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DRAMATIKER Das Gemeindeschwein

An der Wiener Burg wird »Das Alte Land« des jungen deutschen Autors Klaus Pohl uraufgeführt. *
aus DER SPIEGEL 11/1984

Daß das Alte Land, das fruchtbare Obstbaugebiet südlich der Unterelbe, einst preußisch war, ist längst Geschichte. Am 1. März 1947 um 18 Uhr hat, auf Beschluß der Alliierten, der Staat Preußen zu existieren aufgehört.

In dem Bauerndorf Appen ist der Tag gefeiert worden - so jedenfalls ist das diese Woche, weit vom Ort, in einem Theaterstück auf der Bühne des Wiener Burgtheaters zu sehen: ein bunter »Gemeindeabend« mit Streichquartett, Turnerriege und Puppentheater. Eine Frau Malitz, weit in den Westen vertriebene Ostpreußin, kommentiert Preußens endgültiges Ende: »Das hat noch gefehlt. Herrje. Und Marschmusik ist dann wohl auch nicht mehr?«

An jenem 1. März 1947 haben die Engländer im Stück außerdem verkündet: »Nicht genehmigt wurde von der Militärregierung eine Volksabstimmung über die Bodenreform« - das heißt, der Riß zwischen Einheimischen und Heimatvertriebenen verewigt.

Nicht nur auf das Stückchen deutscher Erde, das so heißt, auch auf jenen verlorenen Kampf gegen das alte Landrecht spielt der Titel des Schauspiels »Das Alte Land« von Klaus Pohl an: Es erzählt von verzweifelten, verbissenen und grotesken Auseinandersetzungen um die Bodenreform in den Jahren 1946/47 - im Alten Land wie überall.

Seit langem hat kein junger deutscher Autor mit solcher Kraft und Wucht, mit so selbstgewissem Anspruch ein Stück verschütteter Zeitgeschichte zum Drama geformt: Pohls »Altes Land« _(Klaus Pohl: »Das Alte Land«. Verlag der ) _(Autoren, Frankfurt; 168 Seiten; 16 Mark. )

ist ein theatralischer Brocken von der Breite und Figurenfülle einer Shakespeare-Historie. Vorbilder dafür gibt es weniger im Westen als in der frühen DDR-Dramatik, besonders in Heiner Müllers »Die Bauern":

Da ist einiges von Pohls erdig-geballter Volks-Kunstsprache vorgeprägt, und auch die Art, Gegenwartsfiguren durch die großen Theatergebärden der Klassiker ins Heroische zu vergrößern.

Ganz hamlethaft mit einer Nachtwache, mit »Wer da?« und Parolenwechsel beginnt schon der erste Akt, und immer wieder - mit einer pathetisch-visionären Sterbeszene, mit einem Theaterspiel im Theaterspiel, das zur Falle werden soll, und manchem Detail - spielt Pohl selbstbewußt auf das große Vorbild an: Er erzählt die Geschichte von der Enteignung einer Bäuerin, als handle es sich um das Schicksal einer Shakespeare-Königin, die um Thron und Reich gebracht werden soll.

Die Bauern im ersten Bild stehen nicht Nachtwache auf ihren Äckern, weil der tote Führer angeblich noch immer durchs Alte Land geistert, sondern damit die hungernden Vertriebenen (denen man widerwillig Quartier in Scheunen oder Katen geben mußte) nicht die Saatkartoffeln aus den Furchen klauen.

Und die Bauern nutzen die Nachtwache zu einer Verschwörung nach Königsmörder-Manier: Ihre Nachbarin soll ihren Hof einbüßen, weil sie zu freundlich mit dem verhaßten Flüchtlingspack umgeht, wenn nicht gar mit den »roten« Landreform-Agitatoren sympathisiert. Man will sie bei den »Tommys« als Lebensmittel-Betrügerin anzeigen, dann wird ihr der Hof entzogen.

Natürlich betrügen alle Bauern und hintergehen die Rationierungsgesetze, besonders beim Schlachten: Sie halten ein absichtlich unterernährtes »Gemeindeschwein«, das von Schlachttag zu Schlachttag weitergereicht und bei der amtlichen Wiegung vorgeführt wird - so kann jeder Bauer von der fetten Sau, die er dann tatsächlich schlachtet, das meiste für sich behalten. Die junge Bäuerin, von den Nachbarn denunziert, wird durch diesen Schweine-Trick um Hof, Liebe und Lebensglück gebracht: eine Tragödie wie irgendeine.

Klaus Pohl, von Beruf Schauspieler (sein Erstlingsstück »Da nahm der Himmel auch die Frau« wurde 1979 in München und Frankfurt aufgeführt), stammt nicht aus dem Alten Land und ist Jahrgang 1952. Ein Teil seines Stück-Stoffs stammt aus der eigenen Familiensaga (seine Eltern sind Flüchtlinge aus Ostpreußen), weit mehr Material, auch das theaterwirksame »Gemeindeschwein«, hat Pohl in ländlichen Archiven aufgestöbert. Diese Masse an zeitgeschichtlichem Stoff hat sein vielsträngiges Schauspiel prall mit Details gefüllt, die eigne Distanz zur Zeit hat ihm die Freiheit gelassen, dieses »Alte Land« mit wilder Theaterphantasie neu zu erfinden.

Ausgerechnet das Wiener Burgtheater, sonst selten bei neuen Autoren vorneweg, wagt diese Woche (Regie: Achim Benning) die Uraufführung dieses ungeheuer deutschen Dings: Ohne Donner wird das kaum ausgehen.

Die deutsche Premiere folgt in zwei Monaten in Köln, inszeniert von Jürgen Flimm, und dort wird auch Klaus Pohl selbst auf der Bühne stehen. Er spielt einen unbeirrbaren Nazi, der 1947 schon wieder ganz obenauf ist: Er schafft es, einen Kommunisten, der ihn kurz vor Kriegsende auf der Flucht vor der Hinrichtung zusammengeschlagen hat, nun endlich ins Gefängnis zu bringen.

Pohls Schauspiel endet nicht tragisch, sondern, weit schlimmer, mit einer Doppelhochzeit: Der neue Hofherr nimmt die entehrte, tief gedemütigte Bäuerin zur Frau, und sie muß mit dem tanzen, der sie denunziert hat; ein Flüchtlingsmädchen, das den Kommunisten _(Mit Maria Bill und Hjalmar Strnischtie. )

liebt, wird gewaltsam mit einem hinfälligen Kriegsblinden gepaart; dem aus dem Gefängnis entlassenen letzten Kommunisten drückt man ein Messer in die Hand, damit er sich endlich selbst umbringt; die Musik spielt dazu zum Tanz: grausige Morgenröte der Bundesrepublik.

Klaus Pohl: »Das Alte Land«. Verlag der Autoren, Frankfurt; 168Seiten; 16 Mark.Mit Maria Bill und Hjalmar Strnischtie.

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