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KINO Das Gesetz der Straße

Der Film »Eine Hand voll Gras« schildert die Dealerkarriere eines kurdischen Jungen - frei nach einer wahren Geschichte.
aus DER SPIEGEL 44/2000

Der Drogendealer trägt Lederjacke und ein unerschütterliches Selbstbewusstsein zur Schau. Lässig verkauft er kleine Heroinportionen, das Kügelchen zu 50 Mark. Süchtige, die nicht bezahlen können, haben Pech gehabt; der Dealer verhöhnt sie und schickt sie weg; er genießt seine Macht. Dann hüpft er fröhlich weiter. Der Dealer ist zehn Jahre alt.

Kendal, so heißt der kleine Heroinverkäufer, ist eine Kunstfigur aus dem neuen Kinofilm »Eine Hand voll Gras«, doch Anfang, Mitte der neunziger Jahre waren echte Kendals überall, wo kurdische Drogenclans ihren Geschäften nachgingen. Damals begannen die Gangsterbosse damit, unzählige Kinder und Jugendliche, die sie mit vielen Versprechungen ihren Eltern in der Türkei abgeschwatzt hatten, zum Arbeiten an die Drogenfront zu schicken.

Die Gesetze der Straße lernten die meist strafunmündigen Dealer schnell: Wer parierte, bekam kleine Geschenke oder wenigstens die beruhigende Auskunft, er helfe damit der Familie in der Heimat; wer auspackte, riskierte sein Leben. So wie der 16-jährige Cemal, dessen kurze Dealerkarriere in Hamburgs Problemviertel St. Georg 1992 in einem Wassergraben endete. Seine Mörder hatten ihm vier Kugeln in den Unterleib geschossen; als Cemals Leiche geborgen wurde, umklammerte seine starre Hand ein paar Grasbüschel aus der Uferbefestigung.

Von dieser Hand voll Gras, der Hilflosigkeit der Behörden und der Skrupellosigkeit der Hintermänner las auch der Hamburger Autor Uwe Timm - im SPIEGEL (49/1995). Timm, 60, mit Kinder- und Drehbüchern bekannt geworden ("Rennschwein Rudi Rüssel«, »Die Bubi Scholz Story"), recherchierte weiter und war schnell der Ansicht, dass sich das Thema nicht bloß für eine Reportage eigne. Er schrieb ein Drehbuch, das jetzt Roland Suso Richter ("Nichts als die Wahrheit"), 39, verfilmt hat: »Eine Hand voll Gras« schildert das Schicksal eines kurdischen Jungen, der in Hamburg zum Dealer ausgebildet wird, verbunden mit der Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft.

Ein Onkel holt Kendal aus dem Kurdengebiet der Türkei (gedreht wurde im Iran) nach Hamburg. Kaum angekommen, wird der Verwandte vorübergehend von der Polizei festgenommen. So nimmt sich, ebenso zufällig wie anfangs widerwillig, der Taxifahrer Hellkamp (Oliver Korittke) des Zehnjährigen an. Obwohl der Junge zunächst kaum Deutsch spricht, entwickelt Hellkamp bald väterliche Gefühle für Kendal; der Kontakt zwischen den beiden reißt auch dann nicht ab, als das Kind im Heim landet und nach und nach von seinen Landsleuten als Heroinhändler angelernt wird.

Schnell bewegt sich Kendal mit der Routine eines Profis auf dem großen Abenteuerspielplatz zwischen Drogenstrich und Fixerstuben, ohne dass sein erwachsener Freund etwas dagegen ausrichten kann - Hellkamp hatte einst mehr mit dem Milieu zu tun, als der Junge (und der Zuschauer) ahnt. Am Ende müssen sich die beiden entscheiden: Kendal zwischen seiner Sippe und einer ungewissen Zukunft; der Taxifahrer zwischen der Verantwortung für ein fremdes Kind und bequemer Lethargie.

Auch Drehbuchautor Timm und Regisseur Richter hatten eine Entscheidung zu treffen: Sollten sie ein hartes, realistisches Doku-Dama zeigen oder eher ein tränenseliges Kinderschicksal, das zufällig im Dealermilieu spielt? Sollten sie einen Film fürs gute Gewissen drehen oder für die Kinokasse? Kurz: Es ging mal wieder um die Frage, inwieweit sich Vorbilder aus der Wirklichkeit fürs Kino zurechtbiegen lassen, ohne dabei zu zerbrechen.

Doch Timm und Richter haben sich nicht entschieden, sondern vielmehr versucht, das eine zu tun, ohne das andere zu lassen. Deshalb sagt Kendal, nachdem er verblüffend schnell Deutsch gelernt hat, zwar dauernd »gefickt«, lässt das aber nach der ersten Ermahnung sofort sein. Deshalb ist der (komplett erfundene) Taxifahrer zwar ein kreuzbraver Kerl, schmückt seine winzige Wohnung aber mit einem martialischen Samurai-Schwert (sowie, da wird's dann endgültig unglaubwürdig, mit einer Stereoanlage von Bang & Olufsen).

Dass gerade die Szenen mit Kendal und Hellkamp dennoch sehenswert sind, liegt vor allem an den glänzenden Schauspielern; dass Kendal-Darsteller Arman Inci, 9, neben dem Routinier Oliver Korittke, 32, bestehen kann, ist die eigentliche Überraschung dieses Films.

Die Schwächen der Geschichte können jedoch auch die beiden Hauptdarsteller nicht vergessen machen. Der Film verheddert sich in Nebensächlichkeiten: Spätestens am Schneidetisch hätte man dem Regisseur den Mut gewünscht, sich von etlichen überflüssigen Szenen zu trennen.

Warum zum Beispiel muss ein Taxigast (Dieter Pfaff) minutenlang über seinen Job als Tierfuttermittelvertreter dozieren? Warum taucht mitten im Film plötzlich Hellkamps Freundin (Lisa Martinek) zwei Szenen lang auf, um dann auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden? Es sind diese vermeintlichen Bagatellen, die »Eine Hand voll Gras« auf fast zwei Stunden strecken und dabei viel von seiner Kraft rauben.

Schade, denn das Thema ist allgegenwärtig. Wenn in dieser Woche die Premieren-Party von »Eine Hand voll Gras« in einer Bar in Hamburg-St. Georg gefeiert wird, stehen die echten Dealer nur ein paar Straßen weiter. MARTIN WOLF

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