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AUTOREN Das Glück der Toten

Der afghanische Autor Atiq Rahimi hat im Pariser Exil seinen ersten Roman geschrieben: eine bedrückende Parabel über den Kreislauf von Krieg und Vergeltung.
Von Romain Leick
aus DER SPIEGEL 5/2002

Die Heimat, in die er nun bald zum ersten Mal zurückkehren wird, ist nur noch eine ferne Erinnerung. Aber die Bilder sind unauslöschlich ins Gedächtnis gebrannt: Der graue Staub, der von jedem vorbeifahrenden Lastwagen aufgewirbelt wird und sich auf allem niederlegt, dem Turban, den Wimpern, den Lippen. Das ausgetrocknete Flussbett mit schwarzen Steinen und gelben, dornigen Sträuchern. Die Berge, die sich unter der Sonne rot färben, als hätten sich die Felsen in glühende Kohle verwandelt.

Träume und Bilder, die den Schlaf begleiten, einen nicht mehr loslassen, und doch hätte man sie am liebsten nicht gesehen. Es wäre heilsamer, das Leben wie ein neugeborenes Kind von vorn zu beginnen, ohne Erinnerungen an Staub und Flammen, Schreie und Blut.

Atiq Rahimi hat Afghanistan 1984 verlassen, 22 Jahre war er damals alt. Der junge Mann aus wohlhabender und gebildeter Familie - sein Vater war zur Zeit des Königs Zahir Gouverneur im Pandschir-Tal - floh vor den Russen, den Kommunisten und dem drohenden Wehrdienst, erst nach Pakistan, dann nach Frankreich. Wie Ahmed Schah Massud, der legendäre Militärchef der Nordallianz, hatte er in Kabul die französische Schule besucht und dort Abitur gemacht.

Aus den Bildern und den Träumen, die ihn heimsuchen wie jeden Afghanen, hat Rahimi, 39, seinen ersten Roman gemacht. Er schrieb ihn in seiner Muttersprache, dem afghanischen Persisch. Vor zwei Jahren erschien die französische Ausgabe; kaum jemand beachtete sie, so wie auch Rahimis geschundene Heimat von einer gleichgültigen Öffentlichkeit lange ignoriert wurde.

Der 11. September 2001 hat das Leben des unbekannten Autors im Pariser Exil schlagartig verändert. Rahimi ist plötzlich die literarische Stimme Afghanistans geworden. Sein Werk wurde neu aufgelegt, es verkauft sich blendend. Auf der Frankfurter Buchmesse wurden die Rechte daran in ein Dutzend Länder verkauft. Jetzt kommt die schmale Erzählung, einfühlsam aus dem Original übersetzt, in den deutschen Buchhandel**.

Das vergessene Land am Hindukusch, durch die Attentate in New York und Washington plötzlich im Mittelpunkt der Weltpolitik, strahlt wieder jene Faszination aus, die schon die Reisenden und die Schriftsteller vergangener Jahrhunderte in ihren Bann zog. In Amerika wie in Europa stehen Erlebnisberichte von Afghanen auf den Bestsellerlisten, etwa die Schilderungen der Autorinnen Siba Shakib ("Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen") und Latifa ("Das verbotene Gesicht") über ihr Leben unter den Taliban.

Rahimi schreibt nicht als Augenzeuge. Für ihn ist Afghanistan wie ein zerbrochener Spiegel, in Scherben geschlagen von den sowjetischen Invasoren, den lokalen Kriegsherren und den hereingeströmten Islamisten. Mit seinem Roman hebt er einen Splitter auf und sieht darin die ganze Wahrheit seines verwüsteten Landes, in dem die Erde zu Asche geworden ist und die Menschen ihre Würde verloren haben.

Rahimi schreibt gegen den Krieg, den Schrecken, und das Vergessen. Er erzählt mit beklemmender Intensität eine schlichte Geschichte: die eines alten Mannes und seines Enkels, die als Einzige eine Vergeltungsaktion der sowjetischen Besatzungsarmee gegen ihr Dorf überlebt haben.

Der Großvater und das Kind, das im Bombenhagel taub geworden ist, machen sich auf den Weg zu einer Kohlengrube im Norden Afghanistans. Dort im Stollen arbeitet Murad, der Sohn des Alten und Vater des kleinen Yassin.

