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»Das ging nicht ohne Widersprüche ab«

aus DER SPIEGEL 16/1975

SPIEGEL: Herr Sitte, Sie sind der erste prominente Maler der DDR, der in der Bundesrepublik repräsentativ vorgestellt wird. Sieht die Auswahl Ihrer Bilder anders aus als für eine Sitte-Ausstellung in der DDR?

SITTE: Nein, das würde ich niemals zulassen. Ich bin daran interessiert, mich in der Bundesrepublik so vorzustellen, wie ich in meinen Bildern wirklich bin.

SPIEGEL: Das Publikum von Hamburg ist nicht das von Halle. Ist Ihre Malerei für einen Betrachter, der nicht Ihren politischen Standpunkt teilt. überhaupt sinnvoll?

SITTE: Ich glaube, daß die Thematik und ihre Formulierung mit formalkünstlerischen Mitteln jeden Betrachter, unabhängig von seiner politischen Haltung, erreichen wird. Meine weltanschauliche Position ist eindeutig aus den Bildern ablesbar, auch von Menschen, die nicht meiner Meinung sind. Mit denen läßt sich dann streiten.

SPIEGEL: Sie sind derzeit der oberste Repräsentant der Künstler in Ihrem Staat, aber Sie waren nicht immer so wohlgelitten. Was hat sich da geändert?

SITTE: Es ist zu keiner Zeit und in keinem Bereich unserer gesellschaftlichen Entwicklung leicht gewesen, den Sozialismus aufzubauen, auch in der Kunst nicht. Daher ist es erklärlich. daß auch ich es in der Vergangenheit nicht immer leicht hatte. Unsere Kunstentwicklung hat sich in dialektischer Wechselwirkung mit dem gesellschaftlichen Partner kontinuierlich, aber nicht ohne Diskontinuität vollzogen. Das ging also nicht ohne Widersprüche ab, Widersprüche auch in künstlerischen Auffassungen, die am Ende immer gelöst wurden. Rückblickend beurteilt man manche Situation und manches Ereignis in der Vergangenheit anders.

SPIEGEL: Bedeutet das: Sie distanzieren sich nun von früheren Phasen Ihres Werkes?

SITTE: Ich möchte nichts davon zurücknehmen. Ich stehe zu den Arbeiten, die ich in früheren Perioden geschaffen habe, und stehe auch bedingt dazu, wie ich mich verhalten habe.

SPIEGEL: Mittlerweile scheint sich der sozialistische Realismus. der, zumindest vom Westen aus gesehen, lange Zeit nur ein Synonym für platte Propaganda war, erheblich aufzulockern und aufzufächern. Können Sie dieser Beobachtung zustimmen?

SITTE: Ja, wenn man auffächern so versteht, daß alle Lebensbereiche bei uns in der DDR legitim und gestaltenswert in der Kunst geworden sind. Immer unter der Voraussetzung, daß wir uns in sozialistischen Verhältnissen entwickeln.

SPIEGEL: Schließt das die Möglichkeit einer Kritik an der sozialistischen Wirklichkeit ein?

SITTE: Es würde im Rahmen dieses Gesprächs zu weit führen, Ihnen das Funktionieren der sozialistischen Demokratie in der DDR zu erläutern. Nur mit Mitteln der Kunst unliebsame Erscheinungen im sozialistischen Alltag zu kritisieren, wäre bei uns nicht wirkungsvoll genug. Natürlich nehmen wir Kritisierenswertes auch mittels der Kunst auf die Hörner, die Proportionen müssen aber letztendlich stimmen. Ich finde hierbei keinen Gegenstand, der mich zur Schaffung eines Triptychons provozieren würde.

SPIEGEL: Die formalen Möglichkeiten sind jedenfalls vielfältiger geworden?

SITTE: Ja, keine Frage; aber nicht nur die formalen Möglichkeiten. Und das ist gut so.

SPIEGEL: Ist denn von jedem Bild oder jeder Plastik, die irgendwo in der DDR ausgestellt werden, zu fordern, sie müßten die Merkmale des sozialistischen Realismus tragen?

SITTE: Der sozialistische Realismus ist keine Modeerscheinung. Es ist eine Frage des Verhältnisses des Künstlers zum Sozialismus und nicht nur eine Frage der Form. Die letzten Bezirkskunstausstellungen 1974 und 75 haben gezeigt, daß es bei uns auch andere Auffassungen gibt und sicher noch lange, wenn auch vereinzelt, geben wird.

