt, wann der Herr Stadtpfarrer Betzwieser mit dem Polizeipräsidenten in der Sauna war und wo Flick, der weiße Elefant der Szene, wieder mit wem ein Sektgelage warf.

Ähnlichkeit mit lähmenden Persönlichkeiten ist in »München leuchtet« oft beabsichtigt; auch für die Szenen aus dem Dickicht der Städte gibt es anregende Presseberichte: Wie ein Großmarkt-Chef einem Stadtrat mit Gattin je eine Krüger-Rand-Goldmünze in die Hand drückte, wie der Mercedes-»Statthalter« die gesamte CSU-Fraktion für ein Wochenende in ein Luxushotel lud ...

Und dazu kommen dann die kuriosen Sachen, die Satirikern Freude machen: die heilige Weißwurst, das Gezergel um das neue Kulturzentrum »Gasteig« und die Münchner Gemütlichkeit mit dem »Wasti« bei Fuß; deren falsche Töne bringen die virtuosen Musikanten von der »Biermösl Blos''n« zu hellem Klingen.

München leuchtet und Kiesl glänzt. Wenn er schon ein »Knödelgesicht« habe, dann sei es »das schönste Knödelgesicht von München«, sagt er. Und mit grimmem Scherz wurde in seiner Fraktion diskutiert, ob man die »München leuchtet«-Leute nicht doch besser ehren sollte - mit der schon tausendfach verliehenen Medaille »München leuchtet«.

Mit Dieter Hildebrandt, Gerhard Polt, Gisela Schneeberger, OttoGrünmandl.

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