Zur Ausgabe
Artikel 72 / 110
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

MUSIK Das Göttliche

Von Joachim Kronsbein
aus DER SPIEGEL 18/2004

Der Künstler ziert sich. Mut zur Schönheit in der zeitgenössischen Musik? Oje, das sei ein »extrem konservativer Trend, den ich verabscheue«. Lieber spricht Moritz Eggert, der erfolgreiche Münchner Komponist und Pianist, von der viel unverdächtigeren »Faszination der Musik« und holt gleich zum historischen Vergleich aus. Was die Melomanen heute an Mozart, Beethoven oder Haydn als schön empfänden, hätten die Zeitgenossen von damals möglicherweise gar nicht als Wohlklang gehört. Damals sei die Klassik ja die revolutionäre, zeitgenössische Musik gewesen.

»Die Wahrnehmung von Schönheit ändert sich«, meint Eggert, 38. Er hat in seinen 144 Werken - darunter Klavier-, Kammer- und Orchestermusik und einige Opern - durchaus Passagen komponiert, die seinen Zuhörern als angenehm schön auffallen. Die Komponisten des 18. oder frühen 19. Jahrhunderts hätten, sagt er, noch ungeniert zugeben können, »schöne Musik« schreiben zu wollen. Der Kollege von heute, der mit mehr als einem halben Dutzend internationaler Kompositionspreise bedacht wurde, ringt sich immerhin zu dem Bekenntnis durch: »Ich würde nie eine schöne Stelle wegstreichen, weil ich sie zu schön finde. Nie und nimmer.« Nur: Wer einen Effekt wissentlich um des Effektes willen verwende und ihn gar mechanisch wiederhole, der produziere letztlich Kitsch. Das Publikum habe zwar ein »Recht darauf, unterhalten zu werden«, man dürfe es aber auch nicht unterfordern.

Und so komponiert Eggert in einem Stil, der zwischen allen Genres changiert und, wie die Musikkritik attestiert, mit seinen »Klangfarbfeldern, Geräuschflecken oder Lärmstößen« ein »Faszinosum virtuosester Klangentfesselung« erzeugt. Dabei erweise er sich als Künstler von »genießerischer Originalität«.

Vor allem aber hat Eggert Humor. In seinem Zyklus »Hämmerklavier« - Anspielung auf Beethovens seinerzeit als unspielbar geltende »Hammerklaviersonate« - ist das Hämmern wörtlich gemeint. Eggert, sein bester Interpret, spielt mit vollem Körpereinsatz, mit Stirn und Fuß und lässt den Flügel zum Schlaginstrument werden.

In der zeitgenössischen Musik ist er eher ein Einzelgänger, jedenfalls keiner, der sich wie die elitären Komponisten der Darmstädter Schule in den fünfziger und sechziger Jahren »bewusst hermetisch« gegen das Publikum abschottet. Das findet er »unredlich«. Deshalb ist er sich auch nicht für Kinderopern zu schade, etwa für das anspruchsvolle, rotzfreche Werk »Dr. Popels fiese Falle«.

Die Schönheit in der Kunst, davon ist der Komponist überzeugt, kann allerdings auch im Missglückten blühen:

Die bewegendste Opernaufführung erlebte Eggert in Kiew bei einem »Don Giovanni": »Schlechtes Orchester, schlechte Solisten, grauenhafte Regie.« Und doch: Wie durch einen Zauber, der sich rationaler Erklärung entzieht, bekam der Abend Magie. Mozarts Genie oder das, was Eggert »mit aller Vorsicht das Göttliche« daran nennt, triumphierte über die Widrigkeiten der Realisierung. Ein schöner Abend. JOACHIM KRONSBEIN

Zur Ausgabe
Artikel 72 / 110
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.