SPIEGEL: In Fachdiskussionen Ihres Verbandes ist bereits vor der »Gefahr eines neuen Ästhetizismus« gewarnt worden. Sehen Sie eine solche Gefahr?

SITTE: Nicht akut. Aber ich finde es richtig, daß wir offen über diese Möglichkeiten, die natürlich im Schaffensprozeß zuweilen auftreten können, sprechen. Es geht ums gesellschaftliche Gebrauchtwerden, das bei uns in hohem Maße vorhanden ist.

SPIEGEL: Inwiefern wird Ihre Malerei gebraucht?

SITTE: Ich möchte, knapp gesagt, aus der Gesellschaft heraus mit meiner Kunst in die Gesellschaft hineinwirken. Wir Künstler in der DDR haben nicht nur das Gefühl, sondern wir haben die Beweise, daß wir gebraucht werden. Die letzten Ausstellungen in den Bezirken sind, man kann fast sagen, von Millionen von Menschen besucht worden -- allein in Leipzig über 100 000, in Berlin 75 000 und so weiter. Ein großer Prozentsatz sind Jugendliche, und das wirkt sich natürlich stimulierend auf die Arbeiten und auf den Inhalt unserer Arbeiten aus. Was mich besonders interessiert, ist das unmittelbare Zusammengehen mit dem arbeitenden Menschen. Ich finde es ermutigend, mit welcher Achtung und Freundschaft man uns begegnet. Für mich ist der »Arbeiter« nicht in erster Linie eine Berufsbezeichnung, vielmehr eine Klassenfrage.

SPIEGEL: Diskutieren Sie mit den Arbeitern eines Werkes, in dem Sie malen, Inhalt und Form Ihrer Bilder?

SITTE: Ja, aber nicht in dem Sinne, daß ich mir sagen lasse, was und wie ich es zu machen habe. Wir haben es heute mit einem aufmerksamen und gebildeten Partner zu tun.

SPIEGEL: Führen Sie häufig konkrete Aufträge aus?

SITTE: Ganz selten, die Aufgaben habe ich mir selbst gestellt. Und ich glaube, daß ich damit für mich richtig gehandelt habe, weit ich selbst am besten entscheiden konnte, was jeweils für meine weitere Entwicklung notwendig war.

SPIEGEL: In den Räumen, in denen nun Ihre Bilder hängen, ist kürzlich »Kunst im Dritten Reich« gezeigt worden, und Kritiker ganz unterschiedlicher Richtung haben gemeint, man solle -- als Kontrast oder als Parallele auch Beispiele des sozialistischen Realismus danebenhängen. Was sagen Sie dazu?

SITTE: Ich halte schon die Fragestellung für paradox. Sozialistischer Realismus und Nazi-Kunst haben nicht nur ideologisch, sondern auch in ihren formalen Mitteln, die natürlich durch den Inhalt geprägt werden, nichts miteinander zu tun. Diese Konfrontation muß ich kategorisch ablehnen.

SPIEGEL: Glauben Sie, daß auf Ihre Hamburger Ausstellung ähnliche Präsentationen von DDR-Künstlern in der Bundesrepublik folgen werden?

SITTE: Ich hoffe, daß diese Ausstellung mit dazu beitragen möge, daß recht bald ein Kulturvertrag abgeschlossen wird. Bis zu einem solchen Vertrag ist diese Ausstellung eine Ausnahme, die sich kaum wiederholen läßt.

SPIEGEL: Könnte umgekehrt eine entsprechende Ausstellung eines bundesdeutschen Künstlers in der DDR gezeigt werden?

SITTE: Es sind Bemühungen um eine Ausstellung des realistischen Kunstschaffens in der Bundesrepublik im Gange.

SPIEGEL: Muß es unbedingt realistisch sein?

SITTE: Wissen Sie, wir möchten natürlich von einer solchen Ausstellung auch etwas profitieren. Ich wäre zum Beispiel nicht an einer Ausstellung von Beuys bei uns interessiert. Das wäre eine Information, die uns höchstens zeigen könnte: So denken wir uns unsere weitere Entwicklung nicht.

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