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AUTOREN Das Graue vom Himmel

Mit zwei Erinnerungsbänden erschrieb sich der US-Amerikaner Tobias Wolff literarischen Ruhm - sein jüngster Erzählband zeigt ihn als Meister der Kurzgeschichte.
aus DER SPIEGEL 5/1999

Was treibt eine Frau dazu, sich in einen Kerl zu verlieben, der zweifarbige Schuhe trägt? Und was sind das für Typen, die riskieren, auf einer schlammigen Straße irgendwo in Vietnam mitsamt ihrem Jeep von einer Mine zerfetzt zu werden - nur um sich einen Fernseher zu organisieren, auf dem sie eine Folge von »Bonanza« anschauen können?

Tobias Wolff, 53, kennt die Frau mit dem Hang zu falschen Männern recht gut; sie ist seine Mutter. Und einer der beiden GIs, die damals durch das Mekong-Delta brausten, war er selbst. Aufgeschrieben hat der amerikanische Schriftsteller die Geschichten in seinen beiden brillanten Erinnerungsbänden »Das Blaue vom Himmel« und »In der Armee des Pharaos« - aber warum diese Menschen so handeln, wie sie es tun, das hat Wolff dort nicht erklärt. Und auch seine im Vorjahr auf deutsch erschienene Kurzgeschichtensammlung »Die entscheidende Nacht« präsentiert Notizen aus jenem rätselhaften Zwischenreich, in dem sich Alltag und Wahnwitz überschneiden, Erinnerung und Selbstbetrug, die Träume der Kindheit und das Scheitern des Erwachsenenlebens*.

Da ist zum Beispiel der Lehrer Wiley, der sich in einer Bar in eine Frau verliebt, sich auf der Straße von deren Begleiter zusammenschlagen läßt und dann vor dem Spiegel daheim im Bad von Rührung über das eigene Schicksal überkommen wird: »Voller Zärtlichkeit dachte er an den Menschen hinter dieser grausigen Maske, als wäre es nicht sein eigenes Gesicht, sondern das eines mißhandelten Kindes.«

Wolff porträtiert den wehleidigen Verlierer, ohne zu denunzieren; aber mit ein paar Sätzen entlarvt er dessen Selbsttäuschung. Als eine Frau den Kerl abweist -»Wagen Sie es ja nicht, mich noch einmal bei der Arbeit

* Tobias Wolff: »Die entscheidende Nacht«. Aus dem Amerikanischen von Ulrich Blumenbach und Frank Heibert. Verlag Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins, Hamburg; 240 Seiten; 20 Mark.

anzurufen« -, heißt es im Text: »Wiley gefiel der letzte Satz; er implizierte, daß sie sich eine Zukunft mit ihm vorstellen konnte.« Noch lakonischer beschreibt Wolff den Vietnam-Soldaten B. D., der glaubt, daß er »für einen Freund alles tun würde« - und trotzdem seinen Kameraden Ryan im entscheidenden Moment nicht rettet.

Als Wolff seine Kindheit mit einer Mutter, die die Suche nach dem richtigen Mann quer durch die USA trieb, überstanden hatte, erschlich er sich ein Stipendium an einer guten Privatschule. Doch dann meldete er sich ohne Schulabschluß freiwillig zur Armee und zog in den Krieg nach Vietnam. Danach reiste er durch die Welt, kam nach Oxford, blieb dort vier Jahre - und kehrte mit einem Literatur-Abschluß der Edel-Uni in die Heimat zurück.

Heute lebt Wolff im kalifornischen Palo Alto und unterrichtet Literatur an der Stanford-Universität. Spätestens seit Hollywood 1993 seine Erinnerungen »Das Blaue vom Himmel« unter dem Originaltitel »This Boy''s Life« verfilmte, ist er berühmt. Der gebräunte Mann mit der Halbglatze hat sich seinen Erfolg erarbeitet, indem er sein Leben bändigte. Bei Avocado-Huhn und trockenem Weißwein im Restaurant »The Good Earth« doziert Wolff: »Der größte Feind guter Literatur ist Sentimentalität, weil sie alles verfälscht. Es ist außerdem eine zu bequeme Lebenshaltung - wie übrigens auch der allzu leichte Zynismus.«

Zynisch könnte man etwa die Geschichte des Soldaten Miller nennen: Dem sagt ein Sergeant, daß seine Mutter gestorben sei - doch weil es noch einen zweiten Miller im Regiment gibt, glaubt er fest an einen Irrtum und freut sich auf ein paar Tage Heimaturlaub. Abermals also die Geschichte eines Sohnes und seiner Mutter - und abermals eine Story voller Schuld und Bitterkeit. So erfährt der Leser, daß Miller den Kontakt zur Mutter abgebrochen hat, und dies »war als ihre Strafe gedacht, aber es ist zu seiner geworden. Ihm wird klar, daß er damit Schluß machen muß. Sonst bringt es ihn um«. An der Haustür dringt ihm dann das Parfüm der Trauergäste in die Nase.

Wolff schildert das Graue vom Himmel - und er tut es allein durch Beobachtungen, ohne trübe Psychologie: Eben darin erweist sich seine literarische Meisterschaft.

Warum hat er als Junge trotz der Abneigung gegen seinen Stiefvater nichts gegen die Heirat seiner Mutter getan? Aus einer Art von kalkuliertem Opportunismus, sagt Wolff heute. Am Ende des Mittagessens hat er es plötzlich eilig. Er muß noch seine Mutter aus dem Altersheim abholen.

* Tobias Wolff: »Die entscheidende Nacht«. Aus demAmerikanischen von Ulrich Blumenbach und Frank Heibert. VerlagRogner & Bernhard bei Zweitausendeins, Hamburg; 240 Seiten; 20Mark.

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