Der alte Dastagir erachtet es für seine Pflicht, seinem Sohn die schreckliche Nachricht vom brutalen Feuertod des Restes seiner Familie persönlich zu überbringen, obwohl er sich vor der Begegnung fürchtet, »denn was habe ich verbrochen, dass ich am Leben geblieben bin, um zu sehen ... Heutzutage sind die Toten glücklicher als die Lebenden«.

All sein Kummer bedeutet nichts im Vergleich zu dem, es dem Sohn sagen zu müssen; Murad, sein einziger Sohn, das ahnt er, wird wahnsinnig werden, »mit rot angeschwollenem Nacken wird er Rache nehmen« wollen, für ihn muss Blut mit Blut gesühnt werden. Auge um Auge, Zahn um Zahn, das ist das Gesetz, das Afghanistans Unglück diktiert: »Entweder trägst du Blut an der Kehle oder an den Händen.« Und Murad ist keiner, der sich vor blutigen Händen fürchtet. Es ist dieser rasende Kum-

mer, der die Menschen in Afghanistan verdorben hat, denn er schmilzt nicht zu Tränen und rinnt aus den Augen. Afghanische Männer weinen nicht. Ihr Kummer wird zu einem Schwert. »Oder er verwandelt sich in deinem Innern in eine Bombe. Eine Bombe, die eines Tages hochgeht und dich zerbersten lässt ...«

Die Afghanen sind kriegsmüde, aber sie sind mit ihrem Schicksal und ihrer Vergangenheit noch nicht fertig geworden. Rahimi glaubt, dass sich Afghanistan aus dem ewigen Kreislauf seiner Tragödien nur befreien kann, wenn es zu trauern beginnt. In der Trauerarbeit, in der Annahme des Leids und seiner Bewältigung, liegt der Schlüssel für den Verzicht auf Rache.

Dieser Wandel der Mentalität setzt für Rahimi auch eine neue Deutung des Islam voraus. Statt des kämpferischen, erobernden Islam mit seinem Märtyrerkult wünscht er sich die Rückbesinnung auf die Tradition des Sufismus, jener mystischen Frömmigkeit, die den Glauben zu einer inneren Angelegenheit des Menschen auf der persönlichen Suche nach Gott werden lässt. Im Zentrum der Religion soll die Liebe zu Gott stehen, nicht die Angst vor ihm, seinem Zorn und seiner Strafe.

Mehr als 20 Jahre Krieg haben den Geist und die Identität der Afghanen zerstört, klagt Rahimi. In dem verbrannten Land leben nur noch verlorene Generationen, wie er in seiner Parabel vom Großvater, dem Sohn und dem Enkel zeigt.

Der alte Dastagir bekommt seinen Sohn in der Kohlengrube nicht zu sehen. Die Machthaber wollen aus dem Bergarbeiter Murad einen Modellproletarier machen, ihn zu einem Lehrgang in die Sowjetunion schicken. Deshalb haben sie ihn belogen. Sie haben ihm gesagt, dass nicht die Russen, sondern die Widerstandskämpfer seine gesamte Familie ermordet hätten - auch den Vater und den Sohn. Ob er je die Wahrheit erfahren wird, bleibt ungewiss.

Rahimi hofft, dass die afghanische Diaspora sein Buch über die deutsche Ausgabe entdecken wird, denn in Deutschland leben die meisten nach Europa geflohenen Afghanen, auch Rahimis Schwester.

Für den Fernsehsender Arte wird der Autor jetzt einen Dokumentarfilm über Afghanistan drehen. Diese Rückkehr, sagt er, »wird für mich ein großes Abenteuer. Die Emotionen müssen kontrolliert werden«.

Rahimi hat seine Trauerarbeit geleistet, durch die Katharsis des Schreibens. Sein zweiter Roman ist fast fertig. »Die tausend Häuser des Traums und des Schreckens« soll er heißen. Die Hauptperson ist diesmal eine Frau. Die Handlung spielt sich nicht mehr in der kargen, grandios-bedrohlichen afghanischen Landschaft ab, sondern in einem geschlossenen Raum: schwarze Nacht, sonst nichts, und das Werk des Dichters wie ein Schrei darin. ROMAIN LEICK

* In der Umgebung von Kabul.** Atiq Rahimi: »Erde und Asche«. Aus dem afghanischen Persischvon Susanne Baghestani. Claassen Verlag, München; 104 Seiten; 13Euro.